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Wer die Kamener Sehenswürdigkeiten aufzählen will, nennt wahrscheinlich die Altstadt und den schiefen Turm der Pauluskirche. Das Rathaus haben wohl die wenigsten auf dem Zettel.

Kamen

, 11.01.2019 / Lesedauer: 4 min

Stadtführungen starten oft am Marktbrunnen, wo die Stadtführer gleich den ersten Aufhänger für Anekdoten finden. Das Brunnen-Rondell, auch „Die Quelle“ genannt, erzählt mit seinen Bronze-Figuren und Objekten die Geschichte von Technik, Kunst, Wissenschaft, Handwerk, Sport und Spiel in Kamen.

Wenn das Rathaus auch eine interessante Sehenswürdigkeit wäre: Welche Geschichte hätte die mehr als 43 Jahre alte Verwaltungszentrale draußen vor der Altstadt eigentlich zu erzählen? Und wofür stünde der kantige Zweckbau, der seit einer Modernisierung in freundlichen Pastellfarben strahlt, aber wegen der langen Reihe der SPD-Bürgermeister auch als rotes Rathaus gilt?

Die Geschichte des Rathauses ist die Geschichte der Politik und der Demokratie in Kamen.

Besuchergruppen willkommen heißen

Als vor einigen Wochen der Ältestenrat des Stadtrats tagte, warf Ralf Eisenhardt einen Vorschlag in die Runde der fünf Fraktionen. Der Christdemokrat meint grundsätzlich, dass das Rathaus einen Besuch wert ist – und zwar nicht im klassischen Sinne, um einen Behördengang zu erledigen oder eine Kulturveranstaltung in der angeschlossenen Stadthalle zu besuchen. Die Idee ist, das Rathaus stärker für Besuchergruppen zu öffnen und ihnen den modernisierten Ratssaal zu zeigen. Damit könnte Bürgern die Ratspolitik näher gebracht werden, meint der CDU-Fraktionschef.

Das Rathaus hatte lange einen vernachlässigten Mittelpunkt. Denn seit 2004 hatte der Stadtrat nicht mehr im großen Sitzungssaal im Ostflügel getagt, weil der Raum baufällig geworden war. Bis zur Wiedereröffnung des Tagungsorts im Sommer 2018 diente die Stadthalle dem Kommunalparlament als räumliche Alternative.

Das Rathaus wurde zwar im Laufe der Jahre energetisch saniert, aber der Ratstrakt war aus Kostengründen zunächst ausgeklammert worden. Erst als alle anderen Gebäudeteile durchsaniert waren und ein neues Konjunkturpaket des Bundes aufgelegt wurde, witterte der damalige Kämmerer Jörg Mösgen die Chance, die Ratstrakt-Sanierung nicht länger aufzuschieben.

Als Bürgerratsaal geplant

Im Zusammenhang mit den Bauplänen kam der Begriff des „Bürgerratssaals“ auf. Der damalige SPD-Fraktionsvorsitzende Michael Krause soll ihn zuerst verwendet haben, um die Akzeptanz des Millionenprojekts „Ratstrakt-Sanierung“ zu fördern. Denn wenn der Ratssaal nicht nur für politische Sitzungen genutzt wird, sondern auch Bürgern für Veranstaltungen offen steht, sind die Ausgaben leichter zu rechtfertigen und möglichen Kritikern wird der Wind aus den Segeln genommen.

Als Stein des Anstoßes politikverdrossener Bürger taugte das Modernisierungsprojekt letztlich nicht, zumal das Ergebnis zweckmäßig wirkt und trotz Gesamtkosten von 1,5 Millionen Euro keinen luxuriösen Eindruck macht. Die Arbeitstische sind kunststoffbeschichtet statt aus Echtholz-Furnier. Die Wände sind weiß getüncht statt holzvertäfelt. Der auffällige russische Sandstein am Kopfende des Saals stammt noch aus dem Rathaus-Baujahr 1975, und der einzige echte Hingucker sind die futuristischen wirkenden ringförmigen Leuchten unter der Decke.

