Andreas Scholz hat Probleme, mit seinem Rollstuhl über die Beeskower Brücke zu fahren. Er nimmt aktuell den Umweg über die Maibrücke. Die Stadt kümmert sich bereits um das Problem mit den Kanten. © Marcel Drawe
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„So schlage ich mir die Zähne aus“ – Rollifahrer meidet neue Brücke

Wenn Andreas Scholz über die Beeskower Brücke fährt, schmerzt ihm das Gesicht. Die Kanten an der Brücke sorgen dafür, dass ihm die Steuerung seines Rollstuhls ins Gesicht prallt.

Andreas Scholz ist jeden Tag in der Stadt unterwegs. Die meisten Kamener kennen den 58-Jährigen, der in seinem Rollstuhl durch die Einkaufstraße fährt. Aber Scholz unternimmt auch schon mal weitere Touren. Der Motor seines Rollis schafft 50 Kilometer, vor kurzem ist er damit bis nach Unna gefahren.

Scholz ist gern unterwegs. Dass er seinen 200 Kilo schweren Rollstuhl plus Eigengewicht allein mit seinem Kinn lenken muss, schüchtert ihn nicht ein. Für größere Kanten hat der Rollstuhl einen Kippschutz vor den Rollen. Der Rolli wird damit vor der Kante gestoppt und kippt nicht um.

Andreas Scholz leidet an MS und kann seinen Körper nicht bewegen. Seinen Rollstuhl lenkt er über sein Kinn. Fährt er über die Kanten der Beeskower Brücke, knallt ihm die Steuerung ins Gesicht. © Marcel Drawe © Marcel Drawe

Die Kanten an der neuen Beeskower Brücke sind nicht so hoch, dass der Rolli gestoppt wird. Trotzdem überquert Scholz die Brücke höchst ungern. „Da schlage ich mir nur die Zähne aus“, sagt er. Der Grund: Steuert er den Rolli über die Kante, stößt ihm die Steuerung, die aussieht wie ein kleiner Gummiball, gegen das Kinn. Scholz hat dann für einen Moment keine Kontrolle mehr über seinen Rollstuhl. Und es tut weh. Auch die Kamenerin Helga Lange hatte vor einigen Tagen bereits auf die Kante hingewiesen und gesagt: „Das ist nicht in Ordnung so.“

Als Scholz demonstriert, wie er über die Brücke fährt, verzieht er das Gesicht. Kein Wunder, dass der 58-Jährige, der an der Krankheit Multiple Sklerose (MS) leidet und sich kaum bewegen kann, lieber den Umweg über die Maibrücke nimmt.

Doch auch für Rollstuhlfahrer, die ihren Rolli mit den Händen lenken, sind die Kanten am Anfang und Ende der Brücke ein Erschwernis. „Es stehen ja auch Erkrankungen oder Unfälle dahinter, die Schäden am Gehirn oder der Wirbelsäule verursacht haben“, erklärt Nicole Renner, die im Haus Volkermann die Wohngruppe leitet, in der Scholz ist.

Es gefährdet also auch die Gesundheit der Betroffenen, wenn sie über Kanten fahren, die den ganzen Rollstuhl durchrütteln. Hinzu komme bei manchen die Angst herauszufallen, weiß Renner.

Im Rathaus kümmert man sich schon um das Problem

Renner und Scholz hoffen, dass die Kanten der Brücke bald geebnet werden – und freuen sich zu hören, dass im Rathaus schon an einer Lösung gearbeitet wird.

„Die Übergänge sind provisorisch, die Kanten kommen weg“, verspricht Stadtsprecher Peter Büttner. Die Brücke sei noch nicht fertiggestellt, aber man habe sie bereits geöffnet, damit die Menschen sie schon einmal passieren können.

Die Beeskower Brücke liegt nicht eben auf. Die Unebenheit soll noch aus der Welt geschafft werden. © Marcel Drawe © Marcel Drawe

Es sei klar, dass die Brücke so nicht bleiben könne, erklärt Büttner. Die Bleche wurden demnach provisorisch auf die Kanten gesetzt, um diese abzuglätten. Wann Kanten und Bleche Geschichte sein werden, konnte er noch nicht genau sagen.

Das hänge auch mit dem ausführenden Unternehmen zusammen, das die Arbeiten dann durchführt. Die Beeskower Brücke ist nicht die einzige mit einer störenden Kante. Die ebenfalls neue Unkeler Brücke konnte wegen eines eklatanten Höhenversatzes noch nicht freigegeben werden. Ein Planungsfehler soll der Grund sein.

Rad- und Rollerfahrer lassen die Kanten bewusst aus

Scholz hofft, dass das nicht mehr allzu lange dauern wird. Und mit ihm wünschen sich das auch die anderen Bewohner der Einrichtung, die teils selbstständig, teils mit Begleitung gerne die Stadt besuchen. „Bei dem schönen Wetter wollen alle raus“, sagt Renner. Für die Bewohner sei die Brücke der direkte Weg in die Stadtmitte.

Während des Gesprächs mit Scholz wird deutlich, dass nicht nur Rollstuhlfahrer die Kanten der Brücke so deutlich wahrnehmen: Als ein Jugendlicher mit seinem City-Roller über die Brücke fährt, hebt er den Roller kurz an, bevor er über die Kanten fährt. Ein Junge auf seinem Mountainbike springt gekonnt in die Höhe, als er den Anfang der Brücke erreicht.

Scholz kann sich so nicht behelfen. Bevor er Schmerzen erleidet, nimmt er lieber einen Umweg in Kauf – und freut sich auf den Zeitpunkt, wenn er wieder problemlos über die Beeskower Brücke rollen kann.

Über die Autorin
Jahrgang 1991. Vom Land in den Ruhrpott, an der TU Dortmund studiert, wohnt jetzt in Bochum. Hat zwei Katzen, liest lieber auf Papier als am Bildschirm. Zu 85 Prozent Vegetarierin, zu 100 Prozent schuhsüchtig.
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Claudia Pott
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