Nicht nur die Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie stehen in der Kritik, auch die von Lkw-Fahrern. Darauf weisen die Naturfreunde Kamen schon lange hin. Jetzt mit einem konkreten Vorschlag.

Kamen

, 20.07.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Nicht nur Mitarbeiter der Fleischfabrik Tönnies und anderer Unternehmen in der Fleischindustrie leiden unter schlechten Arbeitsbedingungen. Die Naturfreunde Kamen lenken ein Schlaglicht bereits seit mehr als einem Jahr auf die Zunft der Brummifahrer. Jene Fahrer, die nicht einmal zur Toilette gehen können, wenn sie vor verschlossenen Toren großer Logistikhallen stehen. Die Naturfreunde machen sogar einen konkreten Vorschlag zur Lösung des Problems: Sie haben eine Fotomontage angefertigt – mit einer Toilette vor Logistikhallen-Kulisse.

Müll an der Schlosserstraße, dort, wo die vielen Lkw stehen. Die Naturfreunde beklagen, dass von der Straße aus Unrat und Notdurft in den Wald getragen werden.

Müll an der Schlosserstraße, dort, wo die vielen Lkw stehen. Die Naturfreunde beklagen, dass von der Straße aus Unrat und Notdurft in den Wald getragen werden. © Privat

Jetzt landet auch verstärkt Plastikmüll im Wald

Ein möglicher Sanitärcontainer vor Logistikhallen-Kulisse im Gewerbegebiet Unna-Nord, das an das Heerener Pröbstingholz grenzt. Naturfreunde-Vorsitzende Heribert Jurasik lässt bei dem Problem nicht locker.

Obwohl der Kamener Verein schon einiges in Gang gesetzt hat: Die Situation am Waldrand, dort, wo die Lkw-Fahrer mangels sanitärer Alternativen ausweichen, hat sich nicht verbessert, wie Jurasik festgestellt hat – überall liegt Unrat, sogar alte Reifen, überall sind unappetitliche Hinterlassenschaften zu finden. „Jetzt auch verstärkt Plastikmüll der großen Fastfood-Ketten“, so Jurasik. In Zeiten von Corona versorgt man sich eher mit Take-Away-Ware, um auf Nummer sicher zu gehen. Der Abfall landet aber nicht immer mit Sicherheit im Abfalleimer. Und nicht immer sind es wohl auch die Lkw-Fahrer, die das in die Landschaft werfen.

Reinhard Kuhbach auf der Pritsche seines DAF-Brummis, als er am Pröbstingholz anbremste und sich freundlich den Fragen unserer Redaktion stellte. Seit 40 Jahren sitzt er hinter dem Steuer. Der 62-Jährige hat die Hoffnung verloren, dass sich die Situation für Lkw-Fahrer verbessert.

Reinhard Kuhbach auf der Pritsche seines DAF-Brummis, als er am Pröbstingholz anbremste und sich freundlich den Fragen unserer Redaktion stellte. Seit 40 Jahren sitzt er hinter dem Steuer. Der 62-Jährige hat die Hoffnung verloren, dass sich die Situation für Lkw-Fahrer verbessert. © Marcel Drawe

Naturfreunde fordern handfeste Resultate

Nachdem sich auf Druck aus Kamen die Wirtschaftsförderungsgesellschaft für den Kreis Unna (WFG) eingeschaltet hat und Umfragen unter den Lkw-Fahrern gemacht hat, warten die Naturfreunde nach ihren Angaben noch immer auf handfeste Resultate.

„Eigentlich ist in Pandemie-Zeiten die Wertschätzung von Fernfahrern doch gestiegen.“
Heribert Jurasik, Vorsitzender Naturfreunde

„Es hat sich nicht viel geändert hier“, berichtet Jurasik, dem es einerseits um die menschenverachtende Situation vieler Lkw-Fahrer geht, andererseits um die Intaktheit des Waldes.

Noch immer haben die Brummifahrer keine Möglichkeit, außerhalb der Betriebszeiten Toiletten oder Duschen aufzusuchen, sprich: Beim Warten am Wochenende ist die Not(durft) groß. „Eigentlich ist in Pandemie-Zeiten die Wertschätzung von Fernfahrer doch gestiegen“, sagt Jurasik und nennt augenzwinkernd das Beispiel von Toilettenpapier-Lieferungen. „Und da wären wir wieder beim Thema“, wird seine Stimme ernst. Denn benutztes Toilettenpapier liegt dort überall am Rande von Gießerstraße und Schlosserstraße.

