Auch an hiesigen Grundschulen nutzen Lehrer den Lernansatz „Schreiben nach Gehör“. Dieser ist durch eine Studie in Kritik geraten, doch die Schulen sehen auch die Vorteile der Lernstrategie.

Kamen

, 10.10.2018, 14:39 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Kinder schauen konzentriert zur Tafel. „Klatscht mal das Wort Tomate“, sagt Lehrerin Angelika Bauer. „To-ma-te“, rufen die Kinder freudig und klatschen bei jeder Silbe einmal in die Hände. „Mit welchen Buchstaben fängt das Wort Tomate an?“, will Bauer wissen. Die Kinder schauen kurz auf ein großes Poster an der Wand und rufen „‘t‘ wie Tisch“. So geht es weiter, das „m“ kennen die Schüler von dem Wort Maus, das „a“ von dem Wort Affe.

Angelika Bauer unterrichtet die Klasse 1a an der Jahnschule. Die Grundschullehrerin hat zudem eine zweijährige Ausbildung zur Lese-Rechtschreib-Therapeutin absolviert. Bauer vertritt die Meinung, dass der zurzeit viel diskutierte Ansatz „Schreiben nach Gehör“, der mit gewissen Abwandlungen auch als „Lesen durch Schreiben“ bezeichnet wird, sinnvoll ist. Doch bei den Diskussionen, die zurzeit über dieses Thema geführt werden, sträuben sich ihr die Haare. „Es melden sich einfach zu viele Nicht-Fachleute zu Wort“, klagt sie.

Die Bonner Studie

Die Kritik an dem Ansatz, die zurzeit in den Medien geäußert wird, bezieht sich oftmals auf eine Studie von Bonner Psychologen, in der die Fibelmethode für Grundschüler deutlich besser abschneidet als andere Ansätze, darunter auch „Lesen durch Schreiben“. Bei der Fibelmethode werden Buchstaben schrittweise und systematisch gelernt, von der Aussprache über das Schreiben bis hin zum Wiedererkennen in gesprochenen und geschriebenen Wörtern. Bei dem Ansatz „Schreiben nach Gehör“ – stark verkürzt dargestellt – lernen die Kinder, sich mit sogenannten Anlauttabellen Wörter Schritt für Schritt zu erschließen. Auf diesen Tabellen finden sich Buchstaben und Laute mit einem entsprechenden Beispielbild, etwa „t“ wie Tisch. Die rund 3000 Grundschulkinder, die die Psychologen in NRW untersucht haben, erzielten laut der Studie deutlich höhere Lernerfolge mit der Fibel-Methode.

Die Lernvoraussetzungen

Der sogenannten Bonner Studie steht Angelika Bauer skeptisch gegenüber. Es seien noch keine detaillierten Ergebnisse veröffentlicht worden, zudem müsse man sich bei der Offenlegung die Methode der Studie noch einmal genau anschauen. „Solange da nichts offengelegt ist, ist die Studie für Fachleute nichtsaussagend“, sagt Bauer. Die Fibelmethode, die auch in ihrem Unterricht zum Einsatz kommt, will sie aber nicht diskreditieren. „Die Fibel mag ja bei homogenen Gruppen Bestand haben“, meint sie. Doch für gemischte Gruppen, bei denen Kinder deutlich unterschiedliche Fähigkeiten und verschiedenes Vorwissen mitbringen, sei ein einzelner, strenger Ansatz, bei dem alle im Gleichschritt lernen, nicht geeignet. „Die Spanne geht immer weiter auseinander“, sagt Bauer über den Wissensstand und die Fähigkeiten der Kinder. „Da die Grundschule die Aufgabe hat, jedes Kind individuell zu fördern, müssen offene Lernangebote gemacht werden.“ Der Ansatz mit der Anlauttabelle sei deswegen für die Kinder sinnvoll, „auf diese Weise erfahren sie von Anfang an Sinn und Nutzen der Schrift und entwickeln durch die Möglichkeit des eigenen Ausdrucks Schreibmotivation.“

Kamener Grundschulen nennen die guten Seiten des umstrittenen Lernansatzes

Mit der Anlauttabelle können sich die Schüler das Schreiben selbst erarbeiten. Oftmals wird dieser Ansatz mit anderen Strategien wie der Fibelmethode gemischt. © Marcel Drawe

Fehler korrigieren

Eine häufige Kritik an dem Ansatz ist, dass Fehler nicht gleich korrigiert werden und sich somit einprägen. Wenn ein Kind mithilfe der Anlauttabelle also Mond mit einem „t“ schreibt, so die Kritik, könne es diesen Fehler ohne sofortige Korrektur später nur mit Mühe berichtigen. „Es ist unsinnig, einem Kind in der Anfangsphase des Schreibens orthografische Richtigkeit abzuverlangen, wenn es das alphabetische Prinzip, also die Zuordnung von Buchstaben zu Lauten, noch nicht erfasst hat“, hält Bauer dagegen. Der Lernprozess sei sehr dynamisch, weswegen sich solche Fehler nicht einprägen, „ähnlich wie beim Sprechenlernen“. Wenn die Kinder zudem schon ein entsprechendes Niveau haben, könne man bereits früher an der korrekten Schreibung arbeiten.

Die häufige Kritik, die sowohl an dem Ansatz als auch an den Grundschulen geäußert wird, ärgert Bauer. „Die Grundschule hat nicht den Auftrag, einen fertigen Rechtschreiber, der alle Regeln beherrscht, zu entwickeln“, sagt sie. Zudem seien häufig bereits Probleme vorhanden, bevor die Kinder zur Grundschule kommen, was sich unter anderem in stark unterschiedlichen Wissen und Fähigkeiten zeige, die die Kinder mitbringen.

Jahrzehntelang im Einsatz

Auch an anderen Kamener Grundschulen kommt die Anlauttabelle zum Einsatz, etwa an der Diesterwegschule. „Wir haben hier eine Mischform“, sagt Schulleiterin Petra Wüster. Sowohl die Anlauttabelle als auch die Fibel werden dort verwendet. Die Anlauttabelle sei schon seit über 20 Jahren im Einsatz, warum die Debatte so hitzig ist, kann Wüster nicht nachvollziehen. Kindern werde mit der Tabelle Spaß am Schreiben vermittelt. Wenn die Schüler zum Beispiel einen Brief zu Weihnachten schreiben wollen, können sie dafür die Tabelle zurate ziehen „und sind dann beim ersten Mal stolz wie Oskar“, sagt Wüster schmunzelnd. Auch wenn in dem Weihnachtsbrief der Kleinen dann noch einige Fehler stecken, sei das zu verkraften. „Der Weihnachtsmann wird es den Kindern nachsehen.“

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