Dem endgültigen Aus für die Firma Kettler, die viele Jahrzehnte in Kamen fest verwurzelt war, geht eine lange Leidensgeschichte voran, die sich über 15 Jahre zieht. Wir haben sie aufgezeichnet.

Kamen

, 14.10.2019, 13:31 Uhr / Lesedauer: 4 min

Das am Montag verkündete Aus für die Traditionsmarke Kettler löst auch in der Stadt Kamen große Betroffenheit aus. Über viele Jahrzehnte war der Freizeitartikelhersteller einer von Kamens größten Arbeitgebern, zahlreiche Beschäftigte kommen auch jetzt noch aus Kamen. Nur das kleine Outlet im Gewerbegebiet „Zollpost“ zeugt aktuell noch von der großen Vergangenheit der Kultfirma, die das Kettcar hergestellt und Generationen von Kindern beglückt hat. Nunmehr steht nach der Betriebsversammlung am Montagmorgen fest: Kettler stellt die Produktion ein, 500 Mitarbeiter verlieren ihren Job. Lediglich 144 Beschäftigte werden den Betrieb noch für einige Monate aufrecht erhalten, zum sogenannten „Ausproduzieren“.

Nach dem Aus für Kettler: Die schmerzhafte Chronik des Niedergangs

Der Freizeitartikelproduzent Kettler im Fokus der Betrachtung. „Dieser Kampf um die Arbeitsplätze hat uns viel Kraft gekostet“, zog ein IG-Metall-Verhandlungsführer im Jahr 2016 nach mehreren Monaten harten Ringens Bilanz. „Doch der Kampf war es wert. Denn es sind wichtige und gute Arbeitsplätze, die nach Tarif bezahlt werden.“ © Stefan Milk

In Kamen vor allem Gartenmöbel und Fitnessgeräte

Der Kettcar-Hersteller hat an der Henry-Everling-Straße seinen Standort 1964 eröffnet. Heinz Kettler hatte die Firma 1949 in Werl gegründet und 15 Jahre später Kamen als Standort für ein zusätzliches Werk ausgewählt. Nach vielen guten Jahren ging es Anfang der 2000er jedoch kontinuierlich bergab. Immer wieder kamen Pläne auf, den Standort Kamen zu schließen. In Kamen wurden bis 2010 vor allem Gartenmöbel und Fitnessgeräte produziert. In Spitzenzeiten gab es mehr als 400 Beschäftigte. Im Zuge des schleichenden Niedergangs der Traditionsfirma hatte es auch Betriebsversammlungen in der Stadthalle Kamen gegeben, so bedeutend war einst der Standort hier. Bekanntlich wird der ehemalige Kettler-Standort, der östlich der Henry-Everling-Straße liegt, jetzt für die Logistik erschlossen.

Nach dem Aus für Kettler: Die schmerzhafte Chronik des Niedergangs

Bei der Betriebsversammlung im März 2016 kommt noch einmal Hoffnung auf. Als Zeichen des Aufbruchs lassen die etwa 600 Kettler-Beschäftigten, die an der Betriebsversammlung teilnehmen, Luftballons steigen, versehen mit Zetteln, auf denen steht: „Wir haben es geschafft! Wir danken allen, die uns geholfen haben, viele Arbeitsplätze zu sichern, besonders Dr. Karin Kettler und den politisch Verantwortlichen.“ © Marcel Drawe

„Lasst uns die Zukunft gestalten. Gebt Kettler eine Chance!“

„Lasst uns die Zukunft gestalten. Gebt Kettler eine Chance!“ Der Ausruf erfolgte noch am Ende der Betriebsversammlung im Jahr 2016 in der Stadthalle Werl, als das Ende des jüngsten Insolvenzverfahrens angekündigt wurde. Die Firma, so schien es zu dem Zeitpunkt, war gerettet. Und damit die damals noch 750 Arbeitsplätze. Doch das war für Kamen der schmerzhