Eine große Staubwolke über dem neuen Sandwerk der Recyclingfirma GWA in Heeren-Werve hat Spaziergänger und Anwohner in Aufregung versetzt. Die Betreiberfirma kündigt Gegenmaßnahmen an.

16.10.2018, 16:32 Uhr / Lesedauer: 2 min

Der Heerener Burkhard Allebrodt war am Dienstagmorgen auf Walking-Tour auf einem Wirtschaftsweg in Heeren-Werve, als er über dem Gelände des GWA-Deponie- und Recycling-Betriebs an der Mühlhauser Straße eine Staubwolke bemerkte. „Ich habe erst gedacht, das ist Morgennebel“, schilderte der Pensionär seine Beobachtung. „Aber das ist reiner Staub, der durch die Luft weht. Ich konnte ihn förmlich riechen und schmecken.“

Sandwerk seit Oktober in Betrieb

Die kreiseigene Gesellschaft für Wertstoff- und Abfallwirtschaft (GWA) und ihr Partner Gelsenwasser haben Anfang Oktober ein Sandwerk auf dem GWA-Gelände in Betrieb genommen. Allebrodts Vermutung: Die Produktion des sogenannten Hellwegsands durch die gemeinsame Tochterfirma GWM hat die Staubentwicklung ausgelöst.

Der Augenzeuge fotografierte das Phänomen aus schätzungsweise 400 Meter Entfernung per Smartphone von einem Wirtschaftsweg aus, der nördlich parallel zum Vöhdeweg verläuft. Die Wolke ist auf dem Foto schemenhaft vor Bäumen zu erkennen, mit einer Werkshalle der Deponie in der Bildmitte und Häuser von Deponie-Anwohnern am Rand. „Ich verstehe nicht, wie die Anwohner das aushalten. Die Emissionen von diesem Hellwegsand sind einfach nicht hinnehmbar“, meint Allebrodt.

Neues Sandwerk in Heeren-Werve nebelt die Umgebung ein

Die Staubwolke über dem GWA-Gelände ist auf diesem stark vergrößerten Foto schemenhaft im Gegenlicht zu erkennen. © Burkhard Allebrodt

Erklärt

So entsteht der Hellwegsand

  • 1. Böden, die auf anderen Rohrbaustellen ausgebaut worden sind, werden an der sogenannten „Input-Box“ aufgegeben, damit über die Siebanlage grobes Material ausgefiltert wird. Das können größere Steine, aber auch Wurzeln sein. Das Material wandert von dort aus weiter über ein Förderband am grünen Kalksilo vorbei.
  • 2. Falls die Böden zu nass sind, wird über den Kalkdosierer am Silo (grün) Kalk zugemischt, um das Material zu binden. Dann wird der Boden ein, zwei Tage zwischengelagert, bevor er noch einmal an Punkt 1. aufgegeben wird. Über Spannwellensiebe erfolgt das weitere Aussieben, um Böden in verschiedenen Körnungen zu erhalten.
  • 3. Über Steigbänder gelangen die gesiebten Böden in das sogenannte Output-Lager. Dort werden die Materialien in unterschiedliche Körnungen sortiert, um später als mögliches Baumaterial verwendet zu werden.
  • 4. Das Endprodukt namens GWM-Sand mit einer Körnung von null bis zwei Millimetern wird am Ende des Siebprozesses aufgeschüttet. Nur dieser Sand kann für die Verlegung von unterirdischer Leitungen verwendet werden, weil er die Rohre nicht angreift. Inoffiziell wird der Sand als Hellwegsand bezeichnet.

Betreiber spricht von außergewöhnlicher Situation

Bei der GWA in Unna bestätigt Sprecher Andreas Hellmich den Verdacht des Anwohners teilweise. Die Staubentwicklung sei zwar durch die „GWM-Anlage“ verursacht worden, allerdings habe der Staub nicht aus dem „GWM-Sand“ genannten Produkt bestanden, sondern aus Kalk.

„Wir hatten eine außergewöhnliche Situation: Weil sich beim Anfahren der Anlage trockene Kalkanhaftungen auf den Bändern gelöst haben und aus mehreren Metern Höhe auf den Boden gefallen sind, kam es zu einer Staubentwicklung“, heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme. „Durch die Inversionswetterlage blieb der Staub leider in der Luft vor Ort – und wurde nicht vom Wind weggeweht.“

Gegenmaßnahmen angekündigt

In dem neuen Sandwerk wird angelieferter Boden oder Bauschutt in mehreren Arbeitsschritten zu feinem Füllmaterial verarbeitet. Das Material kommt beim Verlegen von Wasserleitungen in Gräben zum Einsatz. Kalk wird in dem Verarbeitungsprozess nicht ständig zugesetzt, sondern nur, falls dem Material Feuchtigkeit entzogen werden muss.

