Stadtwerke stampfen eigenen Online-Stromanbieter endgültig ein

dzAus für Tochterfirma

Die Online-Energiemarke „Kleiner Racker“ ist schon beerdigt, nun begraben heimische Stadtwerke ihre Ambitionen auf den bundesweiten Fang von Strom- und Gaskunden endgültig. Eine Tochterfirma wird abgewickelt – mutmaßlich ohne Schaden.

Kamen, Fröndenberg

, 01.12.2019, 12:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Heimische Stadtwerke und ihre Partner ziehen die Konsequenzen aus dem Flop ihrer Online-Tochter „Kleiner Racker“. Nachdem die Vertriebsmarke mit dem putzigen Namen, die bundesweit Strom- und Gaskunden ködern sollte, unter kuriosen Umständen beerdigt wurde, schlägt nur auch dem dazugehörigen Tochter-Unternehmen die letzte Stunde.

Der in Kamen ansässige Stadtwerke-Energieverbund (SEV) aus acht kommunalen Energieversorgern wird aufgelöst. Die beteiligten Unternehmen sind derzeit dabei, sich die Zustimmung für die Liquidierung der gemeinsamen Gesellschaft bei den Stadträten ihrer jeweiligen Eignerkommunen zu besorgen. Hinter dem Verbund stehen außer den Gemeinschaftsstadtwerken Kamen-Bönen-Bergkamen (GSW) noch die Stadtwerke Fröndenberg, Hamm, Ahlen, Wickede (Ruhr), Haltern am See, Herten und Emmerich.

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Schon seit Frühjahr 2019 wird kein Strom und Gas mehr unter der Marke „Kleiner Racker“ verkauft. Der aufmüpfige Geselle war buchstäblich auf die Nase gefallen, als der Abrechnungsdienstleister bpd pleite ging. Daraufhin zogen die Mütter und Väter des „Kleinen Rackers“ aus der Stadtwerke-Familie die Notbremse. Statt das Millionen-Risiko einzugehen, die Verträge mit den ingesamt 12.000 Strom- und Gaskunden nicht mehr abrechnen zu können, wurde der Kundenbestand an die Berliner Firma Lekker Energie GmbH verkauft, eine Tochter der Stadtwerke Krefeld.

Knapp ein Jahr nach der Hiobsbotschaft der Dienstleister-Pleite ist klar, dass die Eltern des „Kleinen Rackers“ die Nase voll von der Familienplanung haben. Ein neues Kind ist ihnen zu riskant. Dazu heißt es in einem GSW-Aufsichtsratsbeschluss: „Wegen der insgesamt schwierigen Marktsituation und einer Vielzahl von Internetplattformen für den Vertrieb von Strom und Erdgas besteht bei den Gesellschaftern zurzeit auch wegen der wirtschaftlichen Risiken kein gemeinsames Interesse, das Geschäftsfeld erneut wiederaufzubauen.“ Dabei dürfte auch eine Rolle spielen, dass man sich selbst keine Online-Konkurrenz mehr machen will.

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Stadtwerke stampfen eigenen Online-Stromanbieter endgültig ein

Jochen Grewe vom Stadtwerke-Energieverbund: „Ausreichend Liquidität“ im Unternehmen. © Stefan Milk

Für die nun leere Hülle des Stadtwerke-Energieverbunds haben die Gesellschafter keine Verwendung mehr. Ursprünglich war der SEV im Jahr 2010 als Antwort auf die Liberalisierung des Energiemarkts gegründet worden. Wenn Kunden ihren Stadtwerken den Rücken kehren, dann fängt die gemeinsame Online-Vertriebsmarke eben bundesweit neue Kunden als Ausgleich ein. Bis zum Notverkauf soll sich der „Kleine Racker“, der zwischenzeitlich mit einem Millionen-Darlehen durchgefüttert werden musste, zufriedenstellend entwickelt haben.

Ob am Ende ein Schaden für die beteiligten Stadtwerke zurückbleibt, lässt sich jetzt noch nicht sagen, weil noch keine endgültige Schlussabrechnung vorliegt. SEV-Geschäftsfüher Jochen Grewe geht aber laut einem jetzt veröffentlichten Dokument davon aus, dass sich „ausreichend Liquidität“ im Unternehmen befindet, um „noch ausstehende Energieabrechnungsdifferenzen, laufende Dienstleistungs- und Gehaltsverpflichtungen sowie die Kosten der Liquidation“ zu bezahlen.

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In dem Papier ist die Erwartungshaltung der Stadtwerke formuliert, dass das in der Gründungs- und Aufbauphase investierte Geld erstens durch die im Laufe der letzten Jahre erzielten Überschüsse und zweitens durch den Verkaufserlös des Kundenbestandes „mehr als zurückverdient wird“. Wie viel Lekker Energie für den Kleinen Racker hingeblättert hat, wurde bislang nicht veröffentlicht.

Am SEV-Firmensitz im Haus der Kamener GSW-Zentrale bleibt vom Kleinen Racker nicht viel zurück. „Die Bücher und Schriften der Gesellschaft sollen nach der Liquidation von der GSW in Verwahrung genommen werden“, heißt es.

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