Fachgeschäfte schließen und der wachsende Online-Markt schmerzt. Kamens Einzelhändler kämpfen mit Problemen, aber auch beherzt um jeden Kunden. Denn die Wirtschaftsdaten sind eigentlich gut.

Kamen

, 23.10.2019, 13:23 Uhr / Lesedauer: 3 min

„Ist der Kunde König oder ist das Mittagessen wichtiger?“ Bernd Wenge, Vorsitzender von Kamens Händlergemeinschaft, formuliert es bewusst provokant. Denn seit 2006, seitdem er für die Kamener Interessengemeinschaft der Gewerbetreibenden (KIG) als Vorsitzender aktiv ist, kämpft er darum, dass sich die Händler auf einheitliche Öffnungszeiten in der Innenstadt verständigen. Wenn er spricht, merkt man ihm die Unzufriedenheit an, dass es in dieser Sache wenig Fortschritt gibt. „Man muss es auch mal durch die Kundenbrille sehen. Seid ihr bereit, Euch zu ändern?“, fragt er die Händler. Er weiß, dass das dringend notwendig ist. „Geht der Einzelhandel nicht mit der Zeit, dann geht er!“ Doch Kamen, so betont er auch, hat seine Qualitäten. Und eine Händlergemeinschaft, die sich trotz der Öffnungszeiten-Verwirrung den Veränderungen aktiv stellt. Kamen als attraktive Einkaufsstadt, die, so Wenge, „dummerweise in der Nähe zu Dortmund liegt“.

Schriller Weckruf an die Kaufleute: „Geht der Einzelhandel nicht mit der Zeit, dann geht er!“

Das sind alles Kamener Originale! Die Aufkleber-Aktion der Kamener Einzelhändler präsentieren (v.l.) Bernd Wenge, René Hanck, Lothar Becher, Ralph Bisdorf, Stephan Theymann und Simona Dick. © Stefan Milk

Mahlsteine, die den Innenstadthandel aufreiben

Wenge ist hauptberuflich Vorstandsmitglied der Sparkasse Unna-Kamen. Jetzt nutzte er die jüngste Podiumsdiskussion zum Thema Einzelhandel, veranstaltet in dem ehemaligen Rewe/Edeka-Markt an der Adenauerstraße, um die schwierige Situation der Händlergemeinschaft darzustellen. Und des Innenstadthandels allgemein. Der zunehmende Druck durch den Onlinehandel, die schwindende Zahl an inhabergeführten Geschäften und die Nähe zu Dortmund als Oberzentrum. Mahlsteine, zwischen denen der Innenstadthandel aufgerieben wird. Und dennoch will er nicht alles schwarzmalen. Im Gegenteil. Auch wenn einige Fachgeschäfte in den vergangenen Jahren schließen mussten, sei Kamen noch immer eine gute Einkaufsstadt. Ein ungutes Phänomen sei aber wie in anderen Städten auch: „Jeder redet seinen Standort schlecht. Doch wenn wir ihn kaputtreden, hilft uns das nicht weiter.“

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Kamens einzelhandelsrelevante Kaufkraft

Was sind die Fakten? Diese sind abzulesen aus dem Handelsreport der IHK im Jahr 2016 und dem Handelsreport Ruhr 2019 des Handelsverbands NRW. Die Kaufkraft der Kamener Bürger, die für den Einzelhandel relevant ist, lag im Jahr 2016 bei 261 Millionen Euro. Drei Jahre später ist sie um etwa 30 Millionen Euro höher und liegt bei 289,99 Millionen Euro. Gestiegen ist laut Studie auch die Verkaufsfläche von Geschäften über 650 Quadratmeter - von 72.780 Quadratmeter auf auf 75.356. Damit nimmt Kamen im Kreis Unna zusammen mit Unna eine Spitzenposition ein: Kamen und Unna stechen mit 1,72 bzw. 1,93 Quadratmeter Fläche pro Einwohner heraus. Statistisch gesehen kommen im Kreisgebiet lediglich 1,28 Quadratmeter Einkaufsfläche auf jeden Einwohner. Zum Vergleich: In Bönen und Fröndenberg gibt es weniger als einen halben Quadratmeter pro Einwohner.

