Peter Friese pflanzte vor 35 Jahren zwei kleine Efeu-Ranken. Nun hüllen sie sein Reihenhaus ein und machen es zu einem Musterbeispiel für den Klimaschutz. Spinnen und Krabbeltiere? Kein Problem.

Kamen, Heeren-Werve

, 07.10.2019, 15:32 Uhr / Lesedauer: 3 min

Am Laubenweg in Heeren-Werve tanzt ein Reihenhaus aus der Reihe. Es ist als einziges in ein Kleid aus Efeu gehüllt. Die Ranken reichen vom Boden bis zur Dachkante, nur noch die Haustür und zwei Fenster sind frei. Wie lebt es sich hinter dieser grünen Fassade?

Auf dem Weg zur Haustür wird ein Singvogel zwischen den Efeu-Ranken aufgescheucht. Der Griff zur Klingel bringt Besucher einem Kürbis nahe, der in Kopfhöhe vor der Haustür baumelt. Die Kürbispflanze ist im Efeu hochgeklettert und trägt eine einzige Frucht.

Die Tür öffnet sich – ein Senior mit Vollbart und olivgrüner Westenjacke tritt heraus. Peter Friese, 75, erzählt, wie froh er ist, mit seiner Frau Angelika (70) in einem begrünten Haus zu leben. Vor 35 Jahren, als Klimaschutz noch kein geflügeltes Wort war, setzte der Familienvater zwei Efeu-Ranken unterhalb des Sockels ein. Längst hat der immergrüne Überzug die Dachkante erreicht – und der kletterfreudige Eroberer braucht regelmäßig einen ordnenden Schnitt, um das Dach und die Nachbarhäuser frei zu halten. Doch Friese nimmt den Pflegeaufwand in Kauf, weil er von den Vorzügen der 40 Zentimeter dicken Blätterwand überzeugt ist. „Die Hausbegrünung schützt im Sommer vor Hitze und im Winter vor Kälte“, sagt der Rentner.

„Wir haben keine Spinne mehr oder weniger“

Peter Friese im Schlafzimmer: „Diesen Sommer haben wir bei offenem Fenster geschlafen und dadurch keine Spinne mehr oder weniger im Haus gehabt.“ © Borys Sarad

Durch eine Aktion des Landes oder des Kreises zur Hausbegrünung fühlte sich Friese in den Achtziger-Jahren dazu ermuntert, das Efeu zu pflanzen. Daran erinnert er sich, wenn er heutzutage die Klimaschutz-Diskussion verfolgt. Friese ist davon überzeugt, dass noch mehr Hausbesitzer durch eine Fassadenbegrünung etwas fürs Stadtklima tun können und würde sich freuen, wenn das Beispiel seines Reihenhauses Schule machte. Kritisch merkt er an: „Wir sprechen über alles Mögliche, was man wegen des Klimaschutzes nicht mehr machen soll, zum Beispiel Plastikstrohhalme benutzen, aber die kleinsten Kleinigkeiten werden nicht gemacht.“ Zum Beispiel zwei Efeu-Pflanzen vors Haus setzen.

Tipps vom Klimaschutz-Manager

Begrünte Häuser sieht auch Tim Scharschuch gern. Als sogenannter Klimaschutz-Manager im Rathaus sorgt er mit dafür, dass Maßnahmen aus dem städtischen Klimaschutz-Konzept umgesetzt werden. Fassadenbegrünung wird zwar in dem Konzept mit keinem Wort erwähnt, ist aber durchaus in seinem Sinne. „Fassaden- und Dachbegrünung ist ökologisch sinnvoll“, sagt Scharschuch. Von Efeu über Rosen bis hin zu Wein gebe es viele verschiedene Pflanzen, die infrage kommen. Neben einjährigen Pflanzen, die jedes Jahr neu wachsen, gebe es mehrjährige, die dauerhaft an der Fassade haften. „Gerade Efeu kann man erst einige Jahre wachsen lassen, aber dann muss man sich klar sein, dass regelmäßige Rückschnitte vorgenommen werden müssen.“

„Wir haben keine Spinne mehr oder weniger“

Dieser Kürbis ist kein verfrühter Halloween-Gag, sondern wächst tatsächlich so vor der Haustür. © Borys Sarad

Wenn es um grüne Häuser geht, setzt Kamen vor allem auf ein grünes Dach. Hausbesitzer sollen laut Klimaschutz-Konzept zur Dachbegrünung ermuntert werden. Öffentliche Gebäude sollen, wenn möglich, ein Gründach bekommen. Für den Erweiterungsbau der Friedrich-Ebert-Schule ist dies bereits beschlossen.

Ob ein Dach an einer bestimmten Adresse geeignet ist, können sich Eigentümer in einem Online-Portal namens „Gründachpotenzialkataster“ anzeigen lassen.

Online-Portal zeigt mögliche Gründach-Standorte

Daneben gibt es auch noch das Solarpotenzialkataster für mögliche Standorte von Photovoltaik-Anlagen. Klimaschutz-Manager Scharschuch kann Tipps geben und bereitet gerade ein Faltblatt mit Informationen zur Dachbegrünung vor. Plakate mit ähnlichem Inhalt hängen bereits an einzelnen Stellen in der Stadt.

Wer ein grünes Dach haben will, muss sich entscheiden, ob er eine Art begehbaren Garten mit Gräsern, Sträuchern, Stauden oder Bäumen anlegen will oder aber einen grünen Teppich aus Moosen, Kräutern und Gräsern. Pflegeaufwand, Kosten und Traglast sind bei einer Intensivbegrünung höher als bei einer extensiven Begrünung.

„Wir haben keine Spinne mehr oder weniger“

Ein steinernes Wesen wacht über das Reihenhaus von Peter Friese. © Borys P. Sarad

Peter Friese am Laubenweg in Heeren-Werve ließ Efeu ranken. Eine Entscheidung, die der Versicherungskaufmann nicht bereute. Die Fassade habe durch das Efeu keinen Schaden erlitten, und er und seine Frau wurden auch nicht von Plagegeistern behelligt. „Diesen Sommer haben wir bei offenem Fenster geschlafen und dadurch keine Spinne mehr oder weniger im Haus gehabt“, sagt Friese.

Kompromiss beim Vorgarten

Nicht nur der eigene Garten, sondern auch die Kunst hat es Friese angetan. Vor dem Haus steht eine Skulptur, die auf eine Aktion der einstigen Kunst- und Kulturbackstube am Südfeld zurückgeht, in der Friese aktiv war. Die Natur liegt ihm am Herzen, genauso wie das regelmäßige Boule-Spielen an der Alten Schule in Werve und im Postpark. Der 75-Jährige bedauert es, wenn gerade ältere Hausbesitzer Bäume und Sträucher beseitigen müssen, weil sie die Pflege nicht mehr leisten können. „Da müsste es eine schnelle Eingreiftruppe geben, die bei der Gartenarbeit hilft“, sagt er. So sehr Friese die Natur liebt, blieb sein Vorgarten in all den Jahren komplett gepflastert, sodass dort genau ein Auto draufpasst und der Weg zur Tür des Reihenhauses freibleibt. „Anders ging es leider nicht“, sagt Friese.

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