Über die Schrecken der Nazi-Zeit: Ein berührendes Konzert mit Musik von KZ-Häftlingen

dz75 Jahre Auschwitz-Befreiung

Ergreifende Musik, die einst im KZ Theresienstadt von Menschen gespielt wurde, die dem Tod geweiht waren: Ein Konzert hat zum 75. Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz an die Schrecken der Nazi-Zeit erinnert.

von Jana Bornemann

Kamen

, 27.01.2020, 12:14 Uhr / Lesedauer: 2 min

Am Ende eines besonderen Konzerts im Haus der Stadtgeschichte gab es lang anhaltenden Applaus. Zuvor brillierten die vier Musiker mit einem Programm, das die Zuhörer stark berührte: Werke, die im Konzentrationslager Theresienstadt von den dort inhaftierten und später vielfach ermordeten jüdischen Musikern aufgeführt wurden. Unter dem Titel „Der tiefste Schmerz kann zur Musik nicht werden.“

Über die Schrecken der Nazi-Zeit: Ein berührendes Konzert mit Musik von KZ-Häftlingen

Der Rassenwahn der Nationalsozialisten machte auch vor der Musik nicht halt. Die Werke von Gustav Mahler waren während der NS-Zeit verboten. Am Sonntag waren diese Stücke in Kamen zu hören. © Stefan Milk

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„Ich habe Theresienstadt geliebt, ich habe Theresienstadt gehasst“

„Ich habe Theresienstadt geliebt, ich habe Theresienstadt gehasst", zitierte der Konzertpianist Dietmar Joseph zu Auftakt aus dem Buch „Weiter leben“, einer 1992 erschienenen Autobiographie der Literaturwissenschaftlerin Ruth Klüger. Joseph, ein Wahl-Hamburger, dessen jüdische Vorfahren in Kamen lebten und vertrieben wurden, hatte das Konzert organisiert und damit ein Stück Familiengeschichte aufgearbeitet: Sein Großvater wurde in Auschwitz ermordet, sein Vater konnte nie darüber sprechen.

Bewusst war der Zeitpunkt des Konzerts gewählt worden: Am Montag jährte sich die Befreiung des KZ Auschwitz zum 75. Mal. Am 27. Januar 1945 erreichten Soldaten der Roten Armee das Vernichtungslager.

Der große Saal des Museums an der Bahnhofstraße konnte die interessierten Besucher, etwa 120, kaum fassen. Es mussten noch Stuhle organisiert werden, die Fensterbänke wurden als Sitzmöglichkeiten mitgenutzt. „Für mich ein rundum wundervoller Nachmittag. Viele Besucher haben mir am Ende die Hand gegeben. Das war wunderbar“, so Joseph später.

Über die Schrecken der Nazi-Zeit: Ein berührendes Konzert mit Musik von KZ-Häftlingen

Großes Interesse an dem Konzert im Haus der Stadtgeschichte. Die Besucher saßen auch auf den Fensterbänken, weil der Platz nicht reichte. © Stefan Milk

Stücke von Gustav Mahler, Gideon Klein und Viktor Uhlmann

Dann folgten berührende Augenblicke mit Stücken von Gustav Mahler, Gideon Klein, Viktor Uhlmann und anderen.

Der Rassenwahn der Nationalsozialisten machte auch vor dieser Musik nicht halt. Die Werke von Gustav Mahler waren während der NS-Zeit verboten. Sie wurden nur im Konzentrationslager Theresienstadt aufgeführt. Dort half die Musik den Menschen, Geschehnisse zu verarbeiten, die Musik war meist ihr einziger Halt. Daher sind viele Lieder von Traurigkeit geprägt, wie im Museum zu hören war, aber es wurden auch fröhliche Lieder gespielt, um Hoffnung zu vermitteln. Eine Musik, die von Dietmar Joseph, seinem Bruder Hans Joseph und den beiden Sängerinnen Brigitte Rickmann und Marianne Bruhn ergreifend in Szene gesetzt wurde.

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Viele Details über das dunkle Kapitel deutscher Geschichte

Zu jedem Stück erzählte Dietmar Joseph eine passende Geschichte. So erfuhren die Zuhörer auch viele Details über das dunkle Kapitel deutscher Geschichte: Unter unmenschlichen Bedingungen hatte sich in Theresienstadt ein unvorstellbar reiches kulturelles Leben mit Musikern höchsten europäischen Niveaus entwickelt. Es gab sogar eine lagerinterne Kulturkritik.

Möglich wurde das durch die Lieferung beschlagnahmter Instrumente. Ein Flügel ersetzte ein Orchester und ermöglichte die Aufführungen kompletter Opern wie „Figaros Hochzeit“ von Mozart oder der „Verkauften Braut“ von Smetana.

Inhaftierte Komponisten, am Beginn einer internationalen Karriere, schufen auch im Lager neue Werke und ließen sie dort uraufführen. Doch auch sie konnten dem Tod nicht entfliehen: Die meisten Musiker wurden von Theresienstadt nach Auschwitz deportiert und ermordet. Ihre Werke haben überlebt.

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Dem Hass keine Chance geben

Der Stadthistoriker Klaus Goehrke mahnte: „Dieses Land“, so sagte er, „ist nur für uns alle ein Zuhause, wenn es auch für Juden ein Zuhause ist.“

Um dem Hass keine Chance zu geben, müsse jeder mithelfen und dagegen kämpfen. Damit sich Geschichte nicht wiederholen kann.

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