Immobilien-Experte Stefan Kemna sieht das neue Immobilien-Schätzportal „Scoperty“ kritisch. © Stefan Milk
Neues Immobilienportal

Preisschild für jedes Haus bei Scoperty: „Ich finde das auch gefährlich“

Ohne die Besitzer zu fragen, hat das Start-up Scoperty Häuser flächendeckend auf ihren Preis geschätzt und die Daten veröffentlicht. Das Ergebnis sieht Immobilienexperte Stefan Kemna kritisch.

Was das Haus des Nachbarn scheinbar kostet, lässt sich einem neuen Immobilienportal entnehmen. Das Startup Scoperty hat flächendeckend Wohnhäuser in Deutschland nach Lage, Grundstücksgröße und weiteren vermuteten Eckdaten geschätzt und mit einem Preisetikett versehen.

Das Ergebnis wird bei scoperty.de auf einer interaktiven Karte auch für Kamen dargestellt. Wer eine Adresse eingibt, sieht Luftaufnahmen ganzer Straßenzüge; nur dass zusätzlich Preisspannen auf jedem Dach stehen.

Beispielsweise schätzt Scoperty die Wohnungen in einem Wohn- und Geschäftshaus am Marktplatz auf 406.000 bis 754.000 Euro. Ein Einfamilienhaus am Schönen Fleck in Südkamen wird auf 352.000 bis 528.000 Euro veranschlagt. Ein Eigenheim an der Spiekerstraße in Wasserkurl soll angeblich 214.000 bis 320.000 Euro wert sein.

Kamen bei Scoperty: Über jeder Immobilie schwebt ein geschätzter Preis in Form einer Spanne, hier der Marktplatz. © Fischer, Carsten © Fischer, Carsten

Scoperty hat Daten aus öffentlichen Quellen zusammengetragen und einen Algorithmus zur Berechnung der Preise entworfen. Das Unternehmen schätzt beispielweise für ein bestimmtes Objekt, dass es sich um ein Einfamilienhaus handelt, dieses etwa 130 bis 170 Quadratmeter groß ist, auf einem 200 bis 400 Quadratmeter großen Grundstück steht und zwischen 2010 und 2020 erbaut wurde.

„Diese wenigen Inputparameter reichen bereits aus, um einen guten ersten initialen Schätzwert berechnen zu können, da Lage, Wohn- und Grundfläche sowie Baujahr die auschlaggebendsten Kriterien für den Wert einer Immobilie sind“, heißt es. Hausbesitzer können der Darstellung ihres Hauses widersprechen oder nähere Angaben liefern.

Experte sieht Scoperty kritisch

Der Immobilienexperte Stefan Kemna hat sich seine Heimatstadt Kamen bei Scoperty angesehen und schildert auf Anfrage der Redaktion seinen Eindruck. Der Dienst des Startups aus München kann seiner Meinung nach eine qualifizierte Immobilienbewertung nicht ersetzen, was Scoperty freilich auch nicht für sich beansprucht.

„Man kann eine Immobilie nicht über wenige Kennzahlen bewerten, das ist Quatsch“, sagt Kemna. „Ich finde das auch gefährlich, weil die Mikrobewertung wichtig ist.“ Ausstattung, Bausubstanz, Modernisierungen könne Scoperty gar nicht abbilden.

Die Preisbildung hänge letztlich auch von dem individuellen Eindruck ab, den man vor Ort von einer Immobilie gewinne. „Dann siehst du auch erst, wenn die Nachbarschaft aussieht wie eine Müllkippe, was sich aber in den Kennzahlen nicht widerspiegelt.“

Über den Autor
Redaktion Kamen
Jahrgang 1973, aufgewachsen im Sauerland, wohnt in Holzwickede. Als Redakteur seit 2010 rund ums Kamener Kreuz unterwegs, seit 2001 beim Hellweger Anzeiger. Ab 1994 Journalistik- und Politik-Studium in Dortmund mit Auslandsstation in Tours/Frankreich und Volontariat bei den Ruhr Nachrichten in Dortmund, Lünen, Selm und Witten. Recherchiert gern investigativ, zum Beispiel beim Thema Schrottimmobilien. Lieblingssatz: Der beste Schutz für die liberale Demokratie ist die Pressefreiheit.
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Carsten Fischer
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