2200 Euro im Monat nur für Versicherungen. Ein Schock fürs gut verdienende Paar, das seine Unterlagen durchleuchten lässt. Verbraucherschützerin Anja Grigat weiß, welcher Schutz wichtig ist.

Kamen

, 24.09.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Ein Schock für das gut verdienende Ehepaar, das monatlich etwa 5000 Euro zur Verfügung hat. Als Anja Grigat, Versicherungsberaterin bei der Verbraucherzentrale NRW, die Unterlagen der beiden Bielefelder durchforstet, kommt sie auf eine stattliche Summe nur für Versicherungen. „2200 jeden Monat – und sie wunderten sich, dass sie auf keinen grünen Zweig kommen.“

2200 Euro – dass ich nicht so viel Geld für Versicherungen ausgebe, da bin ich mir ziemlich sicher, als ich die Verbraucherzentrale an der Kirchstraße betrete, nachdem ich dort einen Beratungstermin vereinbart habe. Einmal im Monat ist Anja Grigat (50), Juristin und Versicherungskauffrau aus Bochum, vor Ort, um Kamener Bürger zu beraten. Einen kleinen Aktenordner habe ich trotzdem dabei, um alle Unterlagen zu fassen.

Anja Grigat aus Bochum berät jeden dritten Montag im Monat in der Verbraucherzentrale an der Kirchstraße 7.

Anja Grigat aus Bochum berät jeden dritten Montag im Monat in der Verbraucherzentrale an der Kirchstraße 7. © Stefan Milk

Auslandskrankenschutz und Reiserücktrittsversicherung

Was schon das erste Problem ist vor dem Termin: Alle Unterlagen zu finden von Versicherungen, die vor Jahrzehnten abgeschlossen wurden – und an die man nur einmal jährlich erinnert wird, wenn vom Konto abgebucht wird.

„Oft ist es ratsam, den mittleren Tarif zu nehmen.“
Anja Grigat,
Verbraucherzentrale NRW

Jetzt geht es in den kleinen Besprechungsraum mit „Corona-Scheibe“; hier herrscht hinter geschlossener Tür Vertraulichkeit. Und gleich die erste gute Nachricht: Auslandskrankenschutz und Reiserücktrittsversicherung vom ADAC, Jahrzehnte alt, sind unverdächtig. „Solange es ins Ausland geht und nicht nur in die Lüneburger Heide, können die so weiterlaufen“, so Grigat.

Doch manche Bürger seien schon dort überversichert: Ein Standardurlauber müsse seinen Koffer nicht extra mit einer Reisegepäckversicherung schützen. Grigat: „Viele Policen sind schlichtweg unnötig.“

Sich mit Versicherungen befassen, kann anstrengend sein. In der Verbraucherzentrale an der Kirchstraße gibt es kostenpflichtige Hilfe.

Sich mit Versicherungen befassen, kann anstrengend sein. In der Verbraucherzentrale an der Kirchstraße gibt es kostenpflichtige Hilfe. © Stefan Milk

Hausratversicherung: Die ganze Grundfläche angeben

Keineswegs unnötig sind wichtige Versicherungen wie die Wohngebäudeversicherung oder die Hausratversicherung. Richtschnur für einen fairen Preis für den versicherten Hausrat sind ca. 85 Cent pro Quadratmeter. Die Spanne reicht von ca. 60 Cent bis ca. 1,20 Euro pro Quadratmeter. „Bei 60 Cent kann es vielleicht sein, dass man unterversichert ist“, warnt die Verbraucherschützerin und sagt mit Blick auf meine Unterlagen. „Ja, das passt.“

Ihr Tipp: Bei der Angabe der Quadratmeterzahl sollten nicht die Schrägen abgezogen werden. Grigat: „Man ist auf der sicheren Seite, wenn man die ganze Grundfläche angibt.“ Wichtig im Schadensfall, beispielsweise bei Einbruch: Ein Nachweis, welche Wertgegenstände fehlen. „Erstellen Sie unbedingt ein Wertgegenständeverzeichnis und machen Sie Fotos von allen wertvollen Gegenständen.“