Kamens einzelhandelsrelevante Kaufkraft pro Kopf, so haben es die Statistker errechnet, wird im Jahr 2019 auf durchschnittlich 6793 Euro taxiert. Das ist im Kreis Unna eher ein Mittelwert. Zum Vergleich: Unna liegt bei 7195 Euro, Holzwickede bei 7523 Euro. Schlusslicht im Kreis ist Bergkamen mit 6195 Euro.

Schriller Weckruf an die Kaufleute: „Geht der Einzelhandel nicht mit der Zeit, dann geht er!“

Bernd Wenge, Wirtschaftsförderin und Beigeordnete Ingelore Peppmeier und Ralph Bisdorf (v.l.) bei der Planung innerstädtischer KIG-Aktionen. © Marcel Drawe

Gute Strukturdaten durch die großen Gewerbegebiete

Auch wenn die Werte verhältnismäßig gut klingen, für die Händler vor Ort sind sie eher abstrakt und wenig nutzbar. Zudem: Die positiven Strukturdaten werden vor allem erzeugt von den Gewerbegebieten „Kamen-Karree“ (mit Ikea) und „Zollpost“ (mit Kaufland und Hornbach); Gewerbegebiete, die außerhalb der Innenstadt liegen und Kunden abfangen, bevor sie die City erreichen. In der City selbst versucht die KIG mit ihren begrenzten Ressourcen den Handel attraktiv zu halten. „Doch wir bei der KIG - wir sind alle Feierabendprofis“, sagt Wenge. Dabei spielt er darauf an, dass die Arbeit vollständig im Ehrenamt gestemmt wird. Die Organisation des Frühlingsmarkts, die Beteiligung an der Winterwelt und der Versuch mit dem Begriff „Kamener Originale“ mehr lokale Identität zu schaffen. Auf die jüngste Aufkleberaktion mit dem entsprechenden Logo erhielten die Einzelhändler gute Resonanz. Zudem gibt es einen Kamen-Gutschein, über den das Geld in der Stadt bleiben soll.

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Harte Arbeit, die KIG auf Kurs zu halten

Und trotzdem ist es harte Arbeit, die KIG nebenher auf Kurs zu halten, wie Wenge betont. 60 Mitglieder sind es zurzeit noch, vor einigen Jahren waren es noch 90. „Da ist niemand einfach so ausgetreten - es handelt sich immer um Geschäftsschließungen“, weist Wenge auf den Trend hin. Prominente Schließungen sind in den vergangenen Jahren das Schuhhaus Wolter an der Weststraße, der Edeka-Markt an der Adenauerstraße oder das Modehaus „Vögele“, ebenso an der Weststraße. Aber mit immer weniger Mitgliedern noch attraktivere Shopping-Erlebnisse zu erzeugen, sei schwierig. „Shoppen ist heutzutage ein Event. Das abzubilden, kostet nicht nur unglaubliches Geld, sondern auch viel Kraft. Um am Ende festzustellen, dass drei andere Städte das gerade auch machen.“ Die Frage, so Wenge, stelle sich automatisch: „Lohnt sich die Arbeit, wenn man nicht einmal ein Alleinstellungsmerkmal hat?“

Vielleicht dann, wenn es auch einmal einheitliche Öffnungszeiten gibt. Wenge will bei dem Versuch nicht nachlassen. Dabei geht es ihm nicht darum, dass die Einzelhändler noch eine Stunde draufsatteln. „Sondern darum, einfach verlässlich zu sein.“ Der Kunde in Kamen? Trotz aller Probleme... er soll König sein.

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