„Natürlich sehen wir die absolute Mehrheit nicht als selbstverständlich an“

dzSPD-Chef Denis Aschhoff in Kamen

Denis Aschhoff, 40, führt eine von absoluten Mehrheiten verwöhnte SPD in die Kommunalwahl in Kamen. Im Interview äußert er sich zum Abwärtstrend bei der krisengeschüttelten Partei, zu Shitstorms und kostenloser Schokolade.

Kamen

, 31.01.2020, 14:46 Uhr / Lesedauer: 6 min

Erst seit ungefähr zehn Jahren ist Denis Aschhoff in der SPD, erst seit zweieinhalb Jahren Vorsitzender des Stadtverbands Kamen. Kürzlich wurde er einstimmig wiedergewählt. Jetzt blickt der 40-Jährige auf die bislang größte Herausforderung: die Kommunalwahl 2020. Zum Interview im Pressehaus am Kamener Marktplatz kommt Aschhoff lässig und gut gelaunt, obwohl er einen Job hat, um die ihn nur wenige beneiden dürften.

Herr Aschhoff, wie fühlt es sich an, SPD-Vorsitzender in einer der wenigen noch verbliebenen Hochburgen der Partei zu sein?

Aschhoff: Na ja, in Kamen sind wir noch ganz gut vertreten. Ich mache das Amt total gerne. Das hat damit zu tun, dass ich mich hier zuhause fühle und die SPD hier ein sehr familiäres Auftreten hat. Das macht es mir einfach, das umzusetzen, was ich verändern möchte.

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Wie reagieren die Leute, wenn sie erfahren, dass Sie SPD-Chef sind?

Um das Amt beneiden mich nur wenige Leute, weil es wahnsinnig zeitintensiv ist und natürlich auch eine gewisse Verantwortung mit sich bringt. Wenn ich privat unterwegs bin, ist es nicht mehr so wie früher wie bei Peter Holtmann oder Manni Wiedemann, dass da jemand auf deine Schulter klopft und sagt: Gut, dass du das machst. Die Leute haben heute ein anderes Bild von Politikern. Viele sind überrascht, wenn ich sage: Ich kriege dafür kein Geld, das ist ein Ehrenamt.

Zur Person

Denis Aschhoff

  • Denis Aschhoff, 40, seit zweieinhalb Jahren Chef der SPD Kamen (611 Mitglieder), soeben wurde er einstimmig wiedergewählt. Der SPD gehört er seit zehn Jahren an, erst in Bergkamen, dann in Kamen. Er ist sachkundiger Bürger im Stadtrat.
  • Hauptberuflich arbeitet der gelernte Versicherungskaufmann und ehemalige Berufssoldat als Medizinprodukte-Berater bei einem Unternehmen in Hamm. Berufliche Stationen: u.a. acht Jahre Bundeswehr, davon sechs Jahre als Leiter der Medizingerätetechnik am Bundeswehrkrankenhaus Hamm.
  • Aschhoff wohnt in Südkamen, hat einen Sohn und lebt in Partnerschaft.

Das ändert sich, falls Sie Ratsmitglied werden.

Aschhoff: Ja, aber was da als Pauschale fließt, wandert normalerweise nicht in den privaten Geldsack. Ich sehe, was einige Ratsmitglieder von diesem Betrag jeden Monat an Steuern, Abgaben an Partei, Beiträgen an Vereine zahlen und auch spenden.

Die SPD ist im Umfragekeller, viele Mitglieder sind frustriert. Wie wollen Sie das Team motivieren für den anstehenden Kommunalwahlkampf?

Aschhoff: Die Aktiven selbst sind nicht unmotiviert, da sehe ich nicht das Problem auf kommunaler Ebene. Auf Bundes- und Landesebene sehe ich das Problem aber auch. Da muss motiviert werden, aber hier in Kamen sind wir auf einem guten Weg. Ich merke eher Rückenwind als Gegenwind.


Wie schwierig macht die allgemeine Lage der SPD die Kandidatensuche?

Aschhoff: Schwer ist sie nicht. Wir haben die Kandidaten für die erste Reihe, die in den Rat einziehen möchte, das ist sehr unproblematisch. Und wir haben im Grunde auch die zweite Reihe für die Liste schon fertig. Problematisch ist tatsächlich das Einhalten der Frauenquote, weil der hohe politische Zeitaufwand sich häufig nicht mit der aktuellen Lebensplanung vereinbaren lässt.

Denis Aschhoff über soziale Netzwerke und Shitstorms: „Du könntest auch kostenlos Schokolade auf dem Markt verteilen, da hättest du genauso Theater.“

Denis Aschhoff über soziale Netzwerke und Shitstorms: „Du könntest auch kostenlos Schokolade auf dem Markt verteilen, da hättest du genauso Theater.“ © Stefan Milk

Es steht eigentlich ein Generationenwechsel an, aber es scheint ja doch einige ältere Kandidaten zu geben, die weitermachen wollen. Droht eine Verjüngung des SPD-Teams schwierig zu werden?

