Nicht nur der Joint am Rande des Schulhofs ist Thema für Kamens Schulsozialarbeiter. Sie sind die Vertrauenspersonen, wenn Schüler Hilfe benötigen. In der Villa FIB haben sie Sprechstunden.

Kamen

, 09.09.2019, 15:45 Uhr / Lesedauer: 3 min

Kai Wojtas ist einer, mit dem man über alles reden kann. Der 28-jährige Kamener ist einer von sechs Schulsozialarbeitern, die an den örtlichen Schulen immer ein offenes Ohr für die Schüler haben. Auch der Joint am Rande des Schulhofs darf Thema sein, auch wenn das nicht allzu häufig vorkommt.

„Jugendliche versuchen, sich neu zu erfinden oder eifern ihren Idolen nach. Und sie probieren demnach verschiedene Dinge aus“, sagt Wojtas. Er weiß, wie er in den seltenen Fällen dem Drogenmissbrauch vorbeugen kann, ohne das Vertrauen der Jugendlichen zu verlieren und welche anderen Fachleute helfen können. Und er weiß, was man nicht tun darf. „Man darf nicht nach vorn preschen und versuchen, jemanden unbedingt vom Gegenteil zu überzeugen.“

Er erinnert sich an eine Anti-Raucher-Kampagne. „Ein eigentlich sehr gutes Projekt. Doch danach, so war unser Eindruck, ist mehr geraucht worden als vorher.“

Reden wir über den Joint am Rande des Schulhofs. Mit einem, mit dem man über alles reden kann

Kai Wojtas in dem Büro der Schulsozialarbeiter. Zusammen mit seiner Kollegin Ophélie Lespagnol bietet er wöchentlich zwei Sprechstunden an. Mittwochs von 14 bis 16 Uhr und donnerstags von 15 bis 17 Uhr. © Janecke

Offene Sprechstunden der Schulsozialarbeiter

Geredet wird nicht nur direkt an den Schulen, sondern auch in der Villa FIB am Rathaus.

In der sogenannten Familienvilla am Rathausplatz 4 bieten die Schulsozialarbeiter offene Sprechstunden an, nicht nur für Schüler, auch für Eltern. Ohne Voranmeldung. Kai Wojtas wechselt sich dabei mit seiner Kollegin Ophélie Lespagnol ab. Mittwochs von 14 bis 16 Uhr und donnerstags von 15 bis 17 Uhr sind sie vor Ort. Für ein Gespräch unter vier Augen oder mehr. In den seltensten Fällen über das Thema Drogen, denn es gibt ganz andere Themen, die Schüler beschäftigen.

Zum Beispiel, wenn sie mit ihren Eltern nicht über ihre Probleme sprechen können und zudem das Gefühl haben: Der Lehrer hat sie auf dem Kieker. „Es muss auch nicht immer gleich das Mobbing unter Schüler sein. Schon die Nichtbeachtung durch den Lehrer kann problematisch werden“, berichtet Wojtas. Überforderung durch Lerninhalte, fehlende Perspektiven durch sich verschlechternde Schulnoten, familiäre Krisensituation durch die Trennung der Eltern. „Wir sind auf so etwas vorbereitet. Wir sagen: Du darfst ruhig weinen, du musst dich nicht schämen.“

Reden wir über den Joint am Rande des Schulhofs. Mit einem, mit dem man über alles reden kann

Ralf Blaschke, Ophélie Lespagnol, Kai Wojtas und die Jahrespraktikantin des Bürgerhauses Methler Angelique Haase (alle vorn) bei einem Ausflug zum Halterner See. Die Schulsozialarbeiter kümmern sich auch in den Sommerferien um Kamens Schüler. © Stadt Kamen

