Ortsheimatpfleger sorgen dafür, dass historische Funde nicht auf dem Schrott, sondern in Archiven und Museen landen. Deren Sprecherin in Kamen, Andrea Woter, erzählt über das Ehrenamt.

Kamen

, 22.10.2018, 15:41 Uhr / Lesedauer: 3 min

Sie sammeln alte Schätze, halten Vorträge über die lokale Geschichte und zeigen bei Führungen die schönen und interessanten Seiten der Heimat: die Ortsheimatpfleger.

Andrea Woter ist die neue Sprecherin dieser Gruppe Ehrenamtler in Kamen und geht selbst auf Schatzsuche im Ortsteil Heeren-Werve. „Wenn zum Beispiel der Opa Schreinermeister war und die Urkunde gefunden wird – nicht wegwerfen!“, regt sie die Bevölkerung an, „das Archiv nimmt solche Schätze gerne auf.“ Dies gelte etwa auch für Kupferschalen, die früher als Waschschüsseln genutzt wurden und heute oftmals ein Dasein als Pflanzentopf fristen, bis sie auf dem Schrott landen. „Nicht wegwerfen!“, lautet auch hier die Devise.

Auch mal nervig sein

„Wir sind auch nervig und sprechen die Leute direkt an, meistens empfinden die das aber gar nicht als lästig“, sagt Woter schmunzelnd. Die 50-Jährige hat ein aufrichtiges Interesse an Geschichte, schon als Studentin der Geschichtswissenschaften an der Uni Bochum arbeitete sie im Freilichtmuseum Hagen als Führerin, später ging es dann zu Hansetourist in Unna, zur Gästeführergilde in Kamen und von dort aus schließlich zum Ehrenamt der Ortsheimatpflegerin. Sprecherin ist sie seit diesem Jahr und hat das Amt damit von Wilfrid Loos übernommen. Besonders in ihrer Tätigkeit als Gästeführerin aber auch bei manch anderen Anlässen schlüpft Woter sogar in historische Gewandungen und verwandelt sich so zum Beispiel in das Dienstmädchen Finchen.

Nicht immer Geschichte

Doch was macht ein Ortsheimatpfleger? „Es muss nicht immer Geschichte sein“, weiß Woter. Manche Ehrenamtler engagieren sich zum Beispiel eher im Bereich Naturschutz, bieten auch naturkundliche Führungen an. Andere haben sich dagegen ganz der Geschichte verschrieben. Die Ortsheimatpfleger sind Ansprechpartner, wenn auf dem Dachboden alte Schätze gefunden werden, die historisch von Bedeutung sein können – etwa Opas alter Meisterbrief. Sie sammeln Fotos, Daten und Zeitzeugenberichte, arbeiten mit dem Stadtarchiv zusammen und sorgen dafür, dass die lokale Geschichte in den Dörfern und Gemeinden nicht in Vergessenheit gerät. So informierte in dieser Zeitung der Wasserkurler Ortsheimatpfleger Wilfrid Loos über die alte Schule in Wasserkurl, auf deren Gelände nun die Awo-Kita „Brausepulver“ neugebaut wird. Der Heeren-Werver Ortsheimatpfleger Karl-Heinz Stoltefuß berichtete erst vor Kurzem über den Geschäftsmann Ewald Thiel, der in dem Ortsteil seine Spuren hinterließ.

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Die Ortsheimatpfleger sind jeweils einem speziellen Ortsteil zugeteilt, manchmal teilen sie sich auch Gebiete, wie etwa Karl-Heinz Stoltefuß und Andrea Woter in Heeren-Werve.

Der Kontakt ist wichtig

„Der Kontakt zu den Leuten ist wichtig“, sagt Woter über ihr Ehrenamt. Gerade bei Vorträgen merke sie oft, wie viel Wissen gerade in den älteren Bürgern steckt. Bei einem Vortrag über Hellweg-Sagen informierte eine ältere Frau Woter etwa über eine Geschichte, die ihr Lehrer immer erzählt habe. Demnach sei das Einhorn deshalb das Wappentier von Heeren, weil im Burgkeller ein entsprechendes Fabeltier gelebt habe, dass Feinde in der Not in die Flucht schlagen konnte. Auch solche Sagen, die oft nicht mal schriftlich verfasst wurden und nur mündlich überliefert sind, sind Teil der Geschichte eines Ortes.

Außerdem merkt Woter, dass gerade bei älteren Damen die Erinnerung an die Geschichte starke Emotionen wecken kann. „Gerade diese Frauen haben ein Emanzipationsbedürfnis“, sagt die Ortheimatpflegerin schmunzelnd. Als sie etwa einen Vortrag über Hexenverfolgung hielt, war der Aufschrei bei den älteren Zuhörerinnen groß. „Da kann man sehen, dass Frauen schon immer unterdrückt wurden“, habe eine der anwesenden Damen ausgerufen.

Experten für den Ortsteil

In Kamen gibt es zehn Ortsheimatpfleger, die jeweils für einen anderen Teil der Stadt zuständig sind. Einige der Ehrenamtler bieten offene Treffs an, bei denen Interessierte sich austauschen oder interessante Funde vorbeibringen können. Karl-Ernst Böhm und Peter Resler frühstücken etwa jeden zweiten Mittwoch im Monat gemeinsam bei Bäckerei Grobe an der Dortmunder Allee, wo ehemals eine Sparkassenfiliale stand. Ab 10 Uhr können Interessierte dort vorbeischauen.

Der Begriff Heimat bezieht sich für Woter nicht nur auf einen Ort, an dem man bereits jahrzehntelang lebt und an dem man tief verwurzelt ist. „Das hängt immer von den Menschen ab“, sagt sie und lacht. Schließlich sei die Heimat dort, „wo man sich zuhause fühlt“ – und ihre Heimat hat Woter in Heeren-Werve gefunden.

Wer den Ortsheimatpfleger seines Ortsteil kontaktieren will oder selbst mit dem Gedanken spielt, das Ehrenamt ausführen, kann sich bei Andrea Woter unter Tel. (02307)282171 melden.
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