Martin Schulz ist einer der glücklichen Anwohner, die jetzt den Bahn-Lärm nicht mehr abbekommen. Der neue Lärmschutzwall in Methler wirkt. Jetzt fehlen nur noch rund 100 Meter. Ein Ortstermin.

Kamen

, 16.09.2019, 17:27 Uhr / Lesedauer: 3 min

Martin Schulz kann das tun, was für andere Menschen selbstverständlich ist. Er kann im Sommer auf der Terrasse sitzen und sich ungestört mit Gästen unterhalten. Er kann bei offenen Fenster schlafen, ohne in der Nachtruhe gestört zu werden. Martin Schulz ist wohl einer der glücklichsten Menschen am Weizenweg in Methler.

Sechs Meter hoher Wall liefert Schutz

Denn das Haus, in dem die Eheleute Schulz wohnen, liegt neuerdings abgeschirmt vom Lärm vorbeifahrender Züge hinter einem massiven Lärmschutzwall. Eine sechs Meter hohe Wand aus steil aufgetürmter Erde trennt Schulz’ Haus von der Bahnstrecke Dortmund-Hamm. Früher versperrten Büsche und Bäume zwar den Blick auf die Gleise, aber durch das ohrenbetäubende Rattern der Güterzüge und das Rauschen der Personenzüge machte sich der störende Nachbar Tag und Nacht bemerkbar.

So wirkt der neue Lärmschutzwall an der Bahnlinie in Methler

So sieht der Lärmschutzwall von der Gartenseite von Anwohnern aus. Der Knick ist mit dem Verlauf entlang von Grundstücksgrenzen zu erklären. © Stefan Milk

Kein anderes Haus steht so nah an dem Schienenstrang wie das der Eheleute Schulz, nur 25 Meter sind es vom Schlafzimmerfenster bis zur Lärmquelle. Jetzt steht dazwischen, rund zehn Meter entfernt, der gewaltige Wall aus Erde, die mit festgezurrtem Drahtgeflecht und aufgefalteten Stahlgittermatten in Form gebracht wurde. Ein wenig erinnert die Form an einen wuchtigen ägyptischen Pharaonentempel.

Die Schulz wohnen genau an der Übergangsstelle zwischen dem schon fertiggestellten, rund 550 Meter langen Teilstück des Lärmschutzwalls, und den noch fehlenden ca. 100 Metern. Vor dem neuen Heiligtum der Bahnlärm-Geplagten steht jetzt Dr. Uwe Liedtke, Vize-Verwaltungschef im Rathaus, und staunt über den Vorher-Nachher-Effekt. Ein Regionalzug schießt plötzlich hinter dem Wall hervor, und wie auf Knopfdruck ist das typische Geräusch da. „Was dahinter ist, hört man fast gar nicht“, sagt Liedtke. Dieser Eindruck bleibt auch bestehen, als der städtische Bau- und Planungschef bei einem Ortstermin rund 100 Meter den Wall entlang geht und sich gemeinsam mit Tiefbau-Chef Bernd-Josef Neuhaus das Ergebnis der Bauarbeiten anschaut. Wer sich unmittelbar am Fuß der Barriere entlang bewegt, nimmt einzelne Züge kaum noch wahr.

Grüner Anblick vom Garten aus

Die Böschung des Walls ist 70 Grad geneigt. „So kann man kompakter bauen“, erklärt der für den Bau verantwortliche Bernd-Josef Neuhaus. Der Wall erhebt sich wuchtig über die Gärten, soll aber auf absehbare Zeit nur noch ein grüner Anblick sein. „Die Erde ist eingesät“, erklärt Neuhaus. Das erste Wildgras überdeckt bereits die braunen Flanken.