Insgesamt sechs Schulsozialarbeiter für Kamens Schulen

Kai Wojtas ist für die Jahrgänge 8 bis 10 und die Oberstufe Ansprechpartner an der Gesamtschule, Jasmin Lenz kümmert sich dort zusätzlich um die Jahrgänge 5 bis 7 und ebenso die Oberstufe. Ophélie Lespagnol ist an der Eichendorffschule, Jahnschule und Diesterwegschule aktiv. Dominic Olschewski ist da für die Schüler der Friedrich-Ebert-Schule und war in den Tagen nach der Einschulungsschlägerei besonders gefordert. Tanja Morning ist die Schulsozialarbeiterin für Realschule und Gymnasium, Gabriele Scholz wirkt an der Hauptschule. Rita Lischewski ist Schulpfarrerin und weiß, wie man mit Trauer umgeht.

Alle Fachkräfte tauschen sich regelmäßig aus und setzten ihre Arbeit in Ferienfreizeiten fort, damit sind sie auch außerhalb der Schulzeit für Schüler da.

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„Wir sind hier nicht die Feuerwehr“

Mit 28 Jahren ist Wojtas in einem Alter, in dem er die Sprache der Schüler spricht. Egal ob in großer oder kleiner Pause auf dem Schulhof oder in dem Büro in der Schule.

Die Schüler sprechen ihn an, natürlich auch, wenn es keine Probleme gibt. Noch einmal anders ist es, wenn er die Türen der Rathausvilla zur offenen Sprechstunde öffnet. „Wir sind hier außerhalb des Schulkontextes. Und wir sind auch nicht das Rathaus. Es gibt auch keine Hinweise an das Jugendamt, es gibt keine Meldepflicht“, beugt er Befürchtungen vor. „Das ist hier überhaupt nicht formell, wir trennen das ganz klar.“

In den Gesprächen versuche man, regelmäßigen Kontakt aufzubauen, um den Problemen Herr zu werden. „Aber wir spielen hier nicht die Feuerwehr, die den Schülern sagt: Dies und das müsst ihr tun.“ Wojtas ist als sogenannter „Systemischer Berater“ ausgebildet. Das bedeutet, dass er sich in den Gesprächen neutral verhält und sein Gegenüber anleitet, selbst nach einer Lösung zu suchen, mit der es sich dann auch identifizieren kann.

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Wenn der Zugang zu den Kinder verloren gegangen ist

Auch Eltern kommen zu ihm, egal aus welchem sozialen Kontext, arm oder reich. Manchmal auch zusammen mit Sohn oder Tochter.

Wenn in der Pubertät der Zugang zu den Kindern verloren gegangen ist. Wenn der Junge nur noch auf dem Markt rumhängt und die Schule schwänzt. Oder wenn das Mädchen immer wieder zu spät zum Unterricht kommt. „Manchmal geht auch nur darum, zu klären, welche Hilfen es gibt, um die nächste Klassenfahrt zu finanzieren.“ Und Wojtas und seine Kollegen wissen Rat.

Wojtas ist selbst ein gutes Beispiel, dass auch schwierige Bedingungen gemeistert werden können. Er hat an der Hauptschule die Fachoberschulreife abgelegt, ist dann über das Märkische Berufskolleg zur Fachhochschule Bielefeld gegangen, um „Soziale Arbeit“ zu studieren. „Ich glaube, dass ich es beispielhaft vorleben kann. Es geht immer auch anders, du hast die Zügel selbst in der Hand!“

IN DER VILLA „FIB“

OFFENE SPRECHSTUNDEN FÜR FAMILIEN

  • Offene Sprechstunde in der Villa FIB ist montags von 10 bis 12 Uhr, dazu mittwochs von 14 bis 16 Uhr und donnerstags von 15 bis 17 Uhr. Infos auch unter Tel. (02307) 1484100.
  • In der Villa FIB am Rathausplatz 4 sind zahlreiche Angebote rund um die Familie angesiedelt: Die Familienhebamme, der Familienservice für Familien mit Neugeborenen, die Fachberatung Kindertagespflege, die Schulsozialarbeit, die Beratung von Familien mit Fluchterfahrung und die Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern der Städte Kamen und Bergkamen.

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