Plötzlich steht auf der Lünener Straße eine neue Verkehrsinsel. Das neue Bauwerk auf der viel befahrenen Straße wirkt wie ein verkörpertes Missverständnis zwischen Bürgern und Behörden. Gefordert war ein Zebrastreifen.

Kamen

, 20.02.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Scheinbarer Erfolg für einen Bürgerantrag, der auf einen sicheren Schulweg auf der viel befahrenen Lünener Straße abzielt: Eine Verkehrsinsel in Höhe der Einmündung Weddinghofer Straße ist vor einigen Tagen abgebaut und durch ein neues Modell ersetzt worden.

Was wie ein Erfolg für den Bürgerantrag klingt, könnte bei näherer Betrachtung sogar ein Rückschritt sein: Kein einziger Mangel, der in dem Bürgerantrag aufgeführt wurde, ist durch die neue Verkehrsinsel beseitigt. Lediglich die Sichtbarkeit der Insel für Autofahrer soll nun besser sein. Dagegen schafft das Bauwerk für Fußgänger ein größeres Sichthindernis.

In dem Bürgerantrag, der vor rund vier Monaten den Stadtrat erreichte, regte die Kamenerin Margita Oebbeke die Schaffung eines Zebrastreifens an. Die Musiklehrerin, die in der Nachbarschaft der Lünener Straße wohnt, begründete den Vorschlag mit mehreren Punkten:

  • Die Insel reicht nicht aus, um die Straße auf dem dortigen Schulweg einigermaßen sicher zu überqueren. Sicherer wäre ein Zebrastreifen.
  • Fahrräder ragen in die Fahrbahn hinein, wenn man damit auf der zu schmalen Insel steht.
  • Zu Stoßzeiten erreichen mehrere Fußgänger oder Radler gleichzeitig die Insel, die dann „voll“ wird.

So sah die Querungshilfe auf der Lünener Straße, Ecke Weddinghofer Straße, vor dem Umbau aus.

So sah die Querungshilfe auf der Lünener Straße, Ecke Weddinghofer Straße, vor dem Umbau aus. © Stefan Milk

Passanten, darunter der Kamener Rolf Lepke, wundern sich jetzt über die Bauart der neuen Verkehrsinsel auf der Lünener Straße, die statt des Zebrastreifens kam. „Ein Glanzstück“, sagt Lepke mit ironischem Unterton. Die Insel besteht aus abgeschrägten Fertigteilen, die augenscheinlich eine kleinere Aufstellfläche für Fußgänger bieten. Außerdem ragen die Verkehrsschilder an den Stirnseiten der Insel („Fahrtrichtung hier rechts vorbei“) nun weiter in die Höhe, sodass sie – in Zusammenhang mit den neuartigen rot-weißen Ummantelungen der Schilderstangen – die Sicht von Fußgängern weiter einschränken als bisher. Bislang bestand das Bauwerk aus zwei halbkreisförmigen Aufpflasterungen mit einem Fußgänger-Durchlass und niedrigeren Verkehrsschildern ohne rot-weiße Reflektoren.

Die Stadt will sich nicht mit der Verkehrsinsel schmücken

Welche Vorteile hat die neue Verkehrsinsel zu bieten – und in welchen Punkten kommt sie Forderungen aus dem Bürgerantrag entgegen? Auf diese und weitere Fragen gab es im Kamener Rathaus auf schriftliche Anfrage dieser Redaktion keine Antwort. Die Stadt erklärte lediglich durch Pressesprecher Peter Büttner, sie habe den Bürgerantrag mit der Bitte um Prüfung an den Landesbetrieb Straßen NRW weitergeleitet, und verwies an diese Behörde. Die neue Verkehrsinsel ist offenbar keine so tolle Errungenschaft, dass die Stadt sich damit schmücken will.

Fortschritt oder Rückschritt? Neue Verkehrsinsel auf der Lünener Straße. Für diese Stelle, an der ein Schulweg kreuzt, war ein Zebrastreifen gefordert worden.

Fortschritt oder Rückschritt? Neue Verkehrsinsel auf der Lünener Straße. Für diese Stelle, an der ein Schulweg kreuzt, war ein Zebrastreifen gefordert worden. © Stefan Milk

In der Bochumer Niederlassung des Landesbetrieb erklärte Sprecher Peter Beiske, dass die Straßenmeisterei Unna die neue Insel in Absprache mit der Stadt aufgebaut habe. „Da wurden zwei, drei Fertigteile aufgedübelt – und die entsprechenden Verkehrszeichen“, sagte er. Der Vorteil der neuen Insel sei die bessere Sichtbarkeit für Autos. Ein Zebrastreifen sei an der Stelle aus rechtlichen Gründen nicht möglich gewesen.

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Bietet denn die neue Insel mehr oder weniger Platz für Fußgänger und ist sie breiter als die alte? „Das kann nicht beantworten, weil ich die Maße der Insel nicht vorliegen habe und mir das keiner beantworten konnte“, sagte Straßen-NRW-Sprecher Beiske. Für eine Verbreiterung wäre eine „größere Maßnahme“ erforderlich gewesen. Was das mutmaßliche Sichthindernis durch die Verkehrszeichen angehe, erklärte er, eine etwaige Veränderung sei von der Stadt zu veranlassen, die für verkehrsrechtliche Anordnungen zuständig sei.

Hanna Schulze

Hanna Schulze © Stefan Milk

„Eine komplett andere Lösung ist leider nicht zulässig.“
Hanna Schulze

Während die Presseanfrage an die Stadt keine konkreten Antworten ergab, dokumentierte eine Vertreterin der Verwaltungsspitze vier Tage später in einer öffentlichen Sitzung des Planungsausschusses, dass sie über die Vorgänge genau informiert ist. „Straßen NRW hat zügig reagiert“, sagte die Beigeordnete Hanna Schulze zur Erledigung des Auftrags. Was die Sichtbarkeit der Verkehrsinsel angehe, habe Straßen NRW „gute Arbeit“ geleistet. Eine weitere Ampelanlage und ein Zebrastreifen seien rechtlich nicht zulässig, sodass ein Umbau der Verkehrsinsel die einzige Option gewesen sei.

Nicht hundertprozentig zufrieden

Hundertprozentig zufrieden scheint die Stadtverwaltung aber nicht mit dem Ergebnis zu sein. „Es wäre gern gesehen worden, eine Verbreiterung zu ermöglichen“, sagte Schulze dem Ausschuss. Im Nachgang der Sitzung erklärte sie sich für weitere Presseauskünfte bereit. Die jetzige Aufstellfläche bezeichnete Schulze als „unproblematisch“, eine erhöhte Gefährdung durch höhere Verkehrsschilder könne sie nicht bestätigen. „Ich sehe eine deutliche Verbesserung, was die Sicherheit angeht“, sagte sie über die Gesamtsituation und fügte hinzu: „Eine komplett andere Lösung ist leider nicht zulässig.“



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