So wirkt der neue Lärmschutzwall an der Bahnlinie in Methler

Anwohner Martin Schulz (l.) im Gespräch mit Bernd-Josef Neuhaus und Uwe Liedtke: „Der Wall hat uns viel gebracht.“ © Carsten Fischer

Lärmschutz an der Bahn

Der neue Wall

  • Der 650 Meter lange und sechs Meter hohe Lärmschutzwall entlang Schimmelstraße und Weizenweg in Methler kostet nach städtischen Angaben knapp eine Million Euro. Nach den ersten Erdbewegungen im Jahr 2017 wurde eine Fertigstellung Ende 2018 angepeilt. Aufgeschwemmter Boden, Lieferengpässe bei Baumaterial und nicht verzeichnete Versorgungsleitungen verzögerten die Fertigstellung. Neuer Fertigstellungstermin: Ende 2019.
  • Der Wall besteht größtenteils aus Erde und zu kleineren Teilen aus Gabionenwänden, also mit Steinen gefüllten Metallkäfige, und schützt Anwohner vor Bahnlärm. Bauherr ist die Stadt Kamen.
  • Die Deutsche Bahn errichtete ab 2012 rund drei Lärmschutzwände mit einer Gesamtlänge von rund 1,6 Kilometer an drei Stellen in Kamen: 520 Meter in Höhe der Borsigstraße/Schäferstraße, 775 Meter an der Lenbachstraße und an der Fünf-Bogen-Brücke und 325 Meter am Telgei.

Zurück am Ausgangspunkt, begegnen Liedtke und Neuhaus dem Anwohner Schulz. Der steht gerade vor der geöffneten Motorhaube seines Autos, um Wasser nachzufüllen, und es ergibt sich ein Gespräch mit den Besuchern. „Wir bedanken uns recht herzlich bei Hermann Hupe, der sich für den Wall ins Zeug gelegt hat“, sagt Schulz. Liedtke erzählt, dass es manches Gespräch mit den Eheleuten Schulz‘ gegeben habe. Die Eheleute hatten vor fünf Jahren Unterschriften für den Bau gesammelt und so Druck auf die Stadt gemacht.

Mehr als zehn Jahre von der Idee bis zur Fertigstellung

Einige Anwohner meinten damals, dass die Stadt den Bau eines Lärmschutzwalls oder einer Wand über Jahre verschleppt habe. Nach dem Baugesetzbuch müssen Wohngebiet gewisse Anforderungen „an gesunde Wohn- und Arbeitsverhältnisse“ erfüllen. 2009 zog die Stadt die Konsequenzen aus der in dem Gebiet entstandenen „ungeordneten Gemengelage“. Der Stadtrat eröffnete das Verfahren zur Erstellung eines Bebauungsplans, der Basis für einen Lärmschutzwall- oder eine Wand legen soll. Bis zum Baubeginn vergingen dann noch acht weitere Jahre.

So wirkt der neue Lärmschutzwall an der Bahnlinie in Methler

Rund 100 Meter Lärmschutzwall im östlichen Bereich des Weizenwegs fehlen noch. © Stefan Milk

Von dem neuen Lärmschutzwall profitieren die Bewohner von rund 100 Häusern entlang Schimmelstraße und Weizenweg. Auch 16 Anlieger haben nach früheren Angaben Flächen für den Wall zur Verfügung gestellt und wurden dafür von der Stadt entschädigt. Der Wall steht auf Flächen der Stadt und des Kreises Unna.

Wenn man sich in der Nachbarschaft umhört, ist die Freude über den Lärmschutz groß. Anwohner Schulz wundert sich indessen, dass es einigen Nachbarn relativ egal gewesen sein soll, ob der Wall gebaut wird. Zwar ist der Nutzen für die unmittelbaren Bahn-Anlieger größer, aber weitere Auswirkungen, wie ein erhöhter Grundstückswert, nützen auch den Bahn-Anliegern der dritten oder vierten Reihe. „Der Wall bringt sehr viel für uns“, sagt Schulz.

So wirkt der neue Lärmschutzwall an der Bahnlinie in Methler

Der städtische Tiefbau-Chef Bernd Josef Neuhaus präsentiert den Teil des Lärmschutzwalls, der aus Steinkörben besteht. © Stefan Milk

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