Der billigste Tarif ist nicht immer ratsam

Und noch etwas sollte in den Vertragsunterlagen stehen, wie Grigat betont: „Grobe Fahrlässigkeit sollte zu einhundert Prozent mitversichert sein.“

„Es nützt nichts, wenn man am Ende nur das Schnitzel aus dem Gefriergut ersetzt bekommt“
ANJA GRIGAT, VERBRAUCHERZENTRALE NRW

Beispielsweise, weil man sein Bügeleisen angelassen hat und ein Feuer ausbricht. Oder weil man das Fenster auf Kipp gelassen hat. „Man weiß ja, dass man das nicht machen soll. Der Versicherer kann die Summe kürzen, wenn grobe Fahrlässigkeit nicht versichert ist.“

Ratsam sei, nicht den billigsten Tarif zu nehmen – fast jede Versicherung habe Produkte wie Basis, Comfort oder Exklusiv. „Oft ist es empfehlenswert, den mittleren Tarif zu nehmen“, so Grigat. Es nütze nichts, wenn man am Ende das Schnitzel aus dem Gefriergut ersetzt bekomme, aber nicht das Küchenmobiliar.

„Man muss sich nicht permanent mit seinen Versicherungen befassen, aber mindestens alle fünf bis sieben Jahre draufgucken, weil sich die Lebenssituation auch mal verändert“, empfiehlt Anja Grigat von der Verbraucherzentrale NRW.

„Man muss sich nicht permanent mit seinen Versicherungen befassen, aber mindestens alle fünf bis sieben Jahre draufgucken, weil sich die Lebenssituation auch mal verändert“, empfiehlt Anja Grigat von der Verbraucherzentrale NRW. © Stefan Milk

Wohngebäudeversicherung: „Vollkasko“ fürs Heim sinnvoll

Wie beim Hausrat sollte auch bei der Wohngebäudeversicherung die grobe Fahrlässigkeit berücksichtigt sein. Grigat blickt auf meine Unterlagen und stellt fest, dass es sich bei Hausrat und Wohngebäude um zwei unterschiedliche Versicherungsanbieter handelt. „Hier ist es sinnvoll, nur einen zu nehmen“, mahnt sie. „Denn bei einem Schaden ist in der Regel beides betroffen, sowohl Mobiliar als auch Gebäude.“

So sei ausgeschlossen, dass sich die Versicherer gegenseitig die Verantwortung zuschieben. „Bei nur einer Versicherung kann man sagen: Streitet euch intern, aber überweist schon mal das Geld.“

Buchstäblich elementar beim „Wohngebäude“: die Versicherung von Elementarschäden wie Überschwemmung, Erdrutsch und Erdsenkung, sprich: „Vollkasko“ fürs Haus. „Früher haben wir das nur empfohlen, wenn man in der Nähe eines Gewässers wohnt. Aber durch die Extremwetterlagen der jüngsten Zeit hat sich die Lage geändert.“

Man muss sich nicht ständig mit seinen Versicherungen befassen

Es gibt noch einige Unterlagen, die Grigat durchschaut – und es gibt viele nützliche Tipps. Nicht unbedingt zum Sparen, sondern um womöglich bessere Konditionen zum gleichen Preis zu erhalten.

„Man muss sich nicht permanent mit seinen Versicherungen befassen, aber mindestens alle fünf bis sieben Jahre draufgucken, weil sich die Lebenssituation auch mal verändert“, empfiehlt Grigat. Kein Versicherer sei überall gut und günstig, sodass man vor Abschluss schon vergleichen sollte. „Das ist wie beim Einkaufen. Wenn man gezielt losgeht, kauft man deutlich günstiger.“

Anja Grigat berät jeden dritten Montag im Monat in der Verbraucherzentrale an der Kirchstraße 7. Die unabhängige Beratung kostet wegen der Mehrwertsteuersenkung zurzeit 38,99 Euro (halbe Stunde) und 77,98 Euro (eine Stunde). Terminvereinbarungen unter Tel. (02307) 4380101 oder per E-Mail unter kamen@verbraucherzentrale.nrw.
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