Tontechnikern ist die Maiersound-„Schildkröte“ bekannt. Die Mikrofonhalterung wurde in Kamen erfunden und wird mittlerweile auf der ganzen Welt eingesetzt. Entstanden ist sie aus der Not heraus.

Kamen

, 26.06.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wasser, das von einer Schale in die andere plätschert, Gebetsperlen, die sanft aneinander prasseln und eine Feuerzeremonie, bei der erst das Streichholz zügig die Schachtel streift und dann die ersten Flammen genüsslich in die Höhe züngeln und dabei ein feines Knistern aussenden, dazu das angenehme Klingen von Klangschalen.

In der Zeremonie, die der japanisch buddhistische Orden Shinnyo En im Jahr 2009 im Berliner Velodrom – eine riesige Veranstaltungshalle und gleichzeitig eine Radrennbahn – abhielt, spielten Geräusche eine wichtige Rolle. Doch wie schaffte man es damals, die beschriebenen, feinen Klänge zu den über 3000 Zuschauern zu tragen, ohne dass ihre Feinheit dabei verloren geht?

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Maier Sound Design aus Kamen erfindet Mikrofonhalterung

Die Antwort findet sich in Kamen. Denn vor eben dieser Mammutaufgabe stand das Kamener Unternehmen Maier Sound Design, das den Auftrag bekommen hatte, den Altar zu mikrofonieren. Die Tontechnik-Spezialisten im Technopark suchten lange nach einer Lösung und schlugen Mikrofone vor, die am Altar aufgestellt werden sollten. Doch diese wurden abgelehnt, weil sie zu groß waren. Ein unauffälligeres Modell sollte her, eines das sich in alle Richtungen ausrichten lässt und trittschallentkoppelt ist, also wirklich nur das aufnimmt, was es aufnehmen soll. „So etwas gab es nicht“, sagt Andreas Maier, Inhaber der Firma. „Wir haben überall angerufen, aber das gab es einfach nicht.“

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Die Maiersound-„Schildkröte“ entstand aus der Not heraus

Aufgeben war für Andreas Maier aber keine Option. „Ich habe mich gefragt: Wie kriegt man es hin, dass jeder sagt, ‚Das ist geil!‘“ Und an diesem Punkt startet die Enstehungsgeschichte der „Schildkröte“. Maier erfand diese spezielle Mikrofonhalterung aus der Not heraus. In der Halterung schwebt das Mikro dank Schwinghalterungen quasi und hat keinen Kontakt zum Boden – es kann dadurch keine Dämpfer von unten aufnehmen. Diese Halterungen befinden sich in einer Art Panzer – deshalb auch der Name. Der Panzer der Schildkröte schützt das Mikro, ist unauffällig und besteht aus einem durchlässigen Waben, damit der Ton innerhalb des Schildkrötenpanzers nicht „poltert“, wie Maier erklärt. „Durch die Waben ist der Sound neutral.“

Das Mikrofon wird in Schwinghalterungen befestigt, damit es keinen Kontakt und keine Störungen durch den Untergrund erfährt.

Das Mikrofon wird in Schwinghalterungen befestigt, damit es keinen Kontakt und keine Störungen durch den Untergrund erfährt. © Marcel Drawe

Aber wie genau kam Andreas Maier auf diese Idee? Daran erinnert sich der Tontechniker noch ganz genau. Auf einer Messe habe er an einem Stand von seinen Ideen erzählt und dort seien ihm Schwinghalterungen empfohlen worden. Zuhause habe er dann ein Modell aus Pappe erstellt. Als nächstes suchte er sich eine Feinblech-Firma aus der Region, die ihm den Panzer baute. Geboren war die erste Maiersound-„Schildkröte“ – von der sogar die japanischen Buddhisten im Berliner Velodrom begeistert waren. Und nicht nur die Buddihsten: Die „Saisho Goma“-Produktion – die Zeremonie, die die Buddhisten in Berlin veranstalten – wurde für die technische Umsetzung der kreativen Gesamtinszenierung mit einem Award ausgezeichnet.

