So wohnen, wie Kevin Kühnert sich Sozialismus vorstellt

dzWohnungsgenossenschaft

Über 1000 Mieter in Kamen sind Genossen. Das heißt: Sie besitzen genossenschaftliche Anteile an der Wohnungsgesellschaft, die ihnen die Wohnung vermietet. Das dürfte Kevin Kühnert gefallen.

Kamen, Lünen

, 02.05.2019, 13:10 Uhr / Lesedauer: 2 min

Seit Juso-Bundeschef Kevin Kühnert diese Woche in einem Interview mit Forderungen für eine Kollektivierung von Unternehmen für Wirbel sorgt und Immobilienspekulationen anprangert, ist dem Genossenschaftsmodell plötzlich viel Aufmerksamkeit sicher.

Elisabeth Werner* (84) und ihr Mann Georg* (87) sind typische Genossenschaftsmieter. In den Neunzigerjahren zogen sie in ein neu errichtetes Mehrfamilienhaus der Wohnungsbaugenossenschaft Lünen (WBG) in der Gartenstadt Seseke-Aue. Zwölf Jahre später zogen sie um – diesmal in einen WBG-Neubau am Schwesterngang. Dort wohnen die Rentner nun schon seit 12 Jahren.

Mieter sind zufrieden

„Wir sind zufrieden“, sagt Mieterin Elisabeth Werner. „Die Gemeinschaft passt. Man hat einen Hausmeister, den man ansprechen kann.“ Das Ambiente stimmt, und auch über die Miete für die 65-Quadratmeter-Wohnung können die Rentner nicht klagen. Rund 650 Euro zahlen sie nach eigenen Angaben einschließlich Nebenkosten.

Die Eheleute kennen die Schlagzeilen über die Wohnungsnot und die Mietpreis-Spirale in vielen deutschen Städten. In Kamen und im Ruhrgebiet gilt das Mietpreisniveau noch als moderat – im Vergleich zu Metropolen wie Berlin, Hamburg oder München. „Bei den Mieten ist hier bei uns alles im grünen Bereich“, sagt Elisabeth Werner. „Es ist nicht so, dass die Mieten ständig erhöht werden.“ Solchen Ärger wie etwa bei Mietern von Vonovia in der Nordstadt, die infolge einer Modernisierung nun deutlich mehr bezahlen müssen, ist aus WBG-Wohnungen nicht bekennt.

1122 genossenschaftliche Wohnungen

Die Eheleute Werner wohnen in einer von insgesamt 1122 Wohnungen der WBG in Kamen. Damit ist die Genossenschaft einer der größten Wohnungsanbieter dieser Art in der Stadt. Ein weiterer bekannter Anbieter ist der Bauverein zu Lünen, der hinter den 60 neuen Genossenschaftswohnungen in der neu errichteten Anlage an der Westfälischen Straße in Heeren-Werve steht. Die bekannte kommunale Wohnungsgesellschaft UKBS hingegen ist nicht genossenschaftlich organisiert. Hinter anderen bekannten Namen wie Vonovia (börsennotiert), LEG (privatisierte frühere Landesimmobiliengesellschaft) und Degag/Altro Mondo stehen privatwirtschaftliche Eigentümer oder Aktionäre.

Marlene Siekmann, Mietersprecherin der WBG-Wohnanlage am Schwesterngang, sagt: „Die WBG wirtschaftet gut.“ Das zahle sich für die Mitglieder durch eine Dividende von vier Prozent aus. Etliche Nachbarn im Haus hätten mehrere Anteile ab 500 Euro gekauft. Laut WBG-Geschäftsbericht sind insgesamt 5650 Mitglieder mit 26824 Geschäftsanteilen in der Liste der Genossen eingetragen. Das Geschäftsguthaben erhöhte sich im Laufe des Jahres 2017 um 633.000 Euro auf insgesamt 13,2 Millionen Euro.

Genossenschaftliches Wohnen als Beispiel

Das genossenschaftliche Wohnen wurde von Juso-Bundeschef Kevin Kühnert diese Woche als Beispiel dafür genutzt, wie Profite auf dem Wohnungsmarkt vergemeinschaftet werden. Ohne Kollektivierung sei „eine Überwindung des Kapitalismus nicht denkbar“, hatte der Juso-Chef in einem Interview mit der Wochenzeitung „Die Zeit“ erklärt, das viel Wirbel auslöste. Kühnert malte darin an Beispielen aus, wie er sich den „demokratischen Sozialismus“ vorstellt, der im SPD-Grundsatzprogramm steht. Seine Aussagen zur Verstaatlichung von Großkonzernen und Beschränkung von Wohneigentum brachten ihm parteiübergreifende Kritik ein.

Kühnert will den Besitz von Immobilien in Deutschland beschränken. „Ich finde nicht, dass es ein legitimes Geschäftsmodell ist, mit dem Wohnraum anderer Menschen seinen Lebensunterhalt zu bestreiten“, sagte der Politiker, der dieses Jahr auch schon in Kamen einen öffentlichen Auftritt absolvierte. „Konsequent zu Ende gedacht, sollte jeder maximal den Wohnraum besitzen, in dem er selbst wohnt.“ Noch besser seien genossenschaftliche Lösungen, im Optimalfall gebe es überhaupt keine privaten Vermietungen mehr.

*Namen geändert

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