„Es gibt so viele Familien, die es gut machen wollen.“ Das weiß Familienhebamme Jutta Borisch-Grunau. Doch nicht alle Familien haben gute Startbedingungen. Die Hebamme weiß, wie man hilft.

Kamen

, 06.08.2019, 14:01 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wenn der zinnoberrote Strick-Uterus zum Einsatz kommt und sich das Baby langsam vorschiebt, dann erklärt Jutta Borisch-Grunau gerade die Geburt und zeigt mit einer zugeknöpften Öffnung, wo die Kaiserschnittlinie verläuft. Die Familienhebamme der Stadt Kamen betreut Schwangere, Mütter und junge Familien, die Hilfe benötigen, wenn das Leben plötzlich Purzelbäume schlägt, weil sich alles verändert.

Vor allem unterstützt sie Familien in belastenden Lebenslagen, wie beispielsweise gravierender Armut oder körperlicher und psychischer Erkrankung - dadurch unterscheidet sie soch von herkömmlichen Hebammen. Das Angebot ist kostenlos. Wer die Hilfe benötigt? „Das kann die alleinstehende Minderjährige sein, aber auch die Mittelstandsmutter, die unsicher ist, weil das Kind ständig schreit“, sagt die 57-jährige Dortmunderin, die ihr Büro in der Familienvilla „FIB“ am Rathaus hat. Die drei Buchstaben „FIB“ stehen dort für Familie, Information und Beratung. Auch andere Beratungsangebote sind dort zu finden - wie der Familienservice für Familien mit Neugeborenen oder die Fachberatung Kindertagespflege oder der Schulsozialarbeiter.

Schwanger und so viele Probleme? Kamens Familienhebamme hilft jungen Familien

Der Strick-Uterus, mit dem die Geburt erklärt werden kann, wenn sich der Gebärmutterhals über die Öffnung des Babykopfes schiebt. Die Knöpfe zeigen die Linie, wo ein Kaiserschnitt angesetzt würde. © Marcel Drawe

Hebamme schon seit 32 Jahren

Seit Januar 2014 ist Borisch-Grunau Familienhebamme für Kamen. Die halbe Stelle wird über den Förderverein Jugend (Förju) finanziert. Hebamme mit Sitz in Dortmund ist sie seit 32 Jahren.

Dass sie selbst Mutter von vier Kindern ist, ist natürlich ein Vorteil. Etwa zehn Familien betreut sie längerfristig übers Jahr, dazu kommen zahlreiche kurzfristige Hilfen, wenn guter Rat gefragt ist. Anspruch auf Hilfe hat jede Familie, die in Kamen wohnt. „Das Angebot ist freiwillig. Und wer es nicht mehr möchte, kann es beenden“, betont Borisch-Grunau. Das allerdings passiert so gut wie gar nicht. Denn das Vertrauensverhältnis, das sich aufbaut, ist enorm. Ersten Kontakt gibt es in der Regel über die öffentliche Sprechstunde in der Villa „FIB“, die montags von 10 bis 12 Uhr angeboten wird. „Natürlich besteht Schweigepflicht“, sagt sie.

Schwanger und so viele Probleme? Kamens Familienhebamme hilft jungen Familien

Jutta Borisch-Grunau zeigt mit Babypuppe den Fliegergriff. Manche Familien betreut die Familienhebamme von der Schwangerschaft bis zum ersten Lebensjahr des Kindes - über diese anderthalb Jahre entstehen enge Bindungen. © Marcel Drawe

Der Zauber des Anfangs und der Wille, es gut zu machen

Die Hilfe kann, falls erwünscht, schon in der Schwangerschaft beginnen und endet spätestens, wenn das Kind ein Jahr alt wird. Trotz aller Probleme, die die Familien haben, spürt sie immer „den Zauber des Anfangs. Es gibt so viele Familien, die es gut machen wollen, so viel Aufbruch und das Bedürfnis, alles zu geben“, sagt sie. Die Eltern seien oftmals motiviert und willens, gute Weichen zu stellen, aber benötigten Hilfe dabei. „Für mich ist das die Faszination, dass man die Familien sozusagen vom Beginn des Lebens an begleiten kann.“ Denn es sei entscheidend und prägend, was im ersten Lebensjahr passiert. „Und das soll möglichst gut verlaufen.“

