Als in den Technopark-Teichen der Stöpsel gezogen wird, kommen riesige Fische in großer Anzahl zum Vorschein. Egal ob Aal, Koi oder Spiegelkarpfen. Eigentlich dürfte hier kein Fisch sein.

Kamen

, 16.08.2019, 17:20 Uhr / Lesedauer: 3 min

Eigentlich dürfte in den Technopark-Teichen kein einziger Fisch sein. Doch es sind Tausende. Und nicht etwa kleine. Michael Prill, Fischereiberater des Kreises Unna, hat gerade einen Aal gefangen. Über ein Meter lang. Er kringelt sich in dem großen Kescher, der auch für Hochseefischerei geeignet scheint. „Der ist hier bestimmt schon 20 Jahre drin“, seufzt Prill. Am Freitag müssen die Fische umziehen. Denn in den Teichen wird der Stöpsel gezogen, sprich: die Feuerwehr pumpt das Wasser ab. Es ist zu wenig Sauerstoff im Wasser enthalten, als dass die Fische dauerhaft überleben könnten.

Stöpsel im Teich gezogen: Meterlange Fische dort, wo kein einziger Fisch sein dürfte!

Kapitale Kois, die in dem Gewerbegebiet unter dem Fördergerüst der ehemaligen Zeche „Monopol“ ausgesetzt wurden. Sie fühlten sich da offenbar wohl. © Stefan Milk

Etwa 500 Kilogramm Fisch in nur einem Teich

Blaubandbärblinge, Kois, Spiegelkarpfen, Graskarpfen, Schuppenkarpfen, Rotfedern, Giebel, Goldfische, Schleierschwänze. Die Vielfalt des Fischbestandes ist groß. Ein Fischbestand, der dort nicht gewollt war. „Welche Fische hier eigentlich drin sein sollten? Keine“, ruft Prill. „Diese Fische wurden alle ausgesetzt.“ Nicht nur der Aal, der jetzt mit dem Kescher zum großen Tank auf dem Technopark-Parkplatz abtransportiert wird, bringt es auf eine stattliche Größe. Die Karpfen sind 60 Zentimeter lang und manchmal auch etwas länger. Allein im ersten Teich holt Prill etwa 500 Kilogramm Fisch heraus. Und das ist noch nicht alles. „Da sind noch Zehntausende Jungfische drin.“ Die allerdings kann er nicht retten, weil sie sich tief im Modder der Jahre ganz unten auf dem Boden verbergen.

Stöpsel im Teich gezogen: Meterlange Fische dort, wo kein einziger Fisch sein dürfte!

Fischen einfach gemacht: In öffentlichen Teichen sind zahlreiche Fische, die vorher ausgesetzt wurden. © Stefan Milk

Fische umgesiedelt in Vereinsgewässer und in Seen

Prill sucht den Teich mit dem Elektrokescher ab, der mit einer Spannung von 700 Volt die Fische, die in der Nähe um ihn herum scharwenzeln, kurz betäubt. Die kleinen Fische bis 30 Zentimeter landen in einer mit Wasser gefüllten Plastikkiste. Die großen Fische werden direkt zum Tank gebracht. Was passiert mit den Fischen? Sie landen teilweise im Vereinsgewässer des Fischereivereins Lünen, teilweise im Horstmarer See und im Lanstroper See. „Aber nur diejenigen, die auch dorthin passen“, betont Prill. Blaubandbärblinge beispielsweise seien Aquarienfische. „Die haben im Teich nichts zu suchen.“

Stöpsel im Teich gezogen: Meterlange Fische dort, wo kein einziger Fisch sein dürfte!

