Kaum ein Kamener, der nicht schon Gast bei den Wirten Heike und Ullrich Neumann war: Im Dorfkneipen-Idyll des Alten Gasthauses Schulze-Beckinghausen erlebt man Gastfreundlichkeit pur.

Kamen

, 19.05.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Gemütlich und rustikal, familiär und traditionell. Das sind die vier Adjektive, die unbedingt fallen müssen, wenn man das Alte Gasthaus Schulze-Beckinghausen, ein Dorfkneipen-Idyll an der Mühlenstraße in Westick, beschreibt. Seit 1972 ist das Lokal in Hand der Familie Neumann, die es jetzt in zweiter Generation betreibt. Kaum ein Kamener, der nicht schon Gast bei den Wirten Heike und Ullrich Neumann war. Der Neustart nach der fast neunwöchigen Corona-Zwangspause ist geglückt. „Für einen Wochentag waren richtig viele Leute hier“, sagt Ullrich Neumann zufrieden. Hinter seiner schwarzen Gesichtsmaske könnte sich gerade ein Lächeln verbergen.

Ullrich und Heike Neumann im Thekenbereich, wo jetzt kein Bier mehr fließen darf. Stattdessen gibt es eine große Auswahl an Bieren aus der Flasche, egal ob Hasen hell, Edelstoff oder naturtrübes Rotbier.

Ullrich und Heike Neumann im Thekenbereich, wo jetzt kein Bier mehr fließen darf. Stattdessen gibt es eine große Auswahl an Bieren aus der Flasche, egal ob Hasen hell, Edelstoff oder naturtrübes Rotbier. © Marcel Drawe

Nicht nur Friede, Freude, Eierkuchen

Aber ausschließlich Friede, Freude, Eierkuchen jetzt, da wieder geöffnet werden kann? Mitnichten. Der 59-Jährige, der in Kamen auch als Heimatforscher und Ortsheimatpfleger bekannt ist, geht durchaus mit gemischten Gefühlen wieder an die Arbeit. „Damit das klappt, hängt viel von uns ab, aber auch von unseren Gästen“, sagt der Traditionswirt mit Blick auf die zahlreichen Abstands- und Hygiene-Regeln. Es bestünden „wahnsinnige Auflagen und große Angst diese von unserer Landesregierung auf uns Gastronomen erlegte Verantwortung so nicht tragen zu können“, schreibt er auch auf seiner Homepage unter www.schulze-beckinghausen.de.

Seit 1837 steht das Gasthaus an der Mühlenstraße; ein Nachbau des 1836 abgebrannten Vorgängerhofs. Urkundlich erwähnt ist der Hof Schnieder schon 1332 als Thyehove to Westwych. Seit 1847/48 befindet sich Gastronomie in den Räumen. „Es war die Zeit in der die ersten Zechen abgeteuft wurden und die Köln-Mindener Eisenbahn gebaut wurde“, so Neumann über die Zeit, in der die Zahl der Bürger schlagartig zunahm.

Ullrich und Heike Neumann im Thekenbereich, wo jetzt kein Bier mehr fließen darf. Stattdessen gibt es eine große Auswahl an Bieren aus der Flasche, egal ob Hasen hell, Edelstoff oder naturtrübes Rotbier.

Ullrich Neumann kocht mit regionalen Produkten und bereitet alles frisch zu. Gefragt ist vor allem das Westicker Schnitzel. © Marcel Drawe

Treffpunkt für Jung und Alt, Ausflügler und Vereinsmenschen

Heute ist Schulze-Beckinghausen ein Treff für Ausflügler, für Jung und Alt, für Vereinsmenschen, Lokalpolitiker und manchen Altbürgermeister. Das Schnitzel „Westicker Art“ mit Spiegelei, Grillspeck und geschmorten Zwiebeln ist der Topseller der Speisekarte. Nachgefragt ist auch „Püttmann sein Steak“, ein Rumpsteak vom Grill mit Pfefferschrot auf pikanter Soße. Auf den Tisch kommen regionale Produkte, die zur guten Küche gehörenden frischen Kräuter werden im eigenen Garten geschnitten.

