Sechs Schriftsteller in drei Kirchen – das neue Erfolgsrezept für den Kultursommer

dzKultur in Kamen

Die Corona-Pandemie machte die Planungen für den Kultursommer zunichte. Zusammen mit Schriftsteller Heinrich Peuckmann entwickelte das Kulturbüro eine Alternative, die Zuhörer in drei Kirchen begeisterte.

von Klaus-Dieter Hoffmann

Kamen

, 19.07.2020, 16:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Manchmal ist es gar nicht schlecht, wenn die Karten neu gemischt werden – wie bei der Kamener Kultursommer-Reihe „Summerlife“. Corona-bedingt musste in diesem Sommer einiges an Veranstaltungen gestrichen werden, sodass die Macher im Kulturbüro am Ende ziemlich ratlos dastanden.

Gruppenbild von Organisatoren, Schriftstellern und Musikern: (v.l.) Jörg Höning vom Kulturbüro, die Schriftsteller Gerd Puls und Regula Venske (Präsidentin des PEN Deutschland), Yirgalem Fisseha Mebrahtu, Bernhard Büscher, Heinrich Peuckmann, Leander Sukov, (PEN-Vizepräsident), Simone Barrientos (Bundestagsabgeordnete und Kulturpolitische Sprecherin „Die Linke), Musiker Lucas Rieger und Brigitte Diez-Büscher.

Gruppenbild von Organisatoren, Schriftstellern und Musikern: (v.l.) Jörg Höning vom Kulturbüro, die Schriftsteller Gerd Puls und Regula Venske (Präsidentin des PEN Deutschland), Yirgalem Fisseha Mebrahtu, Bernhard Büscher, Heinrich Peuckmann, Leander Sukov, (PEN-Vizepräsident), Simone Barrientos (Bundestagsabgeordnete und Kulturpolitische Sprecherin „Die Linke), Musiker Lucas Rieger und Brigitte Diez-Büscher. © Klaus-Dieter Hoffmann

Kleines Literaturfestival mit Musik

Nach dem Motto „Wenn nichts geht, Literatur geht vielleicht doch?“, kontaktierte das Kulturbüro kurzerhand den Kamener Schriftsteller Heinrich Peuckmann, der gleich eine Idee hatte. Seine Formel: sechs Autoren, drei Kirchen und viele spannende Geschichten. Herausgekommen ist dabei fast schon ein kleines Literaturfestival.

Mit der Pauluskirche, der Lutherkirche und der Pfarrkirche „Heilige Familie“ waren schnell die erforderlichen sakralen Orte ausgemacht. Auch bei den Autoren hatte Peuckmann, seit einem Jahr Generalsekretär der renommierten Autorenvereinigung PEN-Deutschland, zügig die sechs Akteure zusammen.

Ziel dieser Lesereihe sollte es sein, Einblicke in die Schicksale verfolgter Schriftsteller zu geben. Zu Peuckmanns Freude konnte er die eritreische Dichterin Yirgalem Fisseha Mebrahtu gewinnen, die in ihrem Heimatland sechs Jahre eingekerkert war. Allerdings nicht in einem normalen Gefängnis, sondern in einem Militärgefängnis, inklusive obligatorischer täglicher Folter, wie Mebrahtu ihren Zuhörern berichtete. Und das nur, weil sie mit ihren Texten den Finger auf die wunden Stellen in ihrem Land gelegt hatte.

Die Schriftstellerin Yirgalem Fisseha Mebrahtu aus Eritrea (l.) trug ihre Gedichte im arabischen Dialekt Tigrinya vor und Brigitte Diez-Büscher die deutsche Übersetzung.

Die Schriftstellerin Yirgalem Fisseha Mebrahtu aus Eritrea (l.) trug ihre Gedichte im arabischen Dialekt Tigrinya vor und Brigitte Diez-Büscher die deutsche Übersetzung. © Klaus-Dieter Hoffmann

Gedichte von einer Autorin, die mehrere Jahre eingekerkert war

Ihre Gedichte trug Mebrahtu mit viel Melancholie und Leidenschaft im arabischen Dialekt Tigrinya vor. Da die Zuhörer in der Pauluskirche diesen natürlich nicht verstanden, wurden die ins Deutsche übersetzten Texte jeweils von Brigitte Diez-Büscher vorgelesen.

Das literarische Pendant in der gut besuchten Pauluskirche bildete Heinrich Peuckmann, der in seinen Gedichten meist vom schweren Leben der Bergarbeiter in der einstigen Bergbaustadt Kamen erzählte. Musikalisch eingerahmt wurden die Lesungen von Lucas Rieger, der das Publikum mit Gitarre, Banjo-Musik und erdigem Blues begeisterte.

Die Zuhörer Christina Rieger, Björn Dörnemann und Kirsten Jauer (v.l.) waren begeistert von den Lesungen in den Kirchen.

Die Zuhörer Christina Rieger, Björn Dörnemann und Kirsten Jauer (v.l.) waren begeistert von den Lesungen in den Kirchen. © Klaus-Dieter Hoffmann

Kurzgeschichten um die Flucht nach Kamen

Gerd Puls, Kamener Schriftsteller, und Leander Sukov, PEN-Vize-Präsident aus Hamburg, hatten sich die kleine, aber feine Lutherkirche für ihre Lesungen auserkoren. Puls machte in seinen Kurzgeschichten deutlich, dass es auch in Kamen Flucht und Elend gab. Besonders als im Hungerwinter die Flüchtlinge aus dem Osten in den zerbombten Häusern zwangseinquartiert wurden. Sein aktuelles Gedicht vom Corona-Regenbogen beschreibt hingegen eine allzu gegenwärtige Katastrophe.

Mitinitiator Heinrich Peuckmann bespricht sich mit Yirgalem Fisseha Mebrahtu und Brigitte Diez-Büscher.

Mitinitiator Heinrich Peuckmann bespricht sich mit Yirgalem Fisseha Mebrahtu und Brigitte Diez-Büscher. © Klaus-Dieter Hoffmann

Regula Venske zeigt sich als Meisterin des Grusel-Krimis

Dass Menschen auf der Suche nach dem Sinn des Lebens verrückt werden und am Ende auch als nicht mehr therapierbar gelten, erfuhren die Zuhörer von Leander Sukov, dessen Geschichten meist von den Marotten des modernen Menschen handeln. Mit Songs wie „Halleluja“ oder „Superstition“ begeisterte in der Lutherkirche Jens Stammer das Publikum.

Von heiter bis humorvoll ging es in der Pfarrkirche „Heilige Familie“ zu, wo der Kamener Schriftsteller Bernhard Büscher den zahlreichen Zuhörern in den Kirchenbänken pointiert von seinen Erlebnissen als ehemaliger Kamener Polizist berichtete und sich Regula Venske, Präsidentin des PEN, als Meisterin des Grusel-Krimis entpuppte, wenn sie beispielsweise von einem mysteriösen Todesfall in der Kirche erzählt. Für die wohltemperierte musikalische Umrahmung sorgten hier die Gitarristen Malte Externbrink und Ben Schickentanz.

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