So durstig ist die Stadt: Kamen verbraucht 165.000 Liter pro Stunde

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165.000 Liter pro Stunde. Nur für Kamens Innenstadt kommen über eine Wasser-Autobahn täglich tausende Kubikmeter Wasser angerauscht. Die Dürre bereitet dabei keine Probleme, aber etwas anderes.

Kamen

, 19.08.2020, 18:18 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wer an der Hilsingstraße steht, befindet sich an einer Wasserstraße, ohne dass er es weiß. Das liegt nicht an der Seseke, die dort strudelnd unter der Brücke durchrauscht. Sondern an einer riesigen Wasserleitung, die parallel zur Straße verläuft. Nicht sichtbar, weil unterirdisch. Aber riesig mit einem halben Meter Durchmesser. Unerschöpfliche Mengen Wasser zweigen dort ab in die unscheinbare Station, die gleich nebenan am Straßenrand liegt: Die Übergabestation Hilsingstraße. Dort kommt über eine Wasser-Autobahn fast alles an, was in Kamens Innenstadt aus den Leitungen fließt. Gerade sind es 165 Kubikmeter pro Stunde. Das sind 165.000 Liter. Eine weitere Übergabestation gibt es noch in Höhe von 3M an der Unnaer Straße.

Aus diesem Rohr fließt in der Übergabestation permanent ein Rinnsal ab. Das Wasser, das dort regelmäßig aufgefangen wird, wird dann als Probe im Labor auf Keime untersucht.

Aus diesem Rohr fließt in der Übergabestation permanent ein Rinnsal ab. Das Wasser, das dort regelmäßig aufgefangen wird, wird dann als Probe im Labor auf Keime untersucht. © Stefan Milk

Talsperren sind auf mindestens drei Trockenjahre ausgelegt

165.000 Liter stündlich nur für Kamens Innenstadt. Da müssen die Stauseen im Sauerland doch bald leer sein, zumal es doch wieder einmal sehr trocken ist? Doch mitnichten, wie Dietmar Hölting, Betriebsleiter bei Gelsenwasser in Unna, erklärt. „Dieses Jahr ist für uns definitiv kein trockenes Jahr. Und unsere Talsperren sind auf mindestens drei Trockenjahre ausgelegt. Und selbst dann könnten wir noch Wasser fördern, beispielsweise aus dem Grundwasserwerk Haltern.“

In der Wasserübergabestation an der Hilsingstraße wird das Gelsenwasser, das aus Halingen kommt, ins Rohrnetz der GSW verteilt.

In der Wasserübergabestation an der Hilsingstraße wird das Gelsenwasser, das aus Halingen kommt, ins Rohrnetz der GSW verteilt. © Stefan Milk

Es zischt und rauscht wie am Wasserfall

Hier zischt und rauscht es wie am Wasserfall. Hölting befindet sich gerade zusammen mit Udo Stuhlmann im Keller der Übergabestation. Eigentlich besteht die Station nur aus dem Keller, in dem das große Wasserrohr anlandet und sich in viele kleinere verzweigt, ausgestattet mit reichlich Technik wie Wasseruhren, Messkontakten und Druckminderern.

Mit Stuhlmann bildet Hölting die Geschäftsführung der „GSW Wasser plus“, einer Gesellschaft, die GSW und Gelsenwasser vor zehn Jahren gegründet haben, um die Wasserversorgung in Kamen, Bergkamen und Bönen sicherzustellen. Die Gesellschaft mit einem Umsatz von jährlich 13,5 Millionen Euro investiert 1,2 Millionen Euro im Jahr ins Wassernetz. Ein Rohrnetz, das sich in Zahlen so beschreiben lässt: 547 Kilometer lang, mit 27.358 Anschlüssen und mit einem Wasserverbrauch von 6,5 Millionen Kubikmetern, zum Vergleich: das sind 48,5 Millionen Badewannen. „Pro Kopf verbraucht ein Bürger durchschnittlich 41 Kubikmeter im Jahr, das sind etwa 112 Liter am Tag“, hat Stuhlmann errechnet.

Ein Gerät überwacht Wasserdruck, Fließgeschwindigkeit und Wassermenge. Wenn abends zu viele Menschen duschen oder ihre Gärten wässern, kann es zu Problemen im Rohrnetz kommen, weil der Wasserdruck erhöht wird.

Ein Gerät überwacht Wasserdruck, Fließgeschwindigkeit und Wassermenge. Wenn abends zu viele Menschen duschen oder ihre Gärten wässern, kann es zu Problemen im Rohrnetz kommen, weil der Wasserdruck erhöht wird. © Stefan Milk

Klimawandel und Trockenheit bereiten keine Sorgen

Der Verbrauch in Zeiten des Klimawandels, wo Wälder trocken fallen und absterben, ist aber nicht das Problem der Wasserwirtschafter, die durch das wasserreiche Sauerland Wasser buchstäblich im Überfluss haben.

Für sie ist es aber wichtig, dass das Wassernetz möglichst gleichmäßig belastet wird. Und das wird es zurzeit nicht, weil vor allem abends geduscht, der Pool gefüllt oder der Garten gewässert wird. Und genau das kann das Netz so belasten, dass irgendwann ein Rohr zerbricht.

„Wenn der Bedarf groß ist, steigt die Fließgeschwindigkeit und in den Wasserwerken müssen größere Pumpen angeschaltet werden“, erklärt Hölting. „Das Umschalten verursacht aber Schläge ins Netz. Das ist wie beim Autofahren das Schalten ohne zu kuppeln.“

Werden stärkere Pumpen im 20 Kilometer entfernten Wasserwerk Halingen bei Menden aktiviert, „dann kann man den Druckschlag bis in diese Station spüren“, sagt Hölting und lenkt den Blick auf eine Digitalanzeige, wo Druck und Durchflussmenge angezeigt werden.

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Erste Tagesspitze liegt zwischen 6 und 8 Uhr

Die erste Tagesspitze für Trinkwasser liegt in der Regel zwischen 6 und 8 Uhr morgens. Nur im Sommer wird sie abgelöst, wenn abends zwischen 18 und 19 Uhr das meiste Wasser verbraucht wird. Die Wasser-Experten raten deswegen dazu, den Garten auch mal morgens zu wässern. „Mittags aber ist nicht ratsam, weil dann ein Drittel des Wassers in der Sonne verdunstet.“ Der Sparsamkeit halber könnte man auch mal öfter drauf verzichten. „Es ist die Frage, ob man immer ein Putting-Green benötigt oder der Rasen auch mal braun sein darf.“ Hölting sagt das, obwohl der Betrieb vom Wasser-Verkauf lebt. „Aber es gilt ja, zu einem sinnvollen Wasserverbrauch anzuregen.“

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Nicht nur Kamen bezieht sein Wasser aus Halingen

Nicht nur Kamen bezieht sein Wasser aus Halingen. Das große Wasserrohr, das aus Methler kommend an der Hilsingstraße entlang verläuft, klettert die Lüner Höhe hinauf Richtung Bergkamen und schließt auch Rünthe und Werne an. Seinen Anfang hat es im Übrigen am Pleckenbrinksee in Dortmund.

Dort zweigt es nach Kamen ab von einer noch größeren Wasserautobahn, die zwischen Halingen und Castrop-Rauxel verläuft – mit einem Wasserohr, das 80 Zentimeter Durchmesser hat. Und so sind die Städte über die unterirdischen Wasser-Autobahnen genauso verbunden, wie über A1, A2 und Co. Und je nach Druck ist das Wasser oft wohl schneller da, als ein Auto fahren kann.

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