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Auf einige frisch gezapfte Biere wie das Hausbier „Neumanns Urtyp“ müssen Gäste jetzt verzichten, weil der Thekenbetrieb zurzeit nicht erlaubt ist. „Viele Gäste haben auch gesagt: Flaschenbier ist uns in dieser Zeit lieber“, so Neumann. Als die Schließung der Kneipen angeordnet wurde, hatte er noch zwei frische 50-Liter-Fässer angestochen. „Die sind mir dann natürlich verreckt“, sagt er. Nicht nur das ein wirtschaftlicher Schaden. Der stillgelegte Betrieb ein Horrorszenario für die leidenschaftlichen Gastronomen. „Das ging trotz Soforthilfe an die Substanz und an die Ersparnisse.“

Heike Neumann beim Desinfizieren im Gastraum. Die neuen Hygienevorschriften bedeuten reichlich Zusatzarbeit.

Heike Neumann beim Desinfizieren im Gastraum. Die neuen Hygienevorschriften bedeuten reichlich Zusatzarbeit. © Marcel Drawe

Gastronomie nicht risikolos für das Personal

Jetzt geht es weiter, aber mit buchstäblich gebremstem Schaum, nicht nur, weil die Zapfhähne nicht laufen. Nur jeder zweite Tisch wird bewirtet, statt 60 Plätzen sind das in Schankraum und Westicker Stuben noch 30. Das Jagdzimmer, ein Saal mit 50 Plätzen, bleibt vorerst geschlossen. Jetzt, wo die Luft wärmer wird, öffnet auch der Biergarten – mit 30 Plätzen auch dort nur mit der Hälfte der bisherigen Platzzahl.

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Ullrich, der in der Kneipe nur „Ulli“ genannt wird, ist Gastwirt aus Leidenschaft und tut alles, dass sich der Gast auch unter den neuen Bedingungen wohlfühlen kann. Er hofft, dass das von den Gästen auch zurückgegeben wird. Denn ganz risikolos empfindet er es für sein Personal, seine Frau und sich nicht. „Wir tragen den Mundschutz, unsere Gäste zumindest am Tisch aber nicht“, sagt er. „Nur wenn wir uns alle an die Regeln halten, dann kann es auch wieder aufwärts gehen.“ Sein Eindruck bisher: „Es lief toll. Alle waren sehr vorsichtig.“

Bitte Abstand halten: Überall finden sich Verweise auf die neuen Verhaltensregeln beim Besuch im Restaurant.

Bitte Abstand halten: Überall finden sich Verweise auf die neuen Verhaltensregeln beim Besuch im Restaurant. © Marcel Drawe

Reservierungen notwendig, Maskenpflicht bis zum Tisch

Reservierungen unter schulzebeckinghauen@web.de sind jetzt notwendig, es gilt Maskenpflicht bis zum Tisch, das Personal protokolliert halbstündlich, was wo wie gereinigt und desinfiziert wurde.

Überall weisen Schilder auf Abstandsregeln und sonstige Vorschriften hin. Die Speisekarte, sonst ein Wälzer mit zehn Seiten, wurde auf zwei Seiten verkleinert und einlaminiert, sodass sie nach Gebrauch gründlich desinfiziert werden kann. Das Personal greift auf Reinigungstücher zurück, wenn Kartenlesegerät und Eingabegerät für die Bestellungen benutzt wurden.

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Viele Dinge, die zusätzlich Arbeit bescheren, ohne dass mehr Personal eingestellt werden kann, weil viel weniger Geld eingenommen wird.

Heike Neumann, die die ersten Arbeitstage erlebt hat, ist Gastronomin durch und durch. „Es macht nach wie vor Spaß, aber es ist hartes Brot. Am ersten Abend war ich nur fertig!“

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