Trotz des Aus für Kettler rücken die Zollpost-Mitarbeiter weiterhin jeden Morgen die Möbel raus. Doch selbst der Marktleiter ist auf Jobsuche. Er kann sich vorstellen, Lokführer zu werden.

Kamen

, 21.10.2019, 14:53 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wer auf das Kettler-Outlet im Gewerbegebiet Zollpost zusteuert, rechnet fast damit, dass dort nach dem Aus für die traditionsreiche Marke schon längst geschlossen ist. Doch vor der leuchtend gelben Fassade stehen am frühen Montagmorgen schon die für Kettler typischen Klapp-Gartenstühle.

Und auch die elektrische Schiebetür gleitet auf und gewährt den Blick in die 1000 Quadratmeter große Markthalle, die über und über vollgestellt ist mit praktischen Gartenmöbeln, trendigen Sportgeräten und unterschiedlichen Modellen des legendären Kettcars.

Herr über all die Waren ist Marktleiter David Hempel, der seit 15 Jahren für den traditionsreichen Freizeitartikelproduzenten arbeitet. Seit seinem 20. Lebensjahr. Mittlerweile ist der Fachverkäufer aus Werne 35 Jahre alt, hat zwei Töchter und immer noch keine Nachricht, wie es vor Ort weitergeht. „Bis auf Weiteres werden wir hier aber öffnen“, sagt er.

Ein ultraleichter Alu-Gartenstuhl, der dort in den endlosen Ausstellungs-Reihen steht, heißt „Lucky“. Glücklich? Das trifft auf die Kettler-Mitarbeiter zurzeit eher nicht zu.

So geht‘s bei Kettler am Zollpost weiter: Mitarbeiter auf Jobsuche - vielleicht Lokführer

Das Kettcar ist Kettlers Kult-Produkt. Es gibt verschiedene Modelle, die nach Formel1-Standorten wie Melbourne, Spa oder Barcelona benannt sind. © Stefan Milk

144 im Werler Werk, drei im Gewerbegebiet Zollpost

Hempel weiß, dass es aber nicht mehr allzu lang dauern wird, bevor Kettler auch am Zollpost die Schotten dicht macht.

Er und seine zwei Kollegen zählen zu den etwa 150 Kettler-Kräften, die jetzt den Betrieb abwickeln. 144 Mitarbeiter werden auf Zeit am Standort Werl für das sogenannte „Ausproduzieren“ weiter beschäftigt. Drei Zollpost-Kettlerianer öffnen morgens um 10 Uhr die riesige Outlet-Halle. Und verkaufen die Waren weiter zu normalen Preisen. „Die Gartenmöbel sind weiter stark nachgefragt. Möglicherweise werden wir irgendwann die Sportgeräte reduzieren und günstiger abverkaufen“, so Hempel. Sicher sei das aber nicht. Der Insolvenzverwalter sei noch nicht vor Ort gewesen.

Am vorigen Montag hatte Kettler auf einer Betriebsversammlung das Aus verkündet.

So geht‘s bei Kettler am Zollpost weiter: Mitarbeiter auf Jobsuche - vielleicht Lokführer

Von außen wirkt es fast wie geschlossen - doch die Schiebetüren gleiten nach wie vor auf. Der Betrieb am Zollpost läuft weiter. Vorerst. © Stefan Milk

Schon den Werksverkauf an der Everling-Straße geleitet

David Hempel hat bereits den Werksverkauf an der Henry-Everling-Straße geleitet, als die Besucher noch über den Hinterhof ins Industriegebäude gelangten und dort auch noch den Charme der Wirtschaftswunderjahre erlebten, weil seit der Werksgründung 1964 wenig Veränderungen erfolgen.

„Von Jahr zu Jahr um den Job zittern, das geht irgendwann an die Nerven.“
David Hempel, Marktleiter des Kettler-Outlets

„Na klar, man fühlt sich einfach als Kettlerianer“, sagt Hempel ehrlich. Trotz der Nachricht, dass er seinen Arbeitsplatz verlieren wird, wirkt er gelöst und spricht offen über die bedrückende Situation. „Jetzt hat man endlich Gewissheit, man weiß endlich, was Sache ist. Denn von Jahr zu Jahr um den Job zittern, das geht irgendwann an die Nerven.“ Die beiden Töchter, so ist er erleichtert, würden von den Problemen noch nicht viel mitbekommen. „Aber sie kennen den Weg hierher und wissen, dass ich hier arbeite. Wenn wir von der Autobahn kommen sagen sie immer: Das ist Papas Laden!“

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Als Quereinsteiger etwas Neues machen: Vielleicht als Lokführer

Auch wenn Hempel jetzt noch täglich die Kunden hochqualifiziert berät, beschäftigt er sich bereits mit der Suche nach einem neuen Arbeitsplatz. „Ich werde jetzt anfangen, mich zu bewerben“, sagt er. „Dann wird sich zeigen, was möglich ist.“

Dabei denkt er auch darüber nach, in eine ganz neue Branche hinein zu schnuppern. „Einfach mal etwas Neues machen. Zum Beispiel bei der Deutschen Bahn als Lokführer.“ Dort werden bekanntlich händeringend Kräfte gesucht. Statt Kettcar-Lenkrad dann den Lokführer-Hebel: Vom Kultfahrzeug mit vier Rädern vielleicht ins Cockpit eines ICE. Hempel ist im besten Arbeitsalter und will sich ein neues Ziel setzen. „Als Quereinsteiger, warum nicht?“, fragt er. Dass sich dann die Arbeitszeiten mit Früh- und Spätschicht ändern, ist ihm bewusst.

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„Es war definitiv klar, dass es nicht weiter geht“

Hempel hat - wie etwa 500 Kollegen auch - am vorigen Montag an der Betriebsversammlung in der Schützenhalle in Ense-Bremen teilgenommen. „Es war zuvor für uns aber definitiv klar, dass es nicht mehr weiter geht. Das war auch ganz gut so, dass dort nicht mehr der Hammer kam und wir schon darauf vorbereitet waren. So war es totenstill im Saal. Ansonsten hätte es vielleicht Tumult gegeben.“

„Es war totenstill im Saal.“
DAVID HEMPEL ÜBER DIE KETTLER-VERSAMMLUNG

Jetzt brechen vielleicht die letzten Wochen und Monate als Mitarbeiter für Kettler an. Die Gartenmöbel wie die Gruppe „Feel“ mit mattiertem Edelstahlgestell oder das Tischsystem Kettalux-Plus seien seine Lieblingsstücke gewesen. „Gartenmöbel“, sagt er lächelnd, „das ist mein Ding gewesen.“

Auch das Kult-Produkt, das Kettcar, rangiert unter den Kunden ganz vorn, während die Sportgeräte in Zeiten günstiger werdender Fitness-Center weniger gefragt sind. Der Gartenstuhl „Lucky“ wird vermutlich einen Abnehmer finden. Und vielleicht kann man das auch bald über einige Kettlerianer sagen, die einen neuen Job gefunden haben. Und dann? Lucky als Lokführer.

So geht‘s bei Kettler am Zollpost weiter: Mitarbeiter auf Jobsuche - vielleicht Lokführer

Die riesige Kettler-Markthalle ist etwa 1000 Quadratmeter groß. Zurzeit arbeiten dort noch drei Mitarbeiter. In Spitzenzeiten, als es dem Betrieb noch besser ging, waren es sieben Kräfte. © Stefan Milk

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