Verteidiger fordert Bewährungsstrafe für Kamener Ex-Vizebürgermeisterin

dzHunderttausende Euro veruntreut

Im Strafprozess gegen die frühere Kamener Vizebürgermeisterin sind die Plädoyers gesprochen worden. Staatsanwältin und Verteidiger sind sich bei der Bewertung der kriminellen Taten offenbar weitgehend einig.

Kamen

, 10.12.2019, 16:56 Uhr / Lesedauer: 2 min

Kurz vor dem Abschluss des Betrugsprozesses gegen die frühere Kamener Vizebürgermeisterin Bettina Werning waren sich am Dienstag alle einig: Zwei Jahre Haft auf Bewährung reichten aus.

Bettina Werning wollte selbst nichts mehr sagen. Nach den Plädoyers von Staatsanwältin Marieke Alberty und Verteidiger Thomas B. Belitz hätte die Angeklagte selbst noch die Gelegenheit gehabt, zu den Richtern zu sprechen. Doch ihrem tränenreichen Geständnis hatte die 58-Jährige am Dienstag nichts mehr hinzuzufügen. „Ich schließe mich meinem Verteidiger an“, sagte sie nur.

Maximal zwei Jahre Bewährungsstrafe beantragt

Rechtsanwalt Belitz hatte zuvor eine Haftstrafe von maximal zwei Jahren beantragt, die zur Bewährung ausgesetzt werden sollte. „Meine Mandantin ist tiefer gefallen als jeder normale Mensch fallen würde“, sagte der Verteidiger in seinem Plädoyer. Die Ratsmitgliedschaft, die vielen Ehrenämter und die Aufgaben in der Kirchengemeinde hätten Bettina Werning immer zu einer hochangesehenen Person gemacht. Und wenn eine solche Person scheitere, dann scheitere sie eben krachend, weil vor den Augen der Öffentlichkeit.

Tatsache ist, dass die Angeklagte mit ihrem jahrelangen Betrug ihre gesamte bürgerliche Existenz, wie es sie einmal gab, vernichtet hat. Bettina Werning hat ihren Arbeitgeber hinters Licht geführt, indem sie sich jeden Monat Geld vom Firmenkonto überwies, das ihr eigentlich gar nicht zustand. Mit diesem Geld schaffte sie es zunächst, aus dem finanziellen Engpass herauszukommen, in den sie nach der Scheidung von ihrem Ehemann geraten war. Später benötigte sie die zusätzlichen Einnahmen dann, um ihren Lebensstandard hoch zu halten. Sie finanzierte Urlaube und bedachte mehrere Organisationen mit zum Teil großzügigen Spenden.

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Angeklagte wirkte kooperativ an Aufklärung mit

Dass sie jetzt tatsächlich noch auf eine Bewährungsstrafe hoffen darf, hat die 58-Jährige ihrem nach Ansicht aller Beteiligter hoch anständigen Verhalten nach der Entdeckung zu verdanken. „Sie hat nicht vertuscht, nicht verschleiert, sondern von Anfang an kooperativ an der Aufklärung mitgewirkt“, sagte Staatsanwältin Alberty in ihrem Plädoyer. „Das hat uns allen eine lange Beweisaufnahme erspart.“

Dennoch kam auch die Staatsanwältin nicht daran vorbei, Bettina Werning eine „hohe kriminelle Energie“ zu attestieren. Natürlich sei ihr der Betrug an ihrem Arbeitsplatz auch leicht gemacht worden. Man könne es aber auch so drehen und sagen, die Angeklagte habe besonders verwerflich das Vertrauen ihrer Chefs ausgenutzt.

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Denn jeden Monat, wenn die Buchhalterin Werning in der Chefetage des Elektronikfachmarkts erschien und eine Sammelüberweisung für alle Löhne und Gehälter unterschreiben ließ, da guckte eben keiner der Unterzeichner genauer hin. Hätte er es getan, hätte er gesehen, dass sich die heute 58-Jährige stellenweise monatlich über 4000 Euro zusätzlich angewiesen hatte.

Insgesamt beträgt der im Urteil festzustellende Schaden 468.539 Euro und 66 Cent. Tatsächlich hat Bettina Werning noch viel mehr Geld vom Firmenkonto genommen. Die frühen Fälle sind jedoch bereits verjährt. Im Arbeitsgericht hat sie sich mit ihren früheren Arbeitgebern auf die Rückzahlung von mehr als 700.000 Euro geeinigt. Dass sie jemals in der Lage sein wird, den Schaden tatsächlich zu begleichen, glaubt allerdings niemand.

Durch die Freigabe von Lebensversicherungen und Gelder, die noch auf Konten lagen, sind insgesamt rund 140.000 Euro wiedergutgemacht worden. Deutlich mehr wird es wohl auch in absehbarer Zukunft nicht werden.

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Urteil fällt am fünften Prozesstag

Das Urteil soll am Freitag (13. Dezember) gesprochen werden. Da die Richter der Angeklagten schon frühzeitig signalisiert hatten, dass auch sie eine Bewährungsstrafe für möglich halten, wird die Entscheidung wohl keine Überraschung mehr darstellen.

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