Michael Prill in Aktion. Ansonsten fischt er elektrisch in Seseke, Mühlbach und Körne, um dort den Bestand zu ermitteln. © Stefan Milk

Teiche dienen als Löschwasserreservoir

Eigentlich hat hier kein Fisch etwas zu suchen. Die Teiche dienen als Löschwasserreservoir, falls in dem Gewerbegebiet ein Feuer ausbricht. Dann würden die zehn Feuerwehrleute, die am Morgen mit dem Abpumpen des Wassers begonnen haben, nicht so vorsichtig vorgehen. Mit zwei elektrischen Tauchbomben, die 400 Liter Wasser pro Minute befördern können, senken sie den Wasserpegel auf etwa 40 Zentimeter. Die Pumpen werden ansonsten verwendet, um vollgelaufene Keller vom Wasser zu befreien. Das Wasser läuft nur langsam durch den sogenannten B-Schlauch mit einem Durchmesser von 75 Millimetern. Die Fische sollen nicht mit abgesaugt werden. Das Wasser, das wegen des niedrigen Sauerstoffgehalts schon muffig riecht, landet schließlich in der Kanalisation.

Stöpsel im Teich gezogen: Meterlange Fische dort, wo kein einziger Fisch sein dürfte!

Kurzzeitig betäubt und danach wieder quietschfidel. Die Fische aus dem Technopark-Teich sind gerettet. © Stefan Milk

Graskarpfen können großen Schaden anrichten

Michael Prill macht weiter. Er befördert nicht nur kapitale Fische, sechs bis acht Kilo schwer, ins Netz, sondern holt auch einen Schneeschieber, eine Angel und ein altes Schild mit der Aufschrift „Vorsicht Rutschgefahr“ aus dem Dunkel der Tiefe. Ein großer Karpfen ist in eine Plastiktüte geraten. Das Thema Plastikmüll im Wasser? Auch hier stellt es sich. „Das hier sind keine Fischgewässer“, mahnt Prill. Wer seine Fische nicht mehr haben wolle, der sollte sich direkt an den Fischereiberater wenden. Ausgesetzte Graskarpfen könnten großen Schaden anrichten, weil sie den Pflanzenbestand im Gewässer vernichten. „Man tut den Fischen nichts Gutes, wenn man sie in ein Gewässer kippt.“ Auch der große Aal, so ergänzt er markig, der sei ja nicht mit dem Taxi gekommen.

Geringer Sauerstoffgehalt durch zu viele Fische
Zur Bestandserhebung in den Flüssen

Elektrofischen

  • Beim Elektrofischen wird ein Elektrokescher eingesetzt, der Strom ins Wasser abgibt. Ein Generator, der den Strom erzeugt, wird als Schaltkasten dabei auf die Brust geschnallt.
  • Durch den Stromstoß werden die Fische in den Kescher gelockt, leicht betäubt und nicht getötet: Eine als sanft geltende Art des Fischfangs, die vor allem zur Bestandserhebung und zur Analyse von Fischartenvorkommen genutzt wird.
  • Fischereiberater Michael Prill hat damit zahlreiche Arten, etwa 20, in den heimischen Flüssen nachgewiesen. Vor allem die Anzahl von Schmerlen ist hoch.
  • Große Bestände gibt es von Dreistachligen Stichlingen, Döbeln, Blaubandbärblingen, Quappen, Gründlingen, Haseln, Ukeln und Zwergstichlingen. Es gibt auch Hechte, Aale, Rotaugen, Barben, Bitterlinge und Groppen. Und sogar Bachforellen.

Das Problem mit den ausgesetzten Fischen. Das gibt es auch in anderen Teichen und selbst in den Flüssen. Prill hält es für sinnvoll, öffentliche Teiche regelmäßig zu befischen, um den Bestand zu reduzieren. Denn irgendwann sei der Sauerstoffgehalt so gering, dass ein Überleben nicht mehr möglich sei. Etwa 4,5 Milligramm Sauerstoff pro Liter benötigen Fische, um gut zu leben. In den Technopark-Teichen habe er lediglich 3,6 bis 4,4 Milligramm pro Liter gemessen. „Reduziert man die Bestände regelmäßig, hat man wieder einige Jahre Ruhe“, sagt er. Ruhe hat er gerade nicht, weil einige Karpfen versuchen, zu flüchten. „Mir ist einmal ein Spiegelkarpfen vors Schienbein geschwommen. Das tat so weh, dass sich dachte, der wäre gebrochen.“ Vorsicht ist also angesagt. Die lässt der Fischerei-Experte auch walten. „Ich gebe so schnell keinen Fisch verloren!“

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