Ein sinkender Pegel droht dem Heerener Wasserschloss das Fundament wegzuziehen. Dagegen kämpft der Schlossherr nun mit einem Saugschwimmbagger. Findet die Maschine auch die Spuren eines Zechgelages?

Kamen, Heeren-Werve

, 08.10.2019, 18:44 Uhr / Lesedauer: 3 min

Friedrich-Christian Freiherr von Plettenberg kämpft nach der denkmalgerechten Sanierung der Vorburg an einer neuen Front für den Erhalt des Heerener Wasserschlosses. Der niedrige Pegel des Wassergrabens bereitet dem Schlossherrn ernste Sorgen, weil dadurch das Fundament des 400 Jahre alten Adelssitzes bedroht ist. Die bisherigen Bordmittel reichen nicht aus, um die Gefahr für das Eichenpfahlrost zu bannen.

Mit Wasser aus sechs Gartenschläuchen versuchten Plettenberg und seine Familie in diesem Sommer, ein weiteres Abfallen des Pegels aufzuhalten. Mit diesen Sofortmaßnahmen ist es aber nicht getan, denn der Wasserstand ist immer noch um etwa 20 Zentimeter zu niedrig. „Nach zwei trockenen Sommern wurde klar, dass wir was machen müssen“, sagt der Freiherr. Eine größere Lösung musste her – und die schwimmt seit Montag in Form des Saugschwimmbaggers Truxor auf dem Schlossteich. Der Schlossgraben muss zunächst entschlammt und dann auf einen neuen Wasserpegel eingestellt werden.

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Baggern für den Erhalt des Heerener Schlosses

Die große Anakonda im Schlosspark

Thomas Feder steuert die Maschine auf einer schwimmenden Plattform. Der Mitarbeiter des Gewässerpflege-Spezialisten Sepp aus Jettingen im Landkreis Böblingen schwenkt den Baggerarm („Doro Digger“) im Wasser hin und her. Dabei wühlen die Zähne des daran befestigten Saugpumpenaufsatzes den Schlammboden auf.

Nun kommt noch „die große Anakonda“ ins Spiel, wie Plettenberg scherzt. Gemeint ist ein 200 Meter langer, armdicker Schlauch, der vom Saugschwimmbagger Truxor bis auf einen Acker westlich des Schlossparks führt. Dadurch wird das Wasser-Schlamm-Gemisch abgepumpt und auf bis zu zwei langgezogene Haufen ausgeworfen.

Schlossherr kämpft mit Saugschwimmbagger gegen Einsturzgefahr

Thomas Feder von der Gewässerpflege-Fachfirma Sepp führt den Saugschwimmbagger. © Borys P. Sarad

Sechs Genehmigungen in zehn Tagen

Was so einfach klingt, ist ein aufwendiges Projekt. Es fing schon damit an, dass die Fachleute für das Entschlammen von Schlossgräben rar sind. Glücklicherweise ist Michael Gerold mit seiner Firma Gerold Garten und Landschaftsbau in Kamen ansässig, ein Spezialist für Swimming-Pools und Gartenteiche. Und Gerold kennt die Fachfirma Sepp, die bundesweit bei der Gewässerpflege im Einsatz ist – sei es auf dem Anwesen von Superreichen oder in öffentlichen Schlossparks.

Den Wassergraben eines Baudenkmals darf man aber nicht so einfach ausbaggern. Plettenberg hätte nicht gedacht, wie viele Behörden bei dem rund 30.000 Euro teuren Projekt ein Wörtchen mitzureden haben. Mit im Boot sind unter anderem die Untere Denkmalbehörde der Stadt Kamen, die obere Denkmalbehörde in Münster, die Untere Wasserbehörde des Kreises Unna sowie das westfälische Landesamt für Archäologie in Olpe. Innerhalb von nur zehn Tagen gelang es kurzfristig, sechs erforderliche Genehmigungen zu bekommen.

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Baggern und Saugen für den Erhalt des Heerener Schlosses

