Auch die ambulante Pflege in Kamen leidet unter Personalmangel. Während beim Grothaus-Team alles gut läuft, gibt es in Kamen Anbieter, die viel Verantwortung auf Auszubildende abwälzen müssen.

27.10.2019, 10:25 Uhr / Lesedauer: 3 min

Entspannt sitzt Maike Gulcz im Büro ihrer Chefin. Die Auszubildende strahlt über das ganze Gesicht, wenn sie über ihre neue Stelle im Pflegeteam Sabine Grothaus spricht. Hört man sich an, was sie bei zwei anderen Arbeitgebern bereits erlebt hat, ist das nur allzu verständlich.

Gulcz macht eine Ausbildung zur ambulanten Altenpflegerin. Erfahrungen hat sie bereits gesammelt – allerdings eher unfreiwillig und keine positiven. Ihre erste Ausbildung startete sie bei einer ambulanten Pflege in der Region.

Dort hätten Schüler schon im ersten Lehrjahr alleine zu Patienten fahren müssen. „Weil ich meinen Führerschein innerhalb der Probezeit nicht geschafft habe, wurde mir gekündigt“, sagt Gulcz.

Auszubildende wurden mit einem Fahrer zum Patienten gebracht

Es folgte ein anderes Unternehmen, wo Gulcz noch schlimmere Erfahrungen machen musste. Nach zwei Wochen Einarbeitungszeit sollte sie alleine Personen pflegen, die den höchsten Pflegegrad haben. „Sie waren bettlägerig uns teils adipös“, sagt Gulcz.

Auch in diesem Unternehmen mussten die Azubis alleine zu Patienten fahren. „Es wurde sogar extra ein Fahrer angestellt, der uns zu den Patienten gebracht hat“, erinnert sich Gulcz, die nicht lange bei diesem ambulanten Pflegedienst blieb.

Es sind Zustände, über die Sina Grothaus, zweite Geschäftsführerin des Pflegeteams Sabine Grothaus, nur den Kopf schütteln kann. Es sei illegal, Auszubildende im ersten Lehrjahr allein losfahren zu lassen. Bei Grothaus fahren die Auszubildenden drei Jahre lang mit ihren Anleiterinnen mit.

Dass andere zu diesen Mitteln greifen, zeige, dass dort Geld und Fachkräfte gespart werden. Für Grothaus wird aber an falscher Stelle gespart – zumal man sich dadurch strafbar macht und seinen Ruf verlieren kann.

Doch auch Grothaus kennt freilich Zeiten, in denen nicht genug Fachkräfte zur Verfügung stehen – etwa in Krankheitsfällen oder in der Urlaubszeit. Grothaus fängt Personallücken mit einer Zeitarbeitsfirma aus, die auch kurzfristig einspringen kann. Das sei zwar kostspielig, klappe aber meist gut.

Personalmangel in ambulanter Pflege: Manche riskieren viel, um Geld und Kräfte zu sparen

Das Pflegeteam Grothaus in Kamen nimmt sich Zeit für seine Patienten. Weil genug Personal da ist, kann es sich das erlauben. Bei anderen ist die Lage schon ernster. © privat

Die ambulante Pflege in Kamen klagt über Personalmangel

Auch das Pflegebüro der Awo in Kamen greift in schweren Zeiten zu dieser Notlösung. Doch hier fehlen generell Pfleger. Laut Pflegedienstleitung Margret Höner kämpfe sie um jede Kraft. Derzeit habe sie mit Langzeiterkrankungen zu kämpfen. „Wir fahren Doppeldienste und müssen teilweise jedes Wochenende arbeiten“, sagt Höner.

Sie habe aber Glück, dass sie kürzlich eine neue Kollegin fest einstellen konnte. Zudem wird eine Auszubildende übernommen – „nur so gewinnt man Personal“, sagt Höner.

Ebenfalls auf der Suche nach Kräften ist der Kamener Pflegedienst Katharina. „Wir können keine neuen Patienten aufnehmen, weil nicht genug Personal da ist“, erklärt die Pflegedienstleiterin Eugenia Galita. Auch die Suche nach Azubis gestalte sich schwierig.

Das neue Pflegeberufegesetz gestaltet Ausbildung komplizierter

Sina Grothaus hatte dieses Jahr Glück. Fünf Schülerinnen haben eine Ausbildung in ihrem Pflegedienst gestartet. Das hat aber nicht nur etwas damit zu tun, dass Nachwuchs derzeit gefragt ist. Grothaus graut es etwas vor der Umstellung der Ausbildungen im kommenden Jahr.

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Mit dem Pflegeberufegesetz nimmt die Pflegeausbildung eine neue Gestalt an, weil die Lehre von Alten- und Krankenpflegern in den ersten zwei Jahren zusammengeführt wird. Vor allem für kleine Betriebe bedeutet das einen deutlichen Mehraufwand.

Grothaus will das nächste Jahr abwarten und erst danach wieder Auszubildende aufnehmen. „Ich habe extra ein Seminar belegt, aber es sind noch viele Fragen offen geblieben“, sagt sie. Sie wolle das neue System erstmal aus der Ferne beobachten.

Sina Grothaus kann sich glücklich schätzen – ihr gut aufgestelltes Pflegeteam bildet die absolute Ausnahme. Und das nicht nur in Kamen, sondern auch in Deutschland. Laut Zentrum für Qua­­­lität in der Pflege (ZQP) gefährden Personalengpässe in Deutschland zunehmend die ambulante Versor­gung von Pflegebedürftigen.

Personalmangel in ambulanter Pflege: Manche riskieren viel, um Geld und Kräfte zu sparen

In der Altenpflegeausbildung lernen Nachwuchskräfte, wie man alte, kranke Menschen versorgt. In der ambulanten Pflege begleiten die Auszubildenden Pflegerinnen bei ihren Fahrten und lernen nach und nach dazu. © Stefan Milk

Das Zentrum hat 535 ambulante Pflegedienste befragt: „Gut die Hälfte der Befragten (53 Prozent) gab an, dass in ihrem Dienst Stellen für Pflege­fachpersonen seit mindestens drei Monaten unbesetzt sind. Hochgerechnet gibt es dem ZQP zufolge demnach in Deutschland in ambulanten Pflegediensten etwa 16.000 offene Stellen.“

Nicht nur in Kamen gibt es also Pflegedienste, die dringend Nachwuchs brauchen. Letztlich leidet unter diesem akuten Personalmangel der Patient. Sie können Glück haben – oder Pech. Im schlimmsten Fall geraten sie an einen Anbieter, der es riskiert, unerfahrene Auszubildende alleine loszuschicken. Und dem Nachwuchs kann man dann freilich nicht die Schuld daran geben, wenn dann doch etwas schief läuft.

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