Stadtrat plant Besichtigungsmöglichkeit wie im Bundestag oder Landtag

Renovierter Ratssaal im Kamener Rathaus. © Stefan Milk

Bürgermeister Hermann Hupe (SPD) eröffnete den neuen Sitzungssaal im Juli 2018 in der letzten Ratssitzung seiner 15-jährigen Amtszeit. „Ich würde mich freuen, wenn die eine oder andere bürgerschaftliche Veranstaltung hier stattfinden würde“, sagte er und spielte damit auf den Begriff des Bürgerratssaals an.

Hupes Wunsch könnte im Jahr nach der Ratssaal-Wiedereröffnung nun Realität werden. Bürgermeisterin Elke Kappen (SPD) lässt infolge der Ältestenratssitzung organisatorische Fragen prüfen. Bislang ist stets ein Hausmeister für den Schließdienst und als Aufpasser eingeteilt, wenn der Ratstrakt für Sitzungen geöffnet bleibt. Wenn der Sitzungssaal außerhalb der Öffnungszeiten des Rathauses zugänglich ist, muss gewährleistet sein, dass niemand die offenen Rathaustüren ausnutzt. Es hat auch schon Einbrüche und Vandalismus auf Fluren und in Büros gegeben.

Besichtigung wie im Bundestag

Die CDU-Fraktion möchte Bürger in Gruppen einladen, um ihnen den Ratssaal zu zeigen und bei dieser Gelegenheit etwas über die politische Arbeit des Stadtrats zu erzählen. Das Interesse bei Bürgern, glaubt Fraktionschef Eisenhardt, sei vorhanden, aber es gebe Hemmungen, öffentliche Sitzungen zu besuchen. Eisenhardt zieht einen Vergleich: Auch der Bundestag und der Landtag stehen Bürgern für Besichtigungen auf Einladung von Abgeordneten offen. Heimische Abgeordnete wie Oliver Kaczmarek (SPD) und Rüdiger Weiß (SPD) bieten aus ihren Wahlkreisen regelmäßige Fahrten nach Berlin oder Düsseldorf an.

Die Idee, den Ratssaal zu öffnen, hat die CDU in einer Jahresvorschau formuliert. „Wir möchten die Rats- und Ausschussarbeit erlebbarer gestalten“, heißt es darin. Die Fraktionen hätten die Aufgabe, Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben und machten damit auch demokratische Teilhabe möglich, indem sie Sachthemen mit Bürgergruppen diskutierten.

Solche Aussagen kann auch Daniel Heidler (SPD) beipflichten. Das Einladen von Bürgern in den Ratssaal ersetze natürlich nicht die Bürgersteigpolitik. „Dass wir rausgehen und vor Ort Dinge machen, würde ich auch weiter so handhaben“, sagt Heidler. Der SPD-Fraktionschef geht davon aus, dass sich die organisatorischen Fragen klären lassen. „Da muss ein Hausmeister sein, der die Räume aufschließt.“ Falls es die Möglichkeit gebe, werde sicherlich auch die SPD davon Gebrauch machen.

60 Zuschauerplätze

Der Ratssaal liegt im Ostflügel des Rathauses, der wiederum zwischen Stadthalle und Jobcenter liegt. Die Lage führt den Ratsmitgliedern buchstäblich die gesellschaftlichen Realitäten vor Augen. Geplant wurde mit 44 Plätzen für Ratsmitglieder, sechs Plätzen für den Verwaltungsvorstand mit der Bürgermeisterin, fünf Plätzen für Verwaltungsmitarbeiter und fünf weiteren Plätzen für Sitzungsteilnehmer oder -beobachter. Außerdem verfügt der 230 Quadratmeter großen Ratsaal über 60 Zuschauerplätze in drei Reihen. Als zuletzt die Pläne für den Neubau eines Kombibads präsentiert wurden, waren sie sogar voll besetzt.

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