Aschhoff: Viele werden sehr überrascht sein, wie viele junge Leute dabei sein werden. Wir haben aber weniger auf das Alter geguckt als auf die Qualifikationen und die Aktivitäten der letzten Jahre. Wir hatten letztens eine Diskussion über den Luisenpark, wo es in aktuellen Bauplänen sehr steil einen Weg heruntergeht, bei dem ich auf den ersten Blick kein Problem sah. Wenn mich einer aus der älteren Generation darauf aufmerksam macht, dass er für sie zu steil ist, sage ich: Ja, stimmt. Letzten Endes machen wir ja nicht nur Politik für junge Leute. Mir ist es wichtig, dass wir insgesamt den Altersdurchschnitt der Bevölkerung auch in der Partei darstellen.


Was wollen Sie tun, um das Vertrauen enttäuschter SPD-Wähler wiederzugewinnen?

Aschhoff: Die Kommunalwahl wird zu einem gewissen Maß im Zeichen der aktuellen Situation auf Bundes- und Landesebene stehen. Hier in Kamen sehe ich den Vertrauensverlust nicht so. Wenn ich sehe, was wir die letzten Jahre gemacht haben, ist da nichts gewesen, wo ich sage: Das würde ich im Nachhinein anders machen. Ich glaube, dass wir das Bestmögliche rausgeholt haben.

Das wurde im Bürgermeisterwahlkampf anders gesehen. Wie sehr rechnet die SPD damit, dass sie die absolute Mehrheit diesmal verfehlen wird?

Aschhoff: Natürlich sehen wir die absolute Mehrheit nicht als selbstverständlich an, ich muss aber auch sagen, dass ich kein Ergebnis für unwahrscheinlich halte. Wir nehmen Kritik auf, gar keine Frage. Wenn wir es schaffen, tatsächlich die Kamener Politik in den Vordergrund zu stellen, dann bin ich eigentlich guter Dinge. Wir werden niemals eine perfekte Stadt erleben, aber ich finde, wir haben schon wunderbare Grundlagen, gerade auch, wenn ich mir den Kinder- und Jugendbereich angucke.

„Allerdings haben wir auch wirklich alle Vereine mitgenommen, und das ist das Entscheidende.“
Denis Aschhoff

Zum Beispiel?

Aschhoff: Die Nachbarstädte haben Probleme, was Kindergartenplätze angeht. Wir haben einen Unterbringungsschnitt von 99,7 Prozent. Ich weiß, dass es immer zum Anfang eines Kindergartenjahres erst einmal große Aufruhr gibt: Wer kriegt einen Platz und wer nicht? Es ist tatsächlich so, dass man sich in mehreren Kindergärten bewerben muss. Wir haben es bis jetzt immer geschafft, dass jedes Kind eine Unterbringungsmöglichkeit bekommt.

Nicht so gut läuft es bei den Bädern: Die Bürgermeisterin hat immer noch keine Finanzierung vorgelegt, obwohl der Architekt wegen drohender Kostensteigerungen zur Eile gedrängt hat.

Aschhoff: Ich bin auch der Meinung, man hätte vielleicht die Lösung noch schneller herbeiführen müssen. Allerdings haben wir auch wirklich alle Vereine mitgenommen, und das ist das Entscheidende. Ich glaube, dass wir ein ausgewogenes Bäderkonzept haben. Und was die Finanzierung angeht, möchte ich tatsächlich vom Kämmerer das bestmögliche Ergebnis vorgelegt bekommen. Soweit ich weiß, steht das Finanzierungsmodell uns kurz bevor. Das Schlimmste, was uns passieren könnte, ist in Lünen zu sehen: Du baust ein Bad, hast aber nicht genug Schwimmzeiten für alle.

Denis Aschhoff über die Schwierigkeiten, einen Zebrastreifen einzurichten: „Ich bin ja ursprünglich in die Politik gegangen, weil ich gesagt habe, ich möchte gerne alles schneller, einfacher und erklärbarer, nachvollziehbarer machen.“

Denis Aschhoff über die Schwierigkeiten, einen Zebrastreifen einzurichten: „Ich bin ja ursprünglich in die Politik gegangen, weil ich gesagt habe, ich möchte gerne alles schneller, einfacher und erklärbarer, nachvollziehbarer machen.“ © Stefan Milk

Einem SPD-Vorsitzenden, der selbst kein Ratsmandat hat, fehlt Macht. Ist damit zu rechnen, dass Sie als Kandidat bei der Kommunalwahl antreten?

Aschhoff: Macht ist für mich der falsche Ausdruck, aber mich einbringen, das tue ich. Als Vorsitzender bin ich in Entscheidungsgremien dabei, zum Beispiel in Fraktionssitzungen und in Ausschüssen. Als Ratsmitglied übernimmt man Verantwortung für weitreichende Entscheidungen. Davor habe ich keine Angst. Wenn mich ein Ortsverein bittet, anzutreten für einen Wahlkreis, werde ich der Bitte folgen.

Und: Sind Sie gefragt worden?

Aschhoff: Ja, und ich habe auch zugestimmt, dass ich Verantwortung übernehmen würde.


