Allein 355 Ratten-Besuche an der Fritz-Erler-Straße. Mit der neuen Technik zur Rattenbekämpfung liegen erstmals Daten vor, wie viel Bewegung im Untergrund ist. Die neue App zählt Tausende.

Kamen

, 14.08.2019 / Lesedauer: 4 min

Jens Szewelancyk fährt die Teleskopstange aus und platziert die Köderbox mit dem Rattengift tief unten im Kanal. Der Mitarbeiter der Stadtentwässerung muss dafür nicht einmal in den Kanal kriechen. Die Zeiten sind vorbei.

Rattenbekämpfung ist High-Tech. Mit App und Sender. Seitdem die Stadt Kamen das neue System eingeführt hat, gibt es nur gute Erfahrungen. „Das hat sich bewährt“, sagt Szewelancyk und zieht den Gullydeckel mit dem Schachthaken zurück in Position.

Mit einem neu angeschafften Mercedes-Sprinter ist er zurzeit in Nordstadt und Innenstadt unterwegs, um die neuartigen Köderboxen zu platzieren und einige Tage später per Smartphone-App auszulesen. Dazu muss er mindestens fünf Meter von der Box entfernt sein.

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Die App gegen Ratten

App zählt schon mehrere Tausend „Besuche“

Bernd-Josef Neuhaus, Technischer Leiter der Stadtentwässerung, nickt beipflichtend, als er auf die Daten blickt, der jetzt per Sender reinkommen. Er teilt die Einschätzung seines Mitarbeiters und belegt sie mit aufschlussreichen Zahlen.

Seitdem 94 Köderboxen in der Nordstadt und jetzt auch in der Innenstadt verteilt wurden, zählte die neue App Tausende „Besuche“, wie es in der Sprache der Rattenbekämpfer heißt. Die „Besucher“ sind Wanderratten - nicht jeder Besuch ist eine neue Ratte. „Sie kann auch mehrmals kommen“, sagt Neuhaus.

Mehrfach deswegen, weil das Gift, das sie frisst, erst später wirkt. Mehrere tausend Besucher sind also nicht gleich mehrere tausend Ratten.

Mit der App gegen Ratten: So funktioniert moderne Rattenbekämpfung - mit Video!

Jens Szewelancyk mit der Karte, auf dem die Schächte eingezeichnet sind. Darauf sind auch die Busfahrpläne zu sehen, damit er sich nicht Bussen in den Weg stellt, wenn er die Schächte öffnet. © Marcel Drawe

Über 100.000 Ratten im Untergrund der Stadt

Trotzdem sind es viele Ratten, die in Kamens Untergrund leben. Auf jeden Einwohner kommen im Durchschnitt etwa zwei bis drei Ratten. Demnach dürften in der Stadt etwa 100.000 Ratten leben.

Die Stadt wird die neuartige High-Tech-Bekämpfung deswegen weiter ausbauen. „Wir haben weitere 50 Boxen bestellt“, sagt Neuhaus. Jährlich sollen 100 bis 200 Boxen dazu kommen.

Für die 7000 Schächte der Stadt könnten am Ende 3000 Boxen notwendig sein. „Das bleibt eine Daueraufgabe. Und es bleibt spannend“, sagt Neuhaus.

Mit der App gegen Ratten: So funktioniert moderne Rattenbekämpfung - mit Video!

Jens Szewelancyk mit der Teleskopstange, an der die Köderbox hält. Er verweist darauf, dass die Ratten auch die Essensreste im Kanal angelockt werden. Die sollten dort aber keineswegs landen. © Marcel Drawe

Köderboxen sind mit einem Schwimmer ausgestattet

Spannend deswegen, weil mit der neuen App und Software des Herstellers „ball-b“ ständig neue Daten verfügbar sind. Wo die Schädlingsbekämpfer vorher im Nebel stocherten und nicht wussten, ob die Köder gefressen wurden oder vom Abwasser weggespült worden sind, herrscht jetzt Klarheit. Werden mehr als 50 Besuche angezeigt, muss neuer Köder nachgelegt werden. Etwa zwei Gramm frisst eine Ratte pro Besuch.

