Der Gesetzesvorschlag zur Organspende von Gesundheitsminister Jens Spahn hatte im Bundestag keinen Erfolg. Der Kamener Gerd Böckmann bedauert das. Er weiß, wie es ist, auf einen Spender zu warten.

Kamen

, 01.02.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Ich hätte noch ein Jahr gehabt“, erzählt Gerd Böckmann. Im Mai 2015 wurde ihm eine neue Leber eingesetzt. Nachdem der Pathologe seine alte Leber untersucht hatte, erfuhr der Kamener, wie knapp es tatsächlich war. „Wie dringend es war, wusste ich nicht.“

Böckmann erfuhr 2006, dass er krank war. Seine Leberwerte waren auffällig. Die Ursache dafür war eine primär sklerosierende Cholangitis (PSC). Das ist eine seltene Krankheit, bei der die Gallenflüssigkeit nicht mehr richtig aus der Leber abfließen kann. Sobald gar keine Flüssigkeit mehr entweichen kann, wird die Krankheit lebensgefährlich. „Das ist wie ein Herzinfarkt mit Ankündigung“, erklärt Böckmann.

Kurz darauf erreichte Böckmann der nächste Schock: Er litt außerdem an einer Autoimmunhepatitis – eine ebenfalls äußerst seltene Krankheit, wie er erklärt.

Dass der 59-Jährige heute in aller Ruhe über seine Leidensgeschichte sprechen kann, hat er einem Spender zu verdanken. Böckmann hatte großes Glück, dass nur ein Jahr, nachdem er in die Transplantationsliste eingetragen worden war, ein Spender gefunden wurde. „Das ist nicht selbstverständlich. Ich kenne auch Menschen, die das Glück nicht hatten“, sagt er.

Kamener Gerd Böckmann setzt sich für das Thema Organspende ein

Nach der Operation gab es kleinere Komplikationen, aber 2016 war Böckmann vollständig genesen und konnte wieder in seinen Beruf einsteigen. Der 59-jährige arbeitet wieder als Apotheker in der Westentor-Apotheke.

Seit 1984 ist er dort tätig, die meiste Zeit als Inhaber. Heute arbeitet er dort nur noch in Teilzeit. In der restlichen Zeit engagiert sich der Kamener im Verband Lebertransplantierte Deutschland. Er arbeitet als Redakteur für Zeitschriften, die sich mit dem Thema beschäftigen und ist seit 2019 Vorsitzender des Vereins.

Organspende rettete Gerd Böckmann: Die Widerspruchslösung hätte „wirklich etwas geändert“

Gerd Böckmann ist als Lebensritter unterwegs. Er selbst lebt mit einer gespendeten Leber – die ihm das Leben rettete. © Stefan Milk

Nebenbei ist er für das Netzwerk Organspende NRW tätig und seit 2019 regionaler Pate für Organspende für den Kreis Unna. Das Netzwerk Organspende hat das Projekt im vergangenen Jahr ins Leben gerufen, um viele Menschen zu erreichen und zu informieren.

Böckmann hält nun im ganzen Kreisgebiet Vorträge – zum Beispiel in Krankenhäusern, bei Parteisitzungen oder auch in Schulen. Vor allem Jugendliche seien „bemerkenswert aufgeschlossen“ für dieses Thema, sagt Böckmann. Kommen 200 Schüler zu einer Veranstaltung, gibt er 200 Organspendeausweise aus. Böckmann kämpft dafür, dass in NRW und in Deutschland mehr Spender bereitstehen. „NRW ist in Deutschland das Schlusslicht und Deutschland in Europa“, erklärt er.

Böckmann bedauert, dass die Widerspruchslösung nicht eingeführt wurde

Seine Meinung zum gescheiterten Gesetzesentwurf von Gesundheitsminister Jens Spahn, der sich für eine Widerspruchslösung stark machte, liegt nahe. Der Kamener hält ein solches Gesetz, bei dem alle automatisch Organspender wären, wenn sie nicht widersprechen würden, für sinnvoll und notwendig. „Es ist der einzige Vorschlag, der wirklich etwas geändert hätte“, so Böckmann. Es sei nun nicht klar definiert, wer beraten soll.