Am Heerener Schloss laufen Arbeiten, die dem Erhalt des Fundaments dienen. Ein Saugschwimmbagger ist im Einsatz.
08.10.2019
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Solange Wasser das Fundament des Heerener Schlosses umschließt, ist es geschützt. Ein dauerhaft niedriger Wasserpegel gefährdet das Fundament.© Borys P. Sarad
Das Heerener Schloss stammt aus dem Jahr 1606 und ist auf einem Eichenpfahlrost gegründet. © Borys P. Sarad
Thomas Feder von der Gewässerpflege-Fachfirma Sepp führt den Saugschwimmbagger, der den Schlossteich entschlammt.© Borys P. Sarad
Der Bagger hat einen Arbeitsradius von drei bis vier Metern und muss 4500 Quadratmeter Fläche abfahren.© Borys P. Sarad
Im Laufe der Jahre haben sich Laub, Schwebstoffe und anderes organisches Material im Schlossteich abgelagert. © Borys P. Sarad
Das Wasser-Schlamm-Gemisch wird über einen 200 Meter langen Schlauch von der Gräfte auf einen Acker abgepumpt.© Borys P. Sarad
Friedrich-Christian Freiherr von Plettenberg und Michael Gerold von der Firma Gerold Garten- und Landschaftsbau auf der Baustelle.© Borys P. Sarad
Der Schlossgraben ist zwischen einem halben und einem Meter tief. Einst diente er als letzte Verteidigungslinie. Davor gab es noch zwei andere, die heute nicht mehr erhalten sind.© Borys P. Sarad
Blick auf den Arbeitsbereich auf der Nordseite des Schlosses. Das Herrenhaus ist nicht etwa ein Museum, sondern der Wohnsitz der Familie von Plettenberg.© Borys Sarad
Friedrich-Christian Freiherr von Plettenberg: Erst wenn das Wasser rund 20 Zentimeter höher steht, ist das optimal für das Fundament.© Borys Sarad
Hier befand sich ein Anbau, der 1982 abgerissen wurde.© Borys Sarad
Solche Glashumpen landeten zur Feier des 25. Geburtstag von Friedrich-Christian von Plettenberg (53) in der Gräfte. Ob sie jetzt wieder auftauchen?© Borys P. Sarad
Das Heerener Schloss wurde im frühbarocken Stil erbaut. Neben dem Herrenhaus gibt es noch eine dreiflügelige Vorburg mit zweigeschossigem Torhaus sowie eine Orangerie.© Borys P. Sarad

Archäologen wollen den Schlamm untersuchen

Zunächst war ein Gutachten erforderlich, um nachzuweisen, dass der Schlamm aus der Gräfte auf dem Acker abgelegt werden darf. 25 Proben wurden genommen, die Ablagerungen sind unbedenklich. Den Schlamm darf Plettenberg aber nicht sofort unterpflügen. Zuerst müssen noch Landesarchäologen die aufgeworfenen Mieten unter die Lupe nehmen, um sich zu überzeugen, dass keine denkmalwürdigen Fundstücke herausgespült wurden.

Kurz vor dem Baustart tauchte noch eine weitere Hürde auf. Auf der Schlossseite der Heerener Straße befindet sich gar kein Hydrant für die Standleitung, die die Gemeinschaftsstadtwerke für die Zeit der Pflegearbeiten bereitstellen. Also musste kurzfristig noch eine Gerüstbrücke mit 4,80 Meter Durchfahrtshöhe über die Heerener Straße gebaut werden, über die die Wasserleitung geführt wird.

Schlossherr kämpft mit Saugschwimmbagger gegen Einsturzgefahr

Zusammen mit dem Garten- und Landschaftsbauer Michael Gerold (l.), einem Experten für Teich- und Poolanlagen, hat Friedrich-Christian Freiherr von Plettenberg das Projekt geplant. © Borys P. Sarad

Tauchen drei Glashumpen von Zechgelage wieder auf?

Archäologische Funde im Schloss-Schlamm sind unwahrscheinlich. Plettenberg hofft, dass die Saugaktion einige Artefakte von ideellem Wert zutage fördert. Es war nach seinem 25. Geburtstag, als er mit einigen Freunden auf der Brücke zwischen Vorburg und Herrenhaus feierte. Dabei wurden 25 schwere Glashumpen geleert, die die Gäste nach dem Austrinken hinter sich ins Wasser warfen. „Das bekam mein Vater mit, und er ließ sie mit einer langen Taschenlampe in der Hand von einem Kahn aus danach suchen“, erzählt der 53-jährige Plettenberg.

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Schlossteich zuletzt vor über 50 Jahren entschlammt

22 Humpen sollen unversehrt gefunden worden sein, drei blieben verschollen. Wie auch ein Schlüssel, der dem ungefähr 15-jährigen Christian von Plettenberg aus den Fingern gerutscht war. Die verlorenen Dinge könnten mit etwas Glück jetzt wieder auftauchen, falls sie von den Zähnen der Saugpumpe und den rotierenden Ketten der Schwimmplattform verschont bleiben. Der alte Schlossherr Jobst-Henrich von Plettenberg (87) kann sich nicht nur an die Geschichte mit den Humpen erinnern, sondern auch daran, dass der Wassergraben zuletzt im Jahr 1966 entschlammt wurde. Das war das Jahr, als Friedrich-Christian geboren wurde.

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