Vom Abwasser kann das Gift nicht mehr weggespült werden: Denn die Köderboxen sind mit einem Schwimmer ausgestattet. Steigt das Wasser, verschließt sich die Box. Damit wird das Gift auch nicht mehr ins Wasser ausgeschwemmt.

Die Batterien für den Sender halten sechs bis neun Monate. Dann müssen die 9-Volt-Blöcke ausgewechselt werden.

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Fritz-Erler-Straße: Spitzenreiter mit 355 Besuchen

Auf dem Tablet, das Neuhaus vor sich liegen hat, kann er auf dem Stadtplan die einzelnen Standorte der Köderboxen anklicken. Dort sieht er sofort, wann die Box eingebaut wurde und wie viele Besuche es gegeben hat.

Spitzenreiter ist die Fritz-Erler-Straße mit 355 Besuchen. Es folgt der Hans-Sachs-Weg mit 135. Ebenso 135 sind es am Reckhof, gefolgt von den Straßen „Im Grund“ mit 121 und „Mechelnkamp“ mit 118.

Neuhaus sieht nicht nur die Anzahl, sondern auch den Zeitraum, in der ein erhöhtes Aufkommen registriert wird. Mit einer Kurvendarstellung kann er dann erkennen, dass die Anzahl abnimmt. Das Gift hat dann offenbar gewirkt. „Wenn wir einige Zeit lang keine Meldungen bekommen, ist das ein gutes Zeichen.“ Dann kann die Box woanders platziert werden.

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Allein 355 Ratten-Besuche an der Fritz-Erler-Straße. Mit der neuen Technik zur Rattenbekämpfung liegen erstmals Daten vor, wie viel Bewegung im Untergrund ist. © Janecke

Weitere Neuheiten bei der High-Tech-Bekämpfung

Die Technik, der sich die Stadtentwässerung Kamen bedient, entwickelt sich immer weiter. Neu ist mittlerweile ein System, in dem eigene SIM-Karten, sprich: Telefonkarten, in den Köderboxen verbaut sind.

Dann müssen die Mitarbeiter nicht einmal zum Schacht fahren, um die App dort zu aktivieren. „Dann laufen die Daten direkt im Büro ein“, sagt Neuhaus. Ob die Stadt Kamen diese Technik, die dann auch deutlich teurer ist, einsetzt, steht aber noch nicht fest.

Denn für jede Box müsste auch eine Art Mobilfunkvertrag abgeschlossen werden.

Das ginge ins Geld. Möglich sei es vielleicht, so Neuhaus, diese Technik nur punktuell an Standorten einzusetzen, wo die Probleme besonders groß seien.

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Bernd-Josef Neuhaus mit dem neuen System zur Rattenbekämpfung. Er ist zufrieden mit den Resultaten. © Janecke

Ratten: Bewegungsradius von lediglich 100 Metern

Und dort kann man die Technik gezielt einsetzen. Denn Ratten sind relativ heimattreu und haben einen Bewegungsradius von lediglich 100 Metern. „Deswegen kann man dann auch genau sagen, ob die Bekämpfungsmaßnahmen wirken oder nicht“, so Neuhaus. Vorteil: Das Gift wird nur noch dann ausgelegt, wenn es nachweislich auch Schädlinge gibt.

Die soll es künftig immer weniger geben. „Seit dem Einsatz der Technik haben wir aus den Bereichen keine Beschwerden und Meldungen mehr von Bürger bekommen.“

Gegen die Ratten

So funktioniert es

  • Das Rattengift Brodifacoum wirkt wie das Blutverdünnungsmittel Marcumar. Nach drei bis fünf Tagen verbluten die Tiere.
  • Vor allem Jungtiere gehen an die Köder. Die älteren Tiere gelten als „neophob“. Die neu aufgestellten Köderboxen schrecken sie ab,
  • Eine Köderbox kostet etwa 600 Euro, ein Köder lediglich 1,60 Euro.
  • Um die Köderboxen zu öffnen, müssen die Mitarbeiter nicht in den Kanal hinab steigen. Es gibt eine Teleskopstange mit Spezialaufsatz, mit denen die Boxen aufgeschraubt werden können.

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