Man ist nicht mehr immer guter Hoffnung

Die Probleme in den Familien sind ein Spiegel der Gesellschaft. Probleme, sie sich verstärkt haben, wie Borisch-Grunau in den vergangenen Jahren beobachtet hat. Der finanzielle Druck sei in den allermeisten Familien größer geworden, es gebe auch mehr psychische Erkrankungen. Bei vielen Frauen habe sich auch die Beziehung zum eigenen Körper verändert. „Das Vertrauen in die guten Abläufe ist oft nicht mehr da. Es gibt ein großes Sicherheitsbedürfnis, das man mit möglichst vielen Tests hinterlegen will.“ Man sei, so sagt sie bewusst mit der Redewendung, nicht mehr immer „guter Hoffnung. Das war vor 20, 30 Jahren etwas anders.“ Sich in guter Hoffnung befinden - das ist eigentlich das positiv besetzte Synonym fürs Schwangersein oder wie man auch sagt: „In anderen Umständen“.

Nicht nur Windeln wechseln und Hunger stillen

Diese Umstände sind oft groß, wenn die Rahmenbedingungen nicht ideal sind. Und das Patentrezept oder den immergültigen Tipp für werdende und junge Mütter gibt es nicht. „Gäbe es ihn, würde ich mir eine goldene Nase verdienen. Doch es gibt kein Zaubermittel“, sagt die Familienhebamme. Sie zeigt den jungen Eltern, wie man ein Kind gut trösten kann, wenn es weint oder schreit. Und wie sie den jungen Menschen besser verstehen können. „Ich bin auch eine Art Fürsprecherin für die Signale des Babys, um zu übersetzen, was sie bedeuten könnten. Es geht dabei nicht nur darum, die Windeln zu wechseln oder den Hunger zu stillen.“

Erleben, was Zärtlichkeit und Mütterlichkeit bedeutet

In der Villa „FIB“

Die Familienhebamme

  • Die Familienhebamme kommt zur Familie nach Hause und widmet sich ihr mit so viel Zeit wie nötig.
  • Die Familienhebamme kann von der Schwangerschaft bis zum ersten Geburtstag Begleitung gewähren.
  • Durch die Inanspruchnahme entstehen keine Kosten.
  • Sie hilft bei Fragen rund um Stillen und Beikost, Ein- und Durchschlafen, gesunde Entwicklung, Ernährung und babysichere Wohnung.
  • Offene Sprechstunde in der Villa FIB ist montags von 10 bis 12 Uhr, dazu mittwochs von 14 bis 16 Uhr und donnerstags von 15 bis 17 Uhr. Infos zur Familienhebamme auch unter Tel. (02307) 1484103.
  • In der Villa FIB am Rathausplatz 4 sind zahlreiche weitere Angebote rund um die Familie angesiedelt: Der Familienservice für Familien mit Neugeborenen, die Fachberatung Kindertagespflege, die Schulsozialarbeit, die Beratung von Familien mit Fluchterfahrung und die Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern der Städte Kamen und Bergkamen.

Und es gibt auch Fälle, wo die Startbedingungen enorm belastet sind. Fälle, die fast unaussprechlich sind, wie nach Vergewaltigungen, wo es um Kinder geht, die nicht gewollt waren. „Wichtig ist, den Frauen zu helfen, ihre eigene Rolle zu finden, auch wenn sie es selbst früher nicht erlebt haben, was Zärtlichkeit und Mütterlichkeit bedeutet“, führt Borisch-Grunau weiter aus. Psychosoziale Hilfe: Ein großer Teil ihrer Arbeit; aber auch andere Dinge: Finanzielle Hilfe beantragen, zu Vorsorgeuntersuchungen begleiten, im Krankenhaus anmelden, zum Teenie-Mütter-Café vermitteln. Das Breikochen lehren, Spielanregungen geben, um die Entwicklung zu fördern. Zur Babymassage und zum Babyschwimmen bringen. „Es gibt so viele Angebote - man muss zeigen, was in unserem Sozialsystem alles da ist.“ Und natürlich: Am Anfang steht die Geburtsvorbereitung. Bei Bedarf mit einem Erklärstück, wie alles funktioniert. Wie, siehe oben, mit dem Strick-Uterus mit Muttermund und Gebärmutterhals. Borisch-Grunau zeigt auf die Knöpfe der Kaiserschnittlinie und lacht. „Das ist der Notausstieg.“

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