Mädchen, die Panikattacken haben, weil sie die 1 nicht halten können. Jungs, die sich um ihren alkoholkranken Vater kümmern. In der Beratungsstelle am Rathaus werden viele Probleme gewälzt.

Kamen

, 27.08.2019, 16:46 Uhr / Lesedauer: 3 min

Eigentlich ist der lange Name schon ein Problem: „Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern der Städte Bergkamen und Kamen“. Doch hinter der sperrigen Bezeichnung gibt es handfeste Hilfe für viele andere Probleme, die Kinder, Jugendliche und Eltern bewegen. Das zehnköpfige Team um Leiterin Andrea Brinkmann weiß, was Sache ist. Es kennt auch Gebote und Verbote für Eltern.

Panik, weil Note 1 nicht zu halten ist: Das bewegt unsere Kinder - mit Geboten und Verboten

Andrea Brinkmann in der Beratungsstelle am Rathausplatz 4. Am Kicker mit den gelbschwarzen und blauweißen Figuren lässt sich über manches Problem einfacher sprechen. © Marcel Drawe

Von Psychologen über Traumatherapeuten bis Heilpädagogen

Andrea Brinkmann, 55-jährige Diplom-Psychologin, leitet seit acht Jahren die Beratungsstelle, die in der Familienvilla FIB am Rathausplatz 4 angesiedelt ist. Das elfköpfige Team aus Psychologen, Pädagogen, Traumatherapeuten, Sozialpädagogen, Beratern und Heilpädagogen wird bei Anfrage sofort aktiv, egal ob guter Rat, schnelle Hilfe oder tiefergehende Problemlösungen gefragt sind.

„Viele Bürger wissen gar nicht, dass sie uns in Anspruch nehmen können“, sagt Brinkmann. Die Hilfe für Bürger aus Kamen und Bergkamen ist kostenlos. Und es gibt in der Regel keine Wartezeiten. Das gilt nicht nur für Eltern und Kinder, sondern auch für Großeltern und Pflegeeltern.

Panik, weil Note 1 nicht zu halten ist: Das bewegt unsere Kinder - mit Geboten und Verboten

Andrea Brinkmann an ihrem Schreibtisch. Sie koordiniert am Rathausplatz die Arbeit der Beratungsstelle, die auch in Bergkamen eine Anlaufstelle hat. © Marcel Drawe

Statt Großfamilie große Probleme

Doch was sind die Probleme, die Kinder und Eltern bewegen? „Isolierte Problemlagen gibt es gar nicht mehr“, sagt die Fachfrau. „Es gibt immer mehr Multiproblemlagen. Ich glaube, dass es Familien heute schwerer haben, weil es das frühere Großfamiliensystem nicht mehr gibt.“

Das, was früher in der Großfamilie noch aufgefangen werden konnte, kann in der Kleinfamilie zum Problemfall werden. Aktuelle Beobachtung der Fachleute: Junge Mädchen, die in Leistungsnöte geraten, weil sie die Note eins nicht halten können. „Kopfschmerzen, Migräne, Panikattacken“, beschreibt Brinkmann die Symptome. Der Leistungsdruck auf die Junioren sei enorm. „Ich freue mich deswegen, dass am Gymnasium wieder G9 eingeführt wird.“ Bekanntlich wird dort das verkürzte Abitur wieder abgeschafft.

Wichtig sei es, den Kindern zu vermitteln, dass eine verpatzte Klausur oder eine misslungene Prüfung nicht das Weltende sind. „Nein. Die Sonne geht wieder auf, die Welt dreht sich weiter“, sagt Brinkmann.

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Gegen Mobbing, bei Trennung der Eltern: Junge Menschen stärken

Schulische Probleme gibt es aber auch anders. Wie bei Kindern und Jugendlichen, deren Eltern selbst Probleme haben.

Zum Beispiel mit Alkohol. Ansatz ist dann, Vater oder Mutter mit ins Boot zu holen, falls die Junioren einverstanden sind. „Wir laden sie hier zusammen zum Gespräch ein. Es ist immer besser, so ein Problem zu lösen, wenn alle beteiligt werden“, sagt Brinkmann. Ziel sei es, die jungen Menschen so zu stärken, dass sie sich nicht so verantwortlich fühlen, weil es Hilfe auch von anderer Seite gibt.

Hilfe gibt es auch bei anderen Problemen: Mobbing auf dem Schulhof, die Trennung der Eltern, auch Gewalt in der Familie. Die Fachleute aus der Villa FIB wissen dann, was zu tun ist, um sich ein Bild zu verschaffen - erst einmal, ohne gleich einen großen Apparat in Bewegung zu setzen.

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Freiwilligkeit, Schweigepflicht und Kostenfreiheit

Ziel der 1982 gegründeten Beratungsstelle ist, alle Familien zu unterstützen, die Hilfe benötigen. Etwa 55 Prozent der Beratungswünsche kommen aus Bergkamen, 45 Prozent aus Kamen.

Als Prinzipien gelten Freiwilligkeit, Schweigepflicht und Kostenfreiheit. Über die offenen Sprechstunden ist ein direkter Zugang ohne Wartezeit möglich. Allein 260 solcher Sprechstunden hat das Team im vorigen Jahr angeboten.

