Bittere Stunden bei Vahle: Kamens führendes Technologie-Unternehmen bestätigt nicht nur den Abbau von 100 Stellen, sondern forciert auch das Tempo. Schon in zwei Wochen ist die Streichliste komplett.

Kamen

, 11.08.2020, 17:46 Uhr / Lesedauer: 3 min

Harter Einschnitt bei Vahle: Der Stellenabbau von bis zu 100 Stellen ist nun besiegelt. Bei der Betriebsversammlung, zu der sich in Zeiten von Corona am Dienstag lediglich etwa 50 Beschäftigte in der Stadthalle sammelten, bestätigte Geschäftsführer Achim Dries das, was viele Mitarbeiter befürchtet hatten. Kamens führendes Technologie-Unternehmen verkleinert sich deutlich.

Zahlreiche Mitarbeiter hatten sich aus ihren Büros oder dem Home-Office über eine Video-Plattform zugeschaltet. 260 Anmeldungen gab es, darunter auch ganze Teams, die die Versammlung von der Westicker Straße aus online verfolgten. Von dem Ergebnis der Verhandlungen zwischen Geschäftsführung und Arbeitnehmervertreter war bis zuletzt nichts nach außen gedrungen.

Keine betriebsbedingten Kündigungen

Trotz einer „Massenentlassung, die für Vahle untypisch ist“, wie Dries es bezeichnete, wird es keine betriebsbedingten Kündigungen geben.

„Es gibt hier keine Gewinner am Tisch.“
Vahle-Geschäftsführer Achim Dries

Das Ergebnis, das der Geschäftsführer mit dem Betriebsratsvorsitzenden Dietmar Hupe, Michael Lux (IG Metall) und Dr. Volker Verch (Unternehmensverband Westfalen-Mitte) vorstellte, ist trotz sozialverträglicher Abläufe für alle Beteiligten ernüchternd. „Es gibt hier keine Gewinner am Tisch“, so Dries im Gespräch mit der Redaktion. „Das ist ein Aderlass, der schon extrem für Vahle ist.“

Der Stellenabbau vollzieht sich über drei Bausteine: über eine Transfergesellschaft, über das Ausscheiden rentennaher Mitarbeiter und über ein Freiwilligen-Programm. Die Familie Vahle als Gesellschafterin wird aus dem Privatvermögen einen Millionenbetrag zur Verfügung stellen, um den Personalabbau zu finanzieren. „Das ist ein Zeichen, dass die Familie hinter der Neuausrichtung steht, damit wir uns jetzt neue Märkte erschließen können und die über 500 Arbeitsplätze absichern“, so Dries.

Nach der Betriebsversammlung in der Stadthalle Kamen beantworteten (v.l.) Dietmar Hupe (Betriebsrat), Dr. Volker Verch (Unternehmerverband), Achim Dries (Geschäftsführer Vahle) und Michael Lux (IG Metall) die Fragen unserer Redaktion.

Nach der Betriebsversammlung in der Stadthalle Kamen beantworteten (v.l.) Dietmar Hupe (Betriebsrat), Dr. Volker Verch (Unternehmerverband), Achim Dries (Geschäftsführer Vahle) und Michael Lux (IG Metall) die Fragen unserer Redaktion. © Marcel Drawe

Arbeitsplatzabbau schneller als erwartet

Am Ende werden 100 Stellen, vielleicht sogar ein oder zwei mehr, gestrichen und die Firma verkleinert sich von 630 auf ca. 530 Mitarbeiter – oder „500 plus“, wie Achim Dries sagt. Der Arbeitsplatzabbau vollzieht sich zudem schneller als erwartet: Schon in zwei Wochen soll die Liste, die 100 Namen umfasst, abgeschlossen werden. „Bis dahin werden wir noch um jeden Einzelnen kämpfen. Ab er es wird ein böses Erwachsen geben für einige, die jetzt noch nicht damit rechnen“, so Hupe. Die Stellen werden querbeet durch alle Abteilungen abgebaut. Auch in der Produktion, die bei Streichungen zunächst ausgeklammert erschien. „Es ist ein Querschnitt durchs ganze Unternehmen in Bezug auf Abteilungen, Alter und Funktion“, wie Dries sagt.

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Endgültige Streichliste soll schon in 14 Tagen vorliegen

Bereits am 1. September ist die sogenannte Betroffenen-Versammlung angesetzt, an der erstmals auch Vertreter der Transfergesellschaft „Start NRW“ teilnehmen, die zum 1. Oktober gegründet werden soll. Bis zum 28. August haben Vahle-Mitarbeiter noch die Möglichkeit, freiwillig die Kündigung einzureichen, um ins sogenannte Freiwilligenprogramm samt Abfindung zu kommen. Dann haben aber schon alle Betroffenen Post bekommen, dass sie auf der Streichliste stehen. Hupe: „Falls sich dann doch noch jemand freiwillig meldet, kann es sein, dass noch jemand von der Liste rutscht und bleiben kann.“

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Sieben Gesprächstermine und keine Kuschel-Verhandlung

Sieben Gesprächstermine hat es in den vergangenen Wochen zwischen Arbeitnehmervertretung und Geschäftsführung gegeben. „Wir haben um jeden Kopf gekämpft und werden das weiter tun“, so Hupe. Und Dries ergänzt: „Es waren keine Kuschel-Verhandlungen, es war auch sehr emotional, dass man auch mal eine Pause einlegen musste. Am Ende stand das Interesse aller, Arbeitsplätze in Kamen zu erhalten.“

Betriebsversammlung zum Stellenabbau bei Vahle in der Kamener Stadthalle.

Betriebsversammlung zum Stellenabbau bei Vahle in der Kamener Stadthalle. © Stefan Milk

Unauffällige Versammlung in der Stadthalle

Vor der Stadthalle deutete am Dienstag kaum etwas darauf hin, dass gleich eine für viele Mitarbeiter folgenschwere Betriebsversammlung beginnt, keine Hinweisschilder, keine Menschentrauben.

„Solange Arbeit da ist, mache ich das, fertig!“
Ein Vahle-Mitarbeiter

„Solange Arbeit da ist, mache ich das, fertig“, sagte vor der Halle ein Mitarbeiter aus der Produktion unter dem Nicken der Kollegen. „Ich lass auf mich zukommen, was die zu sagen haben“, blieb auch ein Kollege aus der Abteilung „Interne Logistik“ zurückhaltend, dessen Arbeitsplatz bis zum Jahresende befristet ist. Die Hoffnung sei da, dass es auch über den Zeitpunkt hinaus bei Vahle weitergehe. Das bestätigte eigentlich auch ein weiterer Kollege, doch die „Erwartung ist bei Null“.

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Weitere Mitarbeiter aus der Montage waren relativ entspannt. „Ich arbeite dort sei 30 Jahren, kenne alle Schienen, alle Systeme. Dass in unserer Abteilung etwas passiert, das glaube ich nicht.“ Die Hoffnung sei, dass der Stellenabbau sozialverträglich abgewickelt werde. „Doch dafür ist das Unternehmen ja bekannt.“ Kollegen aus dem Bereich „Leitungswagenbau“, teilweise seit über 30 Jahren dabei, hofften, dass es auch für die jüngeren Kollegen weitergehe. „Wir wissen noch nichts, bisher ist noch nichts durchgedrungen.“ Kurze Zeit später dann die Gewissheit, dass doch viele Befürchtungen eintreffen werden.

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