Die eingenebelte Umgebung soll kein Dauerzustand sein. Die GWA entschuldigt die Wolke damit, dass sich Betreiber und Anlage noch in einer Testphase befänden. „Die Ursache für die Staubentstehung ist nun erkannt. Durch organisatorische Maßnahmen wird zukünftig verhindert, dass sich Staub auf diesem Weg entwickeln kann“, versichert das Unternehmen.

Die Gegenmaßnahme bedeutet konkret, dass zukünftig die letzte Produktionscharge des Tages nicht mehr mit Kalk versetzt wird. „Dadurch kann kein Kalk mehr an den Bändern haften bleiben und am Folgetag auch nicht zu Staubentwicklung führen“, erklärt die GWA.

FOTOSTRECKE
Bildergalerie

So entsteht in Kamen der "Hellwegsand"

Auf dem Werks- und Deponiegelände der kreiseigenen Abfall- und Recyclingfirma GWA ist eine neue Sandaufbereitungsanlage in Betrieb genommen worden.
02.10.2018
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Ein Radler kippt das Ausgangsmaterial in einen Trichter. Die Sandaufbereitungsanlage steht auf dem Gelände der Deponie-Betreiberfirma GWA in Heeren-Werve© Borys Sarad
Neue Sandaufbereitungsanlage: Das Material durchläuft mehrere Verarbeitungsstufen. Je nach Beschaffenheit wird der Stoff mit Kalk vermischt.© Borys Sarad
Durch ein System aus Förderbändern landet das Material in dieser Halle.© Borys Sarad
Der feine Stoff eignet sich zum Beispiel zum Verfüllen von Gräben, in denen Wasserleitungen verlegt werden. Er wird als "Hellwegsand" oder "GWM-Sand" verkauft. GWM steht für Gesellschaft zur Weiterverwendung von Mineralstoffen.© Borys Sarad
Dieses Schema verdeutlicht die einzelnen Stationen des Verarbeitungsprozesses.© awewering
Martin Döbber (2.v.l.) und Ulrich Drolshagen (M.), die Chefs der Gesellschaft zur Weiterverarbeitung von Mineralstoffen, Bürgermeisterin Elke Kappen (l.), Vize-Landrätin Elke Middendorf (vorne) und Gelsenwasser-Prokurist Joachim Basler (r.) geben das Startsignal für die neue Anlage.© Borys Sarad
Rund 50 Gäste aus Politik, Wirtschaft und Verwaltung lassen sich die neue Sandaufbereitungsanlage zeigen.© Borys Sarad

Neue Zukunftsstrategie setzt auf weniger Konfliktstoff

Das neue Sandwerk ist Teil einer neuen Zukunftsstrategie der GWA für den früher oft von Bürgerprotesten begleiteten Deponie-Standort. Das heißt: mehr Recycling-Aktivitäten nach dem Volllaufen weiter Teile der Deponie-Flächen, insgesamt weniger Konfliktstoff mit Anwohnern. Die Bezirksregierung Arnsberg genehmigte die Errichtung und den Betrieb einer Aufbereitungsanlage für Boden und Siebsand im Juli 2017 auf Basis des Bundes-Immissionsschutzgesetzes.

Zur Eröffnung Anfang Oktober kamen unter anderem Vize-Landrätin Elke Middendorf (CDU) und Bürgermeisterin Elke Kappen (SPD). Die GWM peilt eine Jahresproduktion von 75.000 Tonnen an.

Ob die jüngste Erklärung den Anliegern des Recycling-Standorts reicht, bleibt abzuwarten. Eine Anwohnerin, die anonym bleiben will, meint: „Es staubt und lärmt jeden Tag, seit es das neue Sandwerk gibt.“

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Neues Sandwerk in Heeren-Werve nebelt die Umgebung ein

Luftbild der GWA-Deponie aus dem Jahr 2013 – damals noch ohne Sandwerk, das sich im unteren Zipfel befindet. © Bernhard Fischer/GWA

Die ehemalige Bergehalde der Zeche Königsborn in Heeren-Werve ist 32 Hektar groß und dient seit Jahren der kreiseigenen Gesellschaft für Wertstoff- und Abfallwirtschaft (GWA) als Deponie- und Recycling-Standort. Die Schüttflächen VI und VII, auf der Industrieabfälle abgelagert worden sind, sind geschlossen und abgedeckt. Die Schüttfläche V mit Asbestzement und Mineralfasern ist seit Mitte 2009 geschlossen. Auf den Schüttflächen I bis III werden unbelastete Böden wie Erde, Bauschutt und Ziegel gelagert. Im sogenannten Schüttbereich IV im Südwesten befinden sich ein Wertstoffhof, eine Brechanlage für Bauschutt, eine Sortieranlage für Baumischabfälle und neuerdings ein Sandwerk der Tochterfirma GWM.
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