„Russisches Roulette“: So fesselnd kann Musik klingen, die unter einer Diktatur entsteht

dzKonzertaula Kamen

Ein fulminantes Konzert bot die Neue Philharmonie Westfalen am Mittwochabend in der Konzertaula. Der passende Titel des Stücks war „Russisches Roulette“. Denn die Komponisten hatten es mit Diktatoren zu tun.

von Rainer Ehmanns

Kamen

, 12.12.2019, 13:41 Uhr / Lesedauer: 2 min

Minutenlang rhythmischer Applaus für ein Konzert der Extraklasse. Unter der Leitung von Alexander Kalajdzic spielte die Neue Philharmonie Westfalen „Russisches Roulette“.

Betrachtet man die politischen Umstände der Entstehungszeit der Stücke, ist der Titel ganz und gar nicht abwegig. Für die ersten beiden genügt der Name Stalin, um zu ahnen, welcher diktatorischen Willkür sowohl Kabalewski als auch Schostakowitsch ausgesetzt waren.

„Russisches Roulette“: So fesselnd kann Musik klingen, die unter einer Diktatur entsteht

Die Neue Philharmonie Westfalen führte am Mittwochabend in der Konzertaula das Konzert „Russisches Roulette“ auf. © Marcel Drawe

Umso verblüffender ist der Eindruck, den Kabalewskis „Ouverture pathétique“ hinterlässt: Weit entfernt von angepasster „funktionaler“ Musik eröffnen die ersten Fanfarenstöße ein hehres Pathos, dem auch Dramatik nicht fremd ist. Unter dem resoluten Dirigat von Alexander Kalajdzic bildet sie die passende Einleitung zum folgenden ersten Violinkonzert a-moll op.77 von Dmitri Schostakowitsch mit Jiři Vodička als Solist.

Schostakowitschs Stück wird erst nach Stalins Tod uraufgeführt

1947-48 entstanden, erst 1955, zwei Jahre nach Stalins Tod, mit David Oistrach uraufgeführt, ist es für Schostakowitsch „Russisches Roulette“, denn auch in der Tauwetterperiode konnte der Komponist einer objektiven Bewertung seiner Kunst nicht sicher sein.

„Russisches Roulette“: So fesselnd kann Musik klingen, die unter einer Diktatur entsteht

Blechbläser, Holzbläser, Celli und Streicher gingen einen unbeschwerten Dialog ein. © Marcel Drawe

Dabei zeigt dieses Konzert die extremen Kontraste Schostakowitschs: Die nachdenkliche Melodie der Solovioline im dunkel-elegischen Nocturne identifiziert ihn als traurigen Träumer. Ihm folgt das groteske Scherzo mit atemlos drängender Motorik. Die gefühlvolle Passacaglia wirkt eindringlich und leidenschaftlich, in ihr kommt eine lange Solo-Kadenz quasi als Stimme des Komponisten zu Wort.

Jiři Vodička spielt dieses Konzert - und diese Kadenz - mit Inbrunst und hörbarer Leidenschaft und lässt ihr eine wahnwitzige „Burleske“ folgen. Zu dürr sind Worte, um seine virtuosen Fähigkeiten auch nur annähernd zu beschreiben. Die Stimme seiner Guadagnini von 1779 bleibt im gesamten Werk unüberhörbar, als bekenne sich Schostakowitsch mit ihr ausdrücklich zu seiner Existenz als Musiker.

Neue Philharmonie Westfalen zeigt sich in der Konzertaula von ihrer besten Seite

Tschaikowskys Sinfonie Nr. 4 ist ebenfalls in einer Krisenzeit entstanden. Als „Schicksalssinfonie“ bezeichnet, zeigt sich Tschaikowski hier in seiner zerrissenen Existenz als Mensch und Künstler. Und gibt der Neuen Philharmonie die Gelegenheit, ihre Orchestersolisten und -gruppen von ihrer besten Seite zu präsentieren: machtvolle Blechbläser, fein differenzierte Holzbläser, gefühlvolle Celli und Streicher, die im kunstvollen Scherzo in unbeschwerten Dialog geraten.

Ein Wunder, dass solch fesselnde Musik unter den gegebenen Umständen entstehen konnte!

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