Sonntags keine Pommes wegen Personalmangel: Kerstin Jung ist Chefin im Imbiss „Kiepenkerl". © Stefan Milk
Lockdown-Folgen

Personalnot in der Pommesbude: „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg“

Kuriose Auswirkungen der Personalnot in der Gastronomie: Imbissbetreiberin Kerstin Jung legt einen zusätzlichen Ruhetag ein, während Kneipenchefin Alex Rabe („82 West“) ihren Ostsee-Urlaub unterbricht.

Wenn die Barkeeperin das Pils nicht perfekt zapft, könnte das an den Folgen der Corona-Krise liegen. Erfahrenes Personal ist derzeit schwer zu bekommen. Viele Beschäftigte haben der Gastronomie während des langen Lockdowns vom Herbst bis zum Frühjahr den Rücken gekehrt.

Auch Kamener Wirtinnen können ein Lied von der Personalnot singen. Dass sich der Betrieb teilweise nur mit Mühe aufrecht erhalten lässt, zeigen jetzt zwei aktuelle Beispiele – aus der Kneipe „82 West“ und aus dem Imbiss „Kiepenkerl“.

Aus Kappeln für einen Tag nach Kamen

Alex Rabe, die Wirtin vom „82 West“, verabschiedete sich jüngst in den zweiwöchigen Sommerurlaub an der Ostsee in Schleswig-Holstein. Die Gaststätte an der Weststraße legte sie während dieser Zeit in die Hände ihrer Mitarbeiterinnen.

Aber es gab ein Problem: Ausgerechnet am ersten Freitagabend tat sich eine Lücke im Dienstplan auf, die sich nicht ohne Weiteres stopfen ließ. „Zwei Mädels sind noch nicht so lange da, zwei im Urlaub und neue Mitarbeiter sind nicht in Sicht“, erzählt die Wirtin.

Selfie aus dem Strandkorb: Alex Rabe fuhr für einen Tag aus ihrem Urlaubsort in Schleswig-Holstein nach Kamen, damit ihre Gaststätte nicht schließen muss.
Selfie aus dem Strandkorb: Alex Rabe fuhr für einen Tag aus ihrem Urlaubsort in Schleswig-Holstein nach Kamen, damit ihre Gaststätte nicht schließen muss. © privat © privat

Rabe plante deshalb mitten in ihrem Urlaub in Kappeln einen Kamen-Tag ein. Aus dem Urlaubsort ließ sie sich am Freitagmorgen von ihrem Lebensgefährten zum Hauptbahnhof in Kiel bringen, sodass sie am Nachmittag mit dem Zug in Kamen ankam. Sie kaufte anschließend ein, öffnete die Kneipe, bewirtete die Gäste. Nach einer kurzen Nacht fuhr sie am Samstagmorgen gegen 6.05 Uhr zurück in den Norden.

„Blöderweise war Bahnstreik, aber es hat trotzdem geklappt“, erzählt sie. Das „82 West“ ist unter anderem für Live-Musik bekannt. Während des Lockdowns belieferte die Gaststätte ihre Stammgäste mit dem „Cocktail-Taxi“.

Kiepenkerl mit zusätzlichem Ruhetag

Für den Schnellimbiss Kiepenkerl an der Nordstraße sucht Inhaberin Kerstin Jung händeringend Verstärkung. Weil die Personaldecke dünn ist, sieht sie sich jetzt gezwungen, das Lokal zeitweise zu schließen. Die Kunden werden per Aushang an der Ladentür über die Veränderung informiert: „Ab Sonntag, den 12.09.2021, haben wir bis auf weiteres wegen Personalmangel einen zusätzlichen Ruhetag. Wir bitten um Ihr Verständnis. Eure Kiepenkerle.“ Das heißt, dass die bekannte Pommesbude in der Innenstadt nur noch an fünf statt sechs Tagen pro Woche geöffnet ist. Außer montags ist jetzt auch sonntags Ruhetag.

Die Pommesbude „Kiepenkerl“ an der Ängelholmer Straße hat jetzt sonntags und montags Ruhetag. © Carsten Fischer © Carsten Fischer

Erst im April hat Jung den Imbiss von den Vorbesitzern übernommen. Einschließlich der Chefin arbeiten vier Frauen in dem Lokal „mit dem weltberühmten Schaschlik, Hähnchen und Schnitzel“, wie Jung sagt.

Sie sucht Mitarbeiterinnen oder Mitarbeiter entweder auf 450-Euro-Basis oder als Teilzeitkräfte. Und welche Einstellungsvoraussetzungen sind zu erfüllen? „Pommes sollte man schon machen können, und freundlich sollte man sein“, sagt Jung. Wo ein Wille sei, da sei auch ein Weg. Sie selber habe vor fünf Jahren im Kiepenkerl angefangen.

Fachkräfteschwund nach Lockdown

Restaurants und Gaststätten sind während des Corona-Lockdowns „personell ausgeblutet“, stellte die Gewerkschaft Nahrung Genussmittel Gaststätten (NGG) in Dortmund bereits im Frühjahr fest, als mehr als sechs Monaten Schließungszeit endlich vorbei waren. Im November 2020 hatten die Lokale ihren regulären Betrieb einstellen müssen – eine Maßnahme der Landesregierung zur Eindämmung der Pandemie. Erst am 15. Mai 2021, durften die Wirte zuerst die Außenbereiche wieder öffnen.

Die Corona-Krise löste einen Fachkräfteschwund aus. Aushilfen, die nicht mehr benötigt wurden, aber auch Voll- oder Teilzeitbeschäftigte, zogen Konsequenzen aus der unsicheren Lage. „Tausende haben bereits den Job gewechselt“, so das Fazit der NGG.

Bleibeperspektive statt Lockdown

„Die Lockdowns haben uns stark zugesetzt, vor allen Dingen bei den Aushilfen, für die es kein Kurzarbeitergeld gab“, sagt Thorsten Hellwig, Sprecher des Hotel- und Gaststättenverbands NRW. Die Frage, wie viele Köche und Kellner zurückkommen, ist für die Branche elementar. „Wir brauchen eine Bleibeperspektive, dass es im kommenden Herbst und Winter weitergeht“, so Hellwig. Also keine weiteren Lockdowns, sondern Sicherheit für die Beschäftigten, so die Erwartungen an die Coronapolitik vor der Bundestagswahl.

Die Rückkehrbereitschaft hängt auch von den Arbeitsbedingungen ab. Die Gewerkschaft fordert von den Arbeitgebern unter anderem bessere Löhne. „Die Arbeitszeiten müssen flexibilisiert werden, um zusammen mit den Arbeitnehmern interessante Arbeitsmodelle machen zu können“, sagt Dehoga-Sprecher Hellwig. „Wir wissen, dass das nur gemeinsam geht.“

Über den Autor
Redaktion Kamen
Jahrgang 1973, aufgewachsen im Sauerland, wohnt in Holzwickede. Als Redakteur seit 2010 rund ums Kamener Kreuz unterwegs, seit 2001 beim Hellweger Anzeiger. Ab 1994 Journalistik- und Politik-Studium in Dortmund mit Auslandsstation in Tours/Frankreich und Volontariat bei den Ruhr Nachrichten in Dortmund, Lünen, Selm und Witten. Recherchiert gern investigativ, zum Beispiel beim Thema Schrottimmobilien. Lieblingssatz: Der beste Schutz für die liberale Demokratie ist die Pressefreiheit.
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Carsten Fischer

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