Ein Pionier der Geschäftswelt: Stattlich und nur selten ohne Hut

dzGeschäftsmann Ewald Thiel

Der Geschäftsmann Ewald Thiel war in dem Kamener Ortsteil Heeren-Werve eine Institution. Eine Erinnerung an sein Schaffen.

von Karl-Heinz Stoltefuß

Heeren-Werve

, 19.10.2018, 12:18 Uhr / Lesedauer: 2 min

Hier soll von einem Kaufmann berichtet werden, der durch seinen Unternehmergeist mit dazu beitrug, dass sich in Heeren, nahe der Bergmannskolonien, eine kleine Geschäftswelt entwickelte, die heute als Ortszentrum bekannt ist und durch Umsetzung eines Handlungskonzeptes eine Aufwertung erfahren soll.

Ewald Thiel, aus einer Drogistenfamilie in Vollmarstein stammend, erkannte mit Weitblick die Marktlücke, die um die Jahrhundertwende auf dem Gebiet der Gesundheitspflege und der häuslichen Anwendung von Reinigungs- und Infektionsmittel im damaligen Heeren-Werve bestand. Immerhin lebten hier schon etwa 4000 Einwohner, die auf diesem Gebiet versorgt werden mussten. Thiel fing zunächst bescheiden an. Er mietete ein kleines Geschäftslokal, das in dem Haus an der Märkischen Straße 5 lag (heute: Wollstübchen). Seine Drogerieartikel waren begehrt, das Geschäft florierte. Er stellte auch fest, dass in der Lebensmittelbranche noch Umsatzmöglichkeiten steckten. Schon bald war der angemietete Laden zu klein und Ewald Thiel suchte ein Grundstück, auf dem er ein eigenes Geschäftslokal errichten konnte.

Zwei thronende Adler

1901 ließ er auf dem Grünland-Grundstück Ecke Mittelstraße/Märkische Straße, gegenüber dem Zechencasino, ein repräsentatives zweigeschossiges Gebäude errichten. Da in der Drogerie mit brennbaren und giftigen Stoffen hantiert wurde, mussten Drogerie- und Lebensmittelverkauf getrennt werden. Es entstanden zwei Verkaufslokale. Das Haus war mit zwei verzierten Giebeln geschmückt. Auf jeder Giebelspitze thronte ein stolzer preußischer Adler mit gespreizten Schwingen. Die Drogerie erhielt den Namen Adler-Drogerie. Sicherlich auch eine Hommage an das preußische Königshaus.

Ein Pionier der Geschäftswelt: Stattlich und nur selten ohne Hut

Die Drogerie Thiel um das Jahr 1910. Zwei Adler zieren die Giebelspitzen des Gebäudes.

Interesse an Fotografie

Das Warensortiment der Drogerie war am Ladeneingang auf einer weißen Fläche angeboten: „Drogen, Chemikalien, Verbandstoffe, Artikel für Kranken- u. Kinderpflege.“ Im benachbarten Geschäftslokal gab es „Kolonialwaren“ zu kaufen. Ewald Thiel baute sein Geschäft weiter aus. Als Drogist war ihm auch das Fotografieren vertraut. Fotoapparate gab es zu der Zeit nur in wohlhabenden Familien. Für diese erledigte er in seiner Dunkelkammer die Fotoarbeiten. Das Interesse an Erinnerungsfotos war in der Bevölkerung groß. Hier erkannte Thiel einen neuen Markt. Er war als Fotograf in der ganzen Gemeinde unterwegs. Hochzeiten, Taufen, Konfirmationen, Schützenfeste, Feuerwehr- und Knappenumzüge waren dankbare Anlässe für die Herstellung von Fotos in größerer Auflage. Als immer mehr Autos über die Dorfstraßen tuckerten, war Ewald Thiel der Mann, der als erster vor seinem Haus eine Gasolin-Tankstelle einrichtete.

Nur selten ohne Hut

Schon bald gehörte Ewald Thiel zu den Honoratioren im Dorf – eine stattliche Erscheinung, die selten ohne Hut anzutreffen war, ein Mann, dem man Vertrauen schenkte. So übertrug ihm das Amt Unna-Kamen das Amt des Standesbeamten. Auch die Amtssparkasse Unna-Kamen vertraute ihm die erste kleine Geschäftsstelle an, bevor sie an der Mittelstraße ein eigenes Haus errichtete. Durch die Erbfolge über zwei Töchter änderte sich zweimal der Name der Besitzerfamilien in Denninghoff und Freimuth. Aber in der Öffentlichkeit hielt sich der Name „Drogerie Thiel“. Für eine kurze Zeit bedienten Ewald Thiel, sein Schwiegersohn Denninghoff und sein Schwiegerenkelsohn Freimuth gemeinsam die Kundschaft. 1984 gab die Familie Freimuth das Geschäft auf. Der Apotheker Dr. Bischoff, der in der Nähe die Barbara-Apotheke betrieb, führte für kurze Zeit die Drogerie weiter.

Ein Pionier der Geschäftswelt: Stattlich und nur selten ohne Hut

Nur selten war Ewald Thiel ohne Hut anzutreffen.

Durch einen größeren Umbau im Jahr 1929 wurde das Haus stark verändert. Die Fassade mit den Ziergiebeln verlor ihre Schmuckelemente, auch die stolzen Adler mussten weichen. Beim Herablassen ging einer zu Bruch. Der zweite blieb erhalten und schmückt heute den Hausgarten der Familie Freimuth. In der Familie werden zahlreiche Gegenstände aufbewahrt, die an den Drogisten Ewald Thiel erinnern.

Karl-Heinz Stoltefuß ist Ortsheimatpfleger von Heeren-Werve und berichtet regelmäßig über die lokale Geschichte.
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