Auch Altreifen werden am Rande des Pröbstingholzes entsorgt. Die Naturfreunde aus Heeren-Werve sehen das gar nicht gern.

Auch Altreifen werden am Rande des Pröbstingholzes entsorgt. Die Naturfreunde aus Heeren-Werve sehen das gar nicht gern. © Marcel Drawe

Naturfreunde versuchen, die Firmen bei der Ehre zu packen

Die Naturfreunde versuchen deswegen, die Firmen direkt bei der Ehre zu packen. Nachdem sie bereits DHL angeschrieben haben, ist jetzt auch ein Brief an die neuen Nutzer des sogenannten Karstadt-Lagers adressiert, die das Areal am 1. Februar von DHL übernommen haben.

„Alle redeten darüber, nur eine Abhilfe bzw. eine Änderung ist nicht in Sicht.“
Die Naturfreunde in einem Brief an Fiege

Das Warenlager gehört zur gemeinsamen Gesellschaft, die Galeria Karstadt Kaufhof zusammen mit dem Logistiker Fiege aus Greven gegründet hat. So heißt es im Brief an den Familienbetrieb Fiege: „Seit einem Jahr versuchen die Naturfreunde dort über (...) die Wirtschaftsförderung sowie die Stadt Unna eine Änderung herbei zu führen. Alle reden darüber, nur eine Abhilfe bzw. eine Änderung ist nicht in Sicht.“

Die DHL, die sich als ein Weltunternehmen bezeichne, heißt es weiter, sei nicht in der Lage gewesen oder habe es nicht gewollt, ihren Zulieferern einen Platz zu verschaffen, um die menschlichen Bedürfnisse zu verrichten. „In unserem Zeitalter müsste doch ein Logistikunternehmen in der Lage sein, in einer absehbar kurzen Zeit den Lkw-Fahrern/innen an den Toren des Geländes für ihre Notdurft-Verrichtung einen Sanitärcontainer zu errichten.“

Die Fotomontage der Naturfreunde Kamen zeigt, wie sie sich eine kurzfristig zu verwirklichende Lösung gegen die Not der Lastwagenfahrer vorstellen könnten: ein Sanitär-Container, der auf der Ecke Gießerstraße/Schlosserstraße postiert wird.

Die Fotomontage der Naturfreunde Kamen zeigt, wie sie sich eine kurzfristig zu verwirklichende Lösung gegen die Not der Lastwagenfahrer vorstellen könnten: ein Sanitär-Container, der auf der Ecke Gießerstraße/Schlosserstraße postiert wird. © Privat

Konkrete Vorstellungen davon, wo so ein Container stehen kann

Die Naturfreunde haben konkrete Vorstellungen davon, wo so ein Container stehen kann. Auf ihrer Fotomontage habe sie ihn vor die DHL-Kulisse an die Ecke Gießerstraße/Schlosserstraße postiert. „Hier könnten dann die Lkw-Fahrer, wenn auf dem Gelände Feierabend ist, zumindest in den Abendstunden, an den Werktagen sowie an den Wochenenden und Feiertagen vor Ort eine menschliche vernünftige Verrichtung vornehmen“, heißt es in dem Naturfreunde-Schreiben an Fiege, das jetzt auch an Galeria Karstadt Kaufhof gegangen ist.

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Jurasik berichtet in dem Schreiben auch über Dialoge, die mit den Lkw-Fahrern geführt wurden. „Eine Fahrerin hat uns erzählt, dass sie Angst hat, ihre Notdurft in dem unübersichtlichen Gelände zu verrichten und versucht mit aller Macht bis zur Öffnung der Werktore einzuhalten, ein anderer Fahrer teilte uns mit, dass er sich dann lieber in die Hose macht.“

Jetzt hoffen er und seine Mitstreiter des kleinen Heerener Ortsvereins, dass sich die Logistik-Riesen rühren. „Uns ist das Schicksal der Fahrer und Fahrerinnen nicht egal“, so Jurasik. Und auch das hat er den Firmenchefs geschrieben.

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