Ulrike Dürholt fährt mit einem Mercedes auf dem Nordring durch ein enormes Schlagloch: 3000 Euro Sachschaden. Der Weg zum Schadenersatz aus dem Rathaus ist steinig und voll juristischer Stolperfallen.

Kamen

, 03.09.2019, 15:32 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die gestarteten Sanierungsarbeiten auf dem Nordring kommen zu spät für Ulrike Dürholt. Denn die Holzwickederin ist auf dem kaputten Asphalt so durch ein Schlagloch gefahren, dass das rechte Vorder- und Hinterrad einen heftigen Schlag bekam: 3000 Euro Sachschaden am Mercedes. Die 56-Jährige und ihr Mann Andreas (62) machen die Stadt Kamen für den Schaden verantwortlich – ein steiniger Weg mit juristischen Stolperfallen.

Die Eheleute mit dem beschädigten Firmenwagen sind nicht die einzigen mutmaßlichen Schlagloch- oder Stolperfallen-Opfer in Kamen. Insgesamt 26 Schadensfälle wurden dem Rathaus seit 2016 gemeldet: In drei Fällen zahlte nach Angaben der Stadt die Versicherung, die übrigen 23 solln sich noch in Bearbeitung oder im Rechtsstreit befinden. Wer die Geschädigten sind, was genau wo passierte – dazu will die Stadt noch nicht einmal Beispiele nennen. Auch zum Nordring-Fall gibt es keine Auskunft – aus Datenschutzgründen.

Es gab so einen „Rumms“

Der Nordring ist die B233-Ortsdurchfahrt und als Schlaglochpiste bekannt. Wegen Straßenschäden senkte die Stadt Kamen das Tempo auf 30 km/h. Auch Ulrike Dürholt will nicht schneller gefahren sein, als sie dort am 2. Juni gegen 22.45 Uhr herfuhr. Die Holzwickederin betont, dass sie die Strecke das erste Mal gefahren sei und daher besonders vorsichtig.

„Es gab so einen Rumms, dass ich dachte, ich hätte etwas oder jemanden überfahren“, schildert sie den Moment. „Daher hielt ich verängstigt kurz an, um nachzuschauen, mit der gedanklichen Bitte, dass da niemand liegt. Ich konnte, Gott sei Dank, nur ein recht großes, tiefes Loch in der Fahrbahn ertasten, mit Wasser gefüllt und Steinen drinnen liegend, die Kante des Loches sehr scharfkantig und Steine sehr spitz.“

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Am nächsten Morgen war der Reifen platt

Dürholt konnte zunächst nichts am Auto erkennen oder ertasten, wie sie sagt, und fuhr weiter. Das kann ihr Sohn (29) bezeugen, den sie an dem Abend zu seiner Freundin in Kamen brachte.

Zuhause in Holzwickede angekommen, will Dürholt den Schaden am rechten Vorderreifen bemerkt haben. Der Vorderreifen sei am nächsten Morgen platt und auch am Hinterreifen sei ein Schaden zu sehen gewesen. Eine Werkstatt soll die Schäden an Reifen und Felge später auf rund 3000 Euro beziffert haben.

Es existiert ein Foto, auf dem zwei größere Schlaglöcher und Asphaltbrocken zu sehen sind. Es soll die Gefahrenstelle in Höhe der Hausnummer 45 am Morgen nach dem „Rumms“ zeigen. Ihr Sohn habe es auf ihre Bitte gemacht, erzählt Dürholt. Sie habe den Schaden „direkt an die Stadt“ gemeldet und gehofft, dass die Stadt das Loch vermesse, um den Schaden nachzuvollziehen. „Als ich dann die Woche noch einmal hinfuhr, um selbst zu schauen, war es schon verfüllt.“

Stadt soll 3000 Euro für Reifenkiller-Schlagloch zahlen

Reifenkiller-Schlagloch auf dem Nordring in Kamen: das Schlagloch mutmaßlich am Tag nach dem Unfall (kleines Bild, r.) und wenige Tage später (l.) © Stefan Milk/Annkathrin Töpfer/privat

Pflichtverletzung schwer nachzuweisen

Ob eine Versicherung den Schaden übernimmt, hängt unter anderem davon ab, ob den Straßenwärter eine Vernachlässigung der Verkehrssicherungspflicht nachzuweisen ist. Autofahrer, Fußgänger und Radler müssen vor unvermuteten Gefahren geschützt und Schlaglöcher beseitigt werden. Den Nachweis einer Pflichtverletzung zu führen ist für Betroffene schwierig. „Die Anspruchsteller sind darlegungs- und beweispflichtig“, erläutert Stefan Lamprecht vom Landesbetrieb Straßen NRW.

Doch Schlagloch-Opfer können auch Erfolge verbuchen: Das Oberlandesgericht Hamm verurteilte den Landesbetrieb 2013 dazu, die Kosten für einen Achsbruch auf der A52 bei Essen zu übernehmen. Dort war ein Autofahrer in einer Baustelle durch ein Schlagloch gefahren. Im Fall eines 10 Zentimeter tiefen, 30 Zentimeter breiten und 60 Zentimeter langen Schlagloch auf einer Gemeindestraße in Zwickau musste die Stadt haften, wie das dortige Landgericht 2010 urteilte.

Stadt soll 3000 Euro für Reifenkiller-Schlagloch zahlen

Mit diesem Foto dokumentierte Ulrike Dürholt den Reifenschaden. © privat

Versicherung der Stadt lehnt Zahlung ab

Auch die Dürholts müssen den Schadenersatz vermutlich erstreiten. Denn am 24. August erhielten sie nach wiederholten Kontakten mit Stadt und der GVV-Kommunalversicherung ein ablehnendes Schreiben, das im Widerspruch zu einer telefonischen Zusage stehen soll. „So viele Widersprüche: Einer gibt Verantwortung dem anderen gegenüber ab und ich stehe da, wie im Regen stehen gelassen“, kritisiert Dürholt. „Leider ist das wohl Standard, dass Schäden durch Schlaglöcher normal sind und die Stadt dies billigend in Kauf nimmt. Wir bleiben auf unseren Kosten sitzen.“

Stadt „dankbar“ für Hinweise auf Straßenschäden

Die Stadt lässt diese Vorwürfe unkommentiert und reagiert mit dem allgemeinen Hinweis, dass es regelmäßige Kontrollen gebe. „Dabei festgestellte Schäden werden gemeldet und umgehend behoben“, heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme. Das gelte auch für Straßen, für die beispielsweise Straßen NRW zuständig ist. Die Stadtverwaltung ist „dankbar für Hinweise aus der Bevölkerung, die uns dabei helfen, Schadstellen, die bisher noch nicht bekannt waren, zu identifizieren und zu beheben.“

Dürholts Reifenkiller-Schlagloch soll aber nicht infolge der Schadensmeldung verfüllt worden sein, sondern aus einem anderen Grund. „Es hat eine Überschneidung mit der Streckenkontrolle gegeben“, sagt Stadtsprecher Rüdiger Büscher. Diese werde 14-täglich durchgeführt.

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