Maier Sound Design in Kamen baut auch eigene Lautsprecher

Doch nicht nur dort stieß die Erfindung aus Kamen auf Begeisterung. Unter Experten machte sich die spezielle Halterung im Nu einen Namen. Sie kommt mittlerweile auf der ganzen Welt und zum Einsatz, wie Maier erzählt. Die Oper Köln benutze sie, Fernsehsender und freilich Veranstaltungstechniker.

Die Schildkröte gibt es in schlichtem Schwarz, damit sie gut versteckt werden kann, aber auch in knalligem Grün und leuchtenden Orange – damit man sie nicht übersieht. Sinn macht das, wenn man das Gerät zum Ausmessen des Sounds benutzt und niemand drauftreten soll, wie Maier erklärt. „Der Systemtechniker von Robbie Williams benutzt die Schildkröte auch zum Ausmessen.“

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Die Schildkröte leistet das, was sie soll. Eine neue Version oder ein Update wird es laut Maier nicht geben. Doch der Tontechniker ruht sich nicht auf seinen Lorbeeren aus. Er ist ein Macher, ein Bastler und baut zum Beispiel seine Lautsprecher selbst. Er verkaufe diese zwar nicht, weil in Deutschland nur namhafte Marken gekauft würden. Doch „für uns sind Lautsprecher ein Werkzeug, das für uns optimal funktionieren soll“, erklärt Maier. Deshalb baue er sie sich so, wie er sie braucht, und setzt sie selbst ein.

Andreas Maier arbeitete schon für Joe Cocker und das Kanzleramt

Und sie scheinen gut zu sein. Auf einer Veranstaltung in Dortmund habe Maier eine Band ausgestattet und als einer der Musiker an den Seiten seiner Gitarre zupfte, habe er Maier ganz erstaunt angesehen. „Das, was aus dem Lautsprecher kommt, klingt ja wie mein Instrument“, habe er gesagt. Und für solche Momente macht Maier seinen Job.

Der Tontechniker Andreas Maier baut eigene Boxen für seine Arbeit. Die großen Boxen stehen auf der Bühne und sind auf die Künstler ausgerichtet, damit sie sich selbst hören können. Es gibt aber auch Fake-Versionen (l.), die zwar für das Publikum aussehen, wie eine Box, aber mit einem Bildschirm ausgestattet sind, der z.B. den Text anzeigen kann.

Der Tontechniker Andreas Maier baut eigene Boxen für seine Arbeit. Die großen Boxen stehen auf der Bühne und sind auf die Künstler ausgerichtet, damit sie sich selbst hören können. Es gibt aber auch Fake-Versionen (rechts), die zwar für das Publikum aussehen, wie eine Box, aber mit einem Bildschirm ausgestattet sind, der zum Beispiel den Text anzeigen kann. © Marcel Drawe

Bevor er das Unternehmen vor 29 Jahren gründete, hatte er ganz klassisch als Mitreisender Erfahrungen und Wissen in der Veranstaltungsbranche gesammelt. Früher sei das so üblich gewesen, erinnert sich Maier. Und schnell habe sich herausgestellt, wer das Zeug dazu hat und weiterkommt – und wer nicht. Eine Ausbildung wie heute gab es damals noch nicht.

Maier gehörte jedenfalls zu jenen, die etwas auf dem Kasten hatten. Denn er gründete sein eigenes Unternehmen, mit dem er dann unter anderem Produktionen für Künstler wie Reinhard Mey, Joe Cocker, die Höhner und sogar für das Bundeskanzleramt umgesetzt hat. Stolz kann er darauf freilich sein, doch um die Namen der Kunden geht es ihm nicht. „Es müssen keine berühmten Leute sein. Dass sie glücklich sind, das zählt.“

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