Laut dem Vorschlag, dem die Mehrheit im Bundestag jüngst zustimmte, sollen Hausärzte eine wichtige Rolle bei der Aufklärung spielen. Doch dass Hausärzte fehlen, ist laut Böckmann kein Geheimnis und eine Organspendeberatung nehme Zeit in Anspruch, die die Hausärzte nicht haben. „Aus meiner Sicht wurde da nicht zu Ende gedacht“, sagt er über die neue Regelung. Eine gute Sache hatte sie aber freilich. Seitdem die Diskussion entfacht ist, ist die Nachfrage an Organspendeausweisen und Informationen deutlich gestiegen.

Ein Organspendeausweis kann Leben retten

Böckmann ist trotzdem enttäuscht über die Entscheidung des Bundestages. Gegner sagten, dass die Menschen, die keine Spende bekommen, sowieso gestorben wären. „Aber man hätte sie auch retten können“, so Böckmann. Die kleinen orangefarbenen Ausweise, die jeder bei sich tragen sollte und auf denen vermerkt ist, dass man damit einverstanden ist, nach dem Tod Organe für eine Transplantation bereitzustellen, retten Leben.

Organspende rettete Gerd Böckmann: Die Widerspruchslösung hätte „wirklich etwas geändert“

Gerd Böckmann sprach auch mit NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann über das Thema Organspende. Laumann setzt sich ebenfalls dafür ein, dass mehr Menschen potenzielle Organspender werden. © privat

Und das auch erst, wenn wirklich keine Hoffnung mehr besteht. Erst wenn zwei Ärzte den Hirntod eines Patienten festgestellt haben und sicher sind, dass der Mensch kein Leben mehr führen kann, kommen sie als Spender infrage. „Es gibt keinen belegten Fall, dass jemals ein Mensch nach seinem Hirntod ins Leben zurückgekehrt ist.“

Die meisten Spender sind laut Böckmann zwischen 40 und 60 Jahre alt. „Es gibt keine Altersgrenze“, so Böckmann. Die meisten Spender seien keine Personen, die bei einem Unfall verunglückt wurden, sondern häufig jene, die eine Hirnblutung hatten oder einen Schlaganfall. Die Leber sei etwa ein Organ, das sich stets regeneriere.

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Angehörige entscheiden sich oft gegen eine Organspende

Wer nicht spenden will, kann übrigens auch etwas tun, um es den Ärzten einfacher zu machen, wenn man eines Tages dem Tode nahe und nicht mehr ansprechbar sein sollte. Dann sollte man vorher bekanntgeben, dass man nicht spenden möchte. Wenn ein Mensch mit Hirntod nämlich nicht mehr ansprechbar ist, entscheiden die Angehörigen, ob die Organe gespendet werden. „Aus Unsicherheit fällen sie häufig eine negative Entscheidung“, so Böckmann.

Lebensretter werden


Organspendeausweise auch beim Hellweger Anzeiger

  • Organspendeausweise gibt es an vielen Stellen – zum Beispiel in Krankenhäusern, bei Krankenkassen oder Ärzten.
  • Auch in der Geschäftsstelle des Hellweger Anzeigers in Kamen, am Markt 17 gibt es ab sofort die Ausweise. Jeder kann zu den Öffnungszeiten vorbeikommen, sich einen abholen – und irgendwann vielleicht ein Leben retten.
  • Infos zum Thema Organspende gibt es unter anderem unter www.netzwerk-organspende-nrw.de oder auf www.organspende-info.de
  • Gerd Böckmann, Organspende-Pate im Kreis Unna, ist unter g.boeckmann@patefuerorganspende.de und via Tel. (0234) 9783 5430 erreichbar. Er informiert über das Thema und hält Vorträge.

Und auch wenn sie eine positive fällen, muss freilich der passende Spender, zu dem das Organ passt, gefunden werden. „Das System der Wartelistenführung ist sehr komplex“, weiß Böckmann. Eine der vielen Fragen, die dabei stets beantwortet werden müssen: Bekommt derjenige, der das Organ dringender braucht, die Spende oder doch der Patient, der damit länger leben kann?

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