Die Sprechstunden sind montags von 9 bis 10.30 Uhr am Rathausplatz 4 in Kamen und donnerstags von 9 bis 10.30 Uhr an der Zentrumstraße 22 in Bergkamen.

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Enorme Bandbreite der Beratung

Wie bereits angedeutet: Die Bandbreite der Beratung ist enorm. Es müssen nicht nur handfeste Probleme sein, es sind auch ganz normale Erziehungsfragen, die Brinkmann und Kollegen beantworten. Wie viel Taschengeld ist in welchem Alter sinnvoll, wie lange darf Fernsehen geguckt werden? Es gibt Vorträge über die „Faszination Videospiele“ und zu dem Themen „ADHS“ oder „Geschwisterstreit“. Vor den Sommerferien gab es ein „Zeugnistelefon“, eine Sprechstunde zu Fragen, Sorgen und Nöte rund ums Schulzeugnis.

IN DER VILLA „FIB“

OFFENE SPRECHSTUNDEN FÜR FAMILIEN

  • Offene Sprechstunde in der Villa FIB ist montags von 10 bis 12 Uhr, dazu mittwochs von 14 bis 16 Uhr und donnerstags von 15 bis 17 Uhr. Infos auch unter Tel. (02307) 1484100.
  • In der Villa FIB am Rathausplatz 4 sind zahlreiche Angebote rund um die Familie angesiedelt: Die Familienhebamme, der Familienservice für Familien mit Neugeborenen, die Fachberatung Kindertagespflege, die Schulsozialarbeit, die Beratung von Familien mit Fluchterfahrung und die Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern der Städte Kamen und Bergkamen.

Noch nicht erlebt, dass jemand nicht die Kurve gekriegt hat

Die Beratungsstelle kann zwar auf den ganzen Apparat des Jugendamts zurückgreifen, bewahrt aber soweit Distanz, dass die anvertrauten Dinge dort nicht bekannt werden. „Dass hier so viel Kraft in die Arbeit gesteckt wird, ist ein Geschenk“, sagt Brinkmann. In Zeiten klammer Kassen sei in den vergangenen Jahren sogar noch einmal um anderthalb Stellen aufgestockt worden. Für die Fachkräfte aus der Villa FIB ein Ansporn, weiter möglichst vielen Familien zu helfen. „Ja, das sind die Reifungskrisen der Jugend. Aber ich bin jetzt 20 Jahre im Beruf und habe es noch nie erlebt, dass jemand nicht die Kurve kriegt. Und ja, die kriegen ihre Probleme selbst gelöst, wenn alle an einem Strang ziehen! Das ist ja Tolle an der Jugend: Es ist alles offen!“

Aus der Beratungsstelle

Gebote und Verbote für Eltern

  • Versuchen Sie nicht, jugendlicher zu sein als die Jugendlichen. Es hilft Ihnen nicht. Jugendliche achten „richtige“ Erwachsene mehr als Berufsjugendliche. Sie wollen keine 40-jährigen Freunde und Freundinnen.
  • Seien Sie erwachsen, auch wenn Sie dafür Provokationen ernten.
  • Stellen Sie sich dem Kontakt.
  • Stellen Sie vernünftige Regeln auf und seien Sie flexibel bei der Einhaltung.
  • Lassen Sie Spielräume.
  • Ermöglichen Sie Jugendlichen, ohne Gesichtsverlust Grenzüberschreitungen und Regelverletzungen wieder zu korrigieren.
  • Erziehung findet bei Jugendlichen nebenbei statt - beim Spaziergang, während der Autofahrt, beim Einkauf...
  • Nisten Sie sich im Hinterkopf der Jugendlichen als Stimme ein.
  • Stellen Sie Jugendliche nie bloß, sie sind ausgesprochen verletzlich.
  • Überhören Sie, was nicht unbedingt angesprochen werden muss.
  • Halten Sie sich zurück mit Ihrer Meinung über Musik, Hobbys, Kleidung, Outfit der Jugendlichen.
  • Drängen Sie sich nicht auf, aber stehen Sie zur Verfügung.
  • Unterstellen Sie immer wieder, dass sie für die Jugendlichen wichtig sind, auch wenn es sich manchmal anders anhört.
  • Betonen Sie nie (vor allem im Beisein Anderer), dass Sie Phasen mit wenigen Konflikten haben, es könnte von den Jugendlichen als Aufforderung zu neuen Provokationen verstanden werden. Genießen Sie lieber spannungsfreie Phasen, solange sie dauern!
  • Trauen Sie Jugendlichen etwas zu und fordern sie sie.
  • Lassen Sie sich nicht an Orten blicken, die Jugendliche für sich reserviert haben.
  • Ironie trifft eine verletzliche Seele besonders hart.
  • Denken sie daran, dass die eigentlichen Grundlagen für Ihre Beziehung vor der Pubertät gelegt werden.
  • Sprechen Sie mit anderen Eltern, die in einer vergleichbaren Situation sind und mit solchen, die diese schwierige Zeit hinter sich haben.

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