Kürzlich haben Bürger 120 Unterschriften gesammelt für einen Zebrastreifen auf der Westenmauer. Von der SPD war dazu nichts zu hören. Zeigt sie überhaupt genug Präsenz und macht sie genug Bürgersteigpolitik?

Aschhoff: Ich weiß in dem konkreten Fall jetzt nicht, ob sich da im Wahlbezirk jemand eingeschaltet hat. Wenn wir solche Informationen bekommen, geben wir eine Rückmeldung. Ich habe kürzlich erst Telefonate geführt mit Bürgern, die von Problemen an anderer Stelle berichteten, zum Beispiel der Fall der offenen Tür an der Autobahn. Die Forderungen nach einem Zebrastreifen unterstütze ich voll und ganz, auch an der Lünener Straße. Ich habe allerdings auch gelernt, wie schwierig die Umsetzung sein kann. Ich bin ja ursprünglich in die Politik gegangen, weil ich gesagt habe, ich möchte gerne alles schneller, einfacher und erklärbarer, nachvollziehbarer machen. Ich bin da in einigen Bereichen mittlerweile ein bisschen geerdet worden, weil ich gemerkt habe: Manche Wege gehen nicht schnell, und das ist bei Landesstraßen wie an der Lünener Straße der Fall.

„Ich bin da in einigen Bereichen mittlerweile ein bisschen geerdet worden.“
Denis Aschhoff

Sie sind einer der wenigen Kamener SPD-Politiker, die sich an Diskussionen in sozialen Netzwerken beteiligen. Kommt da zu wenig Engagement von anderen Parteikollegen?

Aschhoff: Ich habe fünf bis sechs Personen auf dem Schirm, die sich regelmäßig beteiligen. Ich gebe Informationen weiter bei Facebook oder hole sie aus der Gruppe heraus und leite sie an die Stadtverwaltung oder ähnliches weiter. Das Problem ist: Es kann ein Shitstorm über einen hereinbrechen. Du hast Leute dabei, die generell grundsätzlich gegen alles sind. Du könntest auch kostenlos Schokolade auf dem Markt verteilen, da hättest du genauso Theater. Da ist viel Meinungsmache.

Wie wichtig sind die sozialen Medien im Wahlkampf und wie stark will die SPD diese nutzen?

Aschhoff: Natürlich werden wir die sozialen Medien intensiv nutzen, überhaupt das Online-Medienangebot. Es ist nun mal leider so, dass immer weniger Bürger die Zeitung lesen. Wir wollen unser Wahlprogramm zusammen mit den Bürgern erarbeiten. Du kannst einen Flyer oder ein Plakat aufhängen, aber wenn du die Person nicht persönlich kennengelernt hast, wird das Ganze schwierig. Wir werden sicherlich auch mit Videos arbeiten, um einzelne Kandidaten vorzustellen, aber das A und O bleibt das persönliche Gespräch.

Denis Aschhof über die SPD im Umfragekeller und die Motivation für die Kommunalwahl: „Ich merke eher Rückenwind als Gegenwind.“

Denis Aschhof über die SPD im Umfragekeller und die Motivation für die Kommunalwahl: „Ich merke eher Rückenwind als Gegenwind.“ © Stefan Milk


Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans sind das neue SPD-Führungsduo. Bedauern Sie, dass die SPD nicht Olaf Scholz, einen der beliebtesten deutschen Politiker, gewählt hat?

Aschhoff: Ich bin nicht traurig. Olaf Scholz war nicht mein persönlicher Favorit. Ich möchte aber auch nicht ausschließen, dass mit ihm auch gute Zeiten gekommen wären. Aber der Blick von außen ist mir wichtig. Den bringt das neue Duo mit, für das auch ich gestimmt habe. Ich habe Walter-Borjans kennengelernt. Er ist ein ganz, ganz toller Mensch, der auf dem Boden der Tatsachen unterwegs ist. Aber es wird viel, viel Mühe kosten, eingefahrene Strukturen aufzubrechen. Und das kostet Zeit, das merke ich selber auch.


Das neue Duo kritisierte die Groko, hält aber nun an ihr fest. Wird das Festhalten der SPD an der Groko den Kommunalwahlkampf erschweren?

Aschhoff: Würde die GroKo platzen, hätten wir vielleicht zur Kommunalwahl gleichzeitig eine Bundestagswahl und dann würden sich die Themen überlagern. Ich war teilweise sehr überrascht im Europawahlkampf über die Wahlergebnisse für die SPD. Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass, egal wann wir eine GroKo hatten, am Ende auch immer unsere Ideen als Ideen der CDU verkauft worden sind und wir immer hinten runtergefallen sind. Am Ende hat uns das nie gut getan. Ich glaube, dass es ganz gut ist, wieder eine klare Linie zu fahren, und mit den Parteien zusammenzuarbeiten, mit denen man auch konstruktiv zusammenarbeiten kann.

In der Kamener Stadthalle beginnt am Samstag, 1. Februar, um 9.30 Uhr der SPD-Unterbezirksparteitag, bei der sich u.a. Unterbezirksvorsitzender Oliver Kaczmarek aus Kamen zur Wahl stellt.
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