Silvia Mühlhaus ist die Leiterin der Kamener Kita St. Marien, die vom Tod einer Erzieherin im Zusammenhang mit dem Coronavirus erschüttert wurde. Nun äußert sich Mühlhaus zu dem offenen Brief aus einer Unnaer Kita. (Archivfoto) © Marcel Drawe
Reaktion auf offenen Brief

Nach Todesfall: Kita-Leiterin möchte nicht, dass Eltern sich jetzt Vorwürfe machen

Nach dem tragischen Todesfall einer Erzieherin der Kamener Kita St. Marien sorgen sich Kollegen aus Unna um die Gesundheit. Kita-Leiterin Silvia Mühlhaus reagiert auf einen offenen Brief.

„Ich sehe den Tag, an dem die Kinder in Quarantäne geschickt wurden, noch vor meinem inneren Auge. Sie sind noch herumgesprungen, als wäre nichts – und einen Tag später wurden sie positiv getestet. Für die Eltern war das ein Schock.“ Silvia Mühlhaus, Leiterin der Kita St. Marien in Methler, äußert sich erstmals zu dem Corona-Tod einer Erzieherin ihrer Einrichtung.

Anlass dazu gibt ihr ein offener Brief aus einer Unnaer Kita, in dem unter anderem von Eltern die Rede ist, die ihre Kinder in der Kita abliefern würden, ohne dass das nötig wäre. Anlass für den Brief ist die Angst der Unnaer Erzieherinnen und Erzieher um die eigene Gesundheit und die ihrer Angehörigen. Eine Angst, die durch den Vorfall an der Kamener Kita, in der 41 Kinder positiv getestet worden waren, noch verstärkt wurde.

Kita hinterfragt die Entscheidung der Eltern nicht

Mühlhaus und ihre Kollegen teilen diese Angst und die Sorgen, und auch hier gibt es Kritik daran, wie die Politik mit den Kitas umgeht. Sie kämen im Gegensatz zu Schulen in der öffentlichen Diskussion zu kurz, wie Mühlhaus findet. „Generell finde ich es nicht schlecht, was in dem Brief steht“, sagt sie.

Von dem Vorwurf, dass es Eltern gebe, die ihre Kinder ohne Notwendigkeit in die Betreuung geben, möchte sie sich aber distanzieren. Mühlhaus möchte nicht, dass sich die Eltern ihrer Kita-Kinder Vorwürfe machen. „Kinder dürfen gebracht werden, wenn Eltern Bedarf ankündigen, und das hinterfragen wir nicht. Wir vertrauen unseren Eltern“, so Mühlhaus. Die Kita habe nicht das Recht zu sagen, wer sein Kind vorbeibringen dürfe und wer nicht.

Eltern machen sich nach dem Todesfall Vorwürfe

Es gebe Eltern, die sich nach dem Tod der Erzieherin ohnehin schon Vorwürfe machten, weil sie fürchten, dass ihr Kind die Erzieherin vielleicht angesteckt haben könnte – schließlich waren viele der Kinder symptomfrei und die Eltern wären ohne den Test gar nicht darauf gekommen, dass ihr Kind infiziert ist.

Mühlhaus und ihre Kolleginnen und Kollegen arbeiten freiwillig mit FFP2-Masken, um sich selbst zu schützen. Eine Pflicht gibt es dafür nicht. © privat © privat

Doch Vorwürfe seien laut Mühlhaus fehl am Platz. Sie möchte nicht, dass sich Eltern schuldig fühlen. „Man weiß nicht, wo sie das Virus herbekommen hat“, stellt Mühlhaus klar. In einem Schreiben des Landesjugendamts liege ihr zudem schwarz auf weiß vor, dass die Hygienemaßnahmen eingehalten und in dem Moment alles richtig gemacht wurde.

Den Punkt aus dem Unnaer Brief, in dem es um die Eltern geht, würde Mühlhaus also nicht unterschreiben – dafür gibt sie der Unnaer Kita aber an anderer Stelle Recht. Auch die Kamener Kita-Leiterin findet, dass Kitas mehr in den Fokus rücken müssten.

Erzieherinnen können nicht immer Abstand halten

Zwar könne beim Hinbringen und Abholen Abstand gehalten werden und auch in Teamsitzungen, aber nicht bei der Betreuung, etwa wenn einem Kind die Nase läuft oder es getröstet werden muss. „Wir tragen keine Pflegeausrüstung wie im Krankenhaus“, sagt Mühlhaus. Mittlerweile tragen ihre Erzieherinnen FFP2-Masken, angeordnet wurde das von der Politik aber nicht.

Auch hat man sich zusammen mit der Kita St. Christophorus in Südkamen in Eigenregie darum gekümmert, dass alle zwei Wochen ein Hausarzt vorbeikommt und freiwillige Schnelltests durchführt – erst in der einen, dann in der anderen Einrichtung.

Vorher mussten die Mitarbeiter das selbst organisieren. Nach dem Vorfall fühle man sich durch diese neue Regelung etwas sicherer, sagt Mühlhaus.

Eine Lösung für Eltern und Erzieher soll her

Eine Lösung, wie die Erzieher geschützt werden können und gleichzeitig die Eltern entlastet werden, hat sie nicht parat. „Es ist ein Dilemma“, fasst Mühlhaus die Situation zusammen.

Sie habe Verständnis dafür, dass es nicht geht, dass Eltern im Homeoffice ein Kind im Homeschooling betreuen müssen, während noch ein Kita-Kind zu Hause herumturnt. „Wie soll das funktionieren?“

Kita St. Marien wird Bücherkita: Vor der Corona-Pandemie konnte Silvia Mühlhaus noch unbeschwert mit den Kindern lachen. Heute wird die Mimik der Erzieherinnen durch eine Maske verdeckt. Auch darunter leiden die Kinder. (Archivbild) © Stefan Milk © Stefan Milk

Gleichzeitig beherrschen Angst und Sorge ihren Alltag. Schließlich ist spätestens jetzt klar, dass das Virus sich auch in Kitas schnell verbreiten kann – von der Mutation, die noch ansteckender sein soll, ganz zu schweigen. Mühlhaus: „Wir wünschen uns von der Politik klare Regelungen und eine langfristige Strategie. Auch für die Eltern.“

Über die Autorin
Jahrgang 1991. Vom Land in den Ruhrpott, an der TU Dortmund studiert, wohnt jetzt in Bochum. Hat zwei Katzen, liest lieber auf Papier als am Bildschirm. Zu 85 Prozent Vegetarierin, zu 100 Prozent schuhsüchtig.
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