Ungezügelt wachsende Natur hinterm Gartenzaun. Dort, wo sich der Mühlbach mitten durch den Ort schlängelt, ist ein Refugium entstanden. Anwohner setzen sich dafür ein, dass das so bleibt.

Kamen

, 04.07.2019 / Lesedauer: 4 min

Hinter dem gepflegten Garten mit blühenden Stauden und üppigem Grün beginnt der Urwald. Verlässt man den Garten der Prochnows durch die Pforte, sieht man den Mühlbach, der einige Meter weit durch sein Bett sprudelt, nicht. Verdeckt ist er von hoch gewachsenen Brennesseln, weißblühender Schafgarbe und den violetten Köpfen der Ackerkratzdistel. „Hier ist viel Natur entstanden“, sagt Heike Prochnow, die mit ihrem Ehemann Jörg dort seit über 25 Jahren wohnt. Jetzt hat sie für den Fotografen ein paar Schritte heraus in den wuseligen Grünstreifen gesetzt, wobei ihr die Pflanzen fast bis zur Schulter reichen. Oft ist sie hier nicht. Die Natur ist dort sich selbst überlassen.

Natur hinter Schloss und Riegel. Warum es so schön bleiben könnte

Ungezügelt wachsendes Grün, ein plätschernder Mühlbach und ein Reiher, der mit seinen Streichholzbeinen auf Fischzug ist. Soll die Natur dort künftig geschützt werden? Oder soll der Bereich für die Öffentlichkeit freigegeben werden? Eine Frage, die die Politik beschäftigen wird. © Janecke

Die Natur ist bedroht. So empfinden es die Anwohner

Im Jahr 1993 hat sich das Ehepaar, das schon vorher in Heeren wohnte, entschieden, an dem idyllischen Fleck eine neue Heimat zu finden. Doch nun ist die Natur bedroht. So zumindest empfinden viele Anwohner das Prüfverfahren der Stadt, ob der grasbewachsene Betriebsweg des Lippeverbandes zum festen Fuß- und Radweg ausgebaut werden kann. Die CDU Heeren-Werve und der ADFC-Ortsverein Kamen hatten sich mit dieser Forderung an die Stadtverwaltung gewandt, die nun eine Untersuchung eingeleitet hat. Ein Ergebnis dieser Untersuchung, so der Beigeordnete Uwe Liedtke im jüngsten Umwelt- und Planungsausschuss, ist noch weit entfernt. Grundlage für eine spätere Entscheidung der Lokalpolitik soll nicht nur ein Artenschutzgutachen bilden: Beteiligt an der Prüfung werden auch der Lippeverband als Eigentümer und der Kreis Unna als Untere Wasserbehörde. Ein Gespräch der Stadtverwaltung mit den Anwohnern soll der Entscheidungsfindung eine zusätzliche Tiefe verleihen, wenn sie nach den Sommerferien ins Rathaus gebeten werden.

Natur hinter Schloss und Riegel. Warum es so schön bleiben könnte

Auf der Unterschriftenliste gegen die Öffnung des Betriebsweges haben sich bisher 80 Anwohner eingetragen. Es sollen noch mehr werden. © Stefan Milk

Ein natürliches Gewässer, sehr gut!

Das wilde Stück Natur, das hinter dem Gartenzaun liegt, war einmal im Eigentum der Prochnows. Wie bei vielen anderen Anwohnern auch. Damit die Renaturierung des Flusses möglich wurde, haben sie einige Quadratmeter abgegeben. „Das war mal unser Garten, doch das Thema ist erledigt, weil alles so gut ist, wie es geworden ist“, sagt die Heeren-Werverin, die auch als Schulleiterin der Freiherr-von-Ketteler-Grundschule in Bergkamen-Rünthe bekannt ist. „Dass hier ein natürliches Gewässer entstehen konnte - sehr gut“, sagt sie. Reiher fischen hier, der Eisvogel fliegt durch, auch pelzige Nutrias sind zuweilen zu sehen. Damals, so erinnert Prochnow, habe es eine mündliche Zusage gegeben, den Bereich nicht zu öffnen. Ihren Wunsch, den Betriebsweg geschlossen zu halten, hatte sie auch im jüngsten Umweltausschuss formuliert. Auch Regina Zweihoff meldete sich dort zu Wort. Prochnow: „Wir sind uns vorher in der Angelegenheit noch nicht begegnet. Dass wir uns beide melden, das war nicht abgesprochen.“

Natur hinter Schloss und Riegel. Warum es so schön bleiben könnte

Natur hinter Schloss und Riegel. Ein Betriebsweg des Lippeverbandes an der Körne ist ein Beispiel dafür, dass es auch gesperrte Uferwege gibt, obwohl sie gut ausgebaut sind. © Archiv

Ein Greta-Effekt auch am Mühlbach erwünscht

Doch die Schlagrichtung ist gleich: „Wir Anwohner durften erleben, wie sich nach der Renaturierung die Tier- und Pflanzenwelt erholt hat“, schilderte Zweihoff den Vertretern aus Verwaltung und Politik. Es sei auch ein Zeichen für den Naturschutz gerade in Zeiten, wo verstärkt gegen den Klimawandel, Beispiel Greta Thunberg, gekämpft werde und das Umweltbewusstein wachse. „Lassen Sie es so, wie es ist“, forderte sie. Wie berichtet gibt es ein Beispiele an der Körne, wo ein Betriebsweg, der zwischen Kamen und Methler verläuft, ebenso gesperrt geblieben ist. 577 Bürger hatten 2007 eine Unterschriftenliste an die Stadt übergeben, um die Lokalpolitiker von der Öffnung des Weges zu überzeugen. Naturschützer indes hatten für die dauerhafte Schließung plädiert. Letztlich einigten sich die Politiker auf ein salomonisches Urteil. Die Schließung zunächst für drei Jahre anzuordnen. Danach hatte sich die Natur soweit erholt, dass eine dauerhafte Sperrung beschlossen wurde.

Natur hinter Schloss und Riegel. Warum es so schön bleiben könnte

Günter Kunert ist einer der Befürworter der Öffnung des Betriebsweges des Lippeverbandes. Platz für den Weg sei ausreichend vorhanden. Und die meisten Grundstücke seien durch Hecken, Gartenhäuser und Zäune so sehr geschützt, dass keine Beeinträchtigungen durch den Fuß- und Radverkehr zu erwarten seien. © Janecke

Bürger sprechen sich auch für die Öffnung aus

Einer der Öffnungs-Befürworter ist der Heeren-Werver Günter Kunert, dessen Garten selbst an einen Fuß- und Radweg, den Max-von-der Grün-Weg, grenzt. Auf einen Sichtschutz, so sagte er unserer Redaktion, habe er verzichtet, weil es noch nie Probleme mit vorbeifahrenden Radlern oder flanierenden Spaziergängern gegeben habe. „Die Radler sind doch mit einem Schwung vorbei. Die gucken vielleicht einmal kurz, dann sind sie schon wieder weg.“ Dieser Aussage trauen die Anwohner nicht. Sie befürchten nicht nur, dass die Natur zusätzlich leidet, sondern auch sie selbst - durch Vandalismus, Vermüllung und unzulässig freilaufende Hunde. Ihr Ziel: Die parallel verlaufende Straße „Im Südfeld“ soweit für den Radverkehr auszubauen, dass man dort sicher fahren kann. Heike Prochnow, die nicht Anführerin der Initiative sein will, wird weitere Unterschriften sammeln. Denn: „Viele wissen noch gar nicht, was hier geplant ist.“

Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Entlastung für Hellmig-Krankenhaus

Krankenhaus oder Arzt? Diese Entscheidung könnte Patienten bald abgenommen werden

Hellweger Anzeiger Musikfestival

Rapper „Goldroger“ genießt sein Heimspiel beim „Laut und Lästig“ Open Air

Hellweger Anzeiger Ortskern-Umgestaltung (+Video)

Neue Mitte für Heeren-Werve: Erster Spatenstich für Millionenprojekt

Meistgelesen