Die Freude auf wieder mehr Sonne können die heimischen Landwirte nicht teilen. Gerade rund um Kamen blieb der Regen standhaft allzu dürftig. Die Folgen drohen drastisch zu werden.

von Werner Wiggermann

Kamen

, 22.06.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Was ist eigentlich gutes Wetter? Nach ein paar bewölkteren Tagen ist für die meisten von uns schon wieder klar: Sonnig und warm sollte es „endlich wieder“ sein – was denn sonst? Landwirte müssen das jedoch anders sehen. Gerade im Raum Kamen.

Bereits der dritte viel zu trockene Sommer hat für sie gerade begonnen. Da hilft der jüngste Regen wenig – zumal er in der engeren Region absolut spärlich geblieben ist. Geradezu groteske Unterschiede wurden in Nachbarorten gemessen: Als sich zum Beispiel in Niederaden die Äcker mit 50 Millimeter Wasser pro Quadratmeter satt trinken durften, blieb es in Altenmethler oder Heeren-Werve bei 15 Millimetern – als in Soest 25 Millimeter niedergingen, tröpfelten in Kamen und Unna gerade mal 0,3 Millimeter in die Messgefäße.

Um seine Kartoffeln muss Hans-Heinrich Wortmann in diesem Jahr auch bangen.

Um seine Kartoffeln muss Hans-Heinrich Wortmann in diesem Jahr auch bangen. © Stefan Milk

Die Folgen werden allmählich sichtbar: Der Gerste geht’s schon schlecht; auf manchen Maisfeldern haben sich etliche Pflanzen gar nicht erst an die trockene Luft gewagt; die Kartoffeln drohen mickrig zu bleiben; und Regen fehlt ganz besonders auch den Wiesen, von denen manche nach dem ersten Grasschnitt im Mai direkt braun wurden.

„Keine Reserven aus den Vorjahren“

Gerade hier zeigt sich, wie Mangelerscheinungen aus den Vorjahren jetzt dramatisch mit der neuen Dürre zusammenfallen. „Viele Kollegen verbrauchen jetzt schon das Heu aus dem ersten ersten Schnitt, das eigentlich als Winterfutter eingesetzt werden sollte“, berichtet Hans-Heinrich Wortmann, Landwirt in Methler und Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Kreisverbandes Ruhr-Lippe. „Es seien einfach keine Reserven aus den Vorjahren da“, so Wortmann.

Immerhin gibt es die Möglichkeit, sich mit anderen Regionen auszutauschen. Wer also gerade besonders knapp mit den Futtervorräten für sein Milchvieh ausgestattet ist, kann sich etwa mit einem kleinen „Import“ aus einem anderen westfälischen Landstrich behelfen, wo es in der entscheidenden Zeit fürs Gras etwas mehr geregnet hat. „Aber auch das ist dann natürlich mit zusätzlichen Kosten verbunden“, schränkt Wortmann ein.

Roggen reicht nicht als Alternative

Werden die Zeiten also grundsätzlich immer härter für die heimische Landwirtschaft – oder gibt es auch Lichtblicke? „Bisher war ich immer stolz auf unsere tollen Lehmböden im Kamener Raum“, erinnert sich Hans-Heinrich Wortmann. Der Lehmboden konnte sehr gut das Wasser der vergangenen Monate speichern – diese Speicher seien nun aber auch leer. Selbst in der Tiefe ist es total trocken.

Und die bäuerlichen Handlungsvarianten sind offenbar sehr beschränkt. „Roggen kommt mit weniger Wasser aus“, erklärt der Landwirte-Sprecher, aber ein Überangebot an Roggen könne den Verlust an Weizen-Mengen nicht ausgleichen. Selbst den Schweinen schmeckt‘s nicht mehr, wenn sie nur noch Roggen bekommen. Vielleicht hilft irgendwann die Wissenschaft: „Man ist dabei, neue Weizensorten mit geringerem Feuchtigkeitsbedarf zu züchten“, erklärt Wortmann. Aber solche Züchtungen dauern lange. Zumindest, wenn keine Gen-Technologie eingesetzt werden soll. Manchmal mehr als zehn Jahre.

Schon im Frühjahr war zu sehen, wie schnell die Böden wieder ausgetrocknet waren.

Schon im Frühjahr war zu sehen, wie schnell die Böden wieder ausgetrocknet waren. © Bludau

Was man jetzt schon tun kann, werde getan. Mit Erfolg übrigens, wie Wortmann betont. „Wir setzen auf langfristigen Humus-Aufbau, etwa durch den Einsatz von Zwischenfrüchten“, erläutert Wortmann. Durch Fruchtfolgen, bei denen der wertvolle Boden fast immer bedeckt ist, schützt man ihn vor Austrocknung, durch „Grubbern“ statt tiefem Pflügen werden Aufbau und Feuchtigkeitsspeicher geschont.

Die Extreme sind das Problem

Wie lange das alles reicht, um noch einigermaßen gute Ernten zu erzielen, ist völlig ungewiss. Vielleicht kommt ja 2021 ein total verregneter Sommer, und dann? „Wird das auch nicht gut sein“, ergänzt Petra Drees-Hagen, Pressesprecherin des Kreisverbandes. Das Getreide würde dann ebenso schlecht gedeihen wie in Dürre-Sommern. Und auch das wäre ein durch den Klimawandel verursachter Schaden. „Das Problem sind die Extreme“, erläutert Drees-Hagen. Gerade wenn die Landwirte neue, für Trockenheit ausgelegte Sorten einsetzten. „Man kann nicht langfristig planen“, so Drees-Hagen.

Kurzatmige Politik hilft nicht

Was übrigens auch für Maßnahmen gilt, mit denen die Landwirte durch umweltschonenden Energieeinsatz selbst Maßnahmen gegen den Klimawandel beisteuern. Subventionen, mit denen Biogasanlagen unterstützt werden, laufen nach 20 Jahren aus. Dann lohnen sich die Anlagen nicht mehr und werden abgeschaltet. Trecker, die mit Rapsöl fahren, lohnen sich nur so lange, wie der Preisvorteil für den billigen, aber umweltbelastenden Diesel ebenfalls durch staatliche Hilfen ausgeglichen wird. Und auch diese Hilfen sind zeitlich beschränkt.

An der Landwirtschaft zeigt sich: Kurzatmige Politik lässt nicht nur die Bauern, sondern auch den Klimaschutz im Regen stehen. Und das trifft dann alle – auch wenn sich der echte Regen so merkwürdig ungerecht in der Region verteilt.

Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Volksbank Kamen-Werne
Einzigartiger Bau in Kamen: Volksbank-Villa wird durch ein Holzhaus ersetzt, das im Nu stehen soll
Hellweger Anzeiger Der Preis einer Pizza
Coronakrise zeigt auch: Ohne Fördervereine wären unsere Schulen ziemlich arm dran
Hellweger Anzeiger Radfahren und Lastverkehr
Weniger Gefahr durch Lkw der Autobahnmeisterei: Neue Technik bringt Fortschritt für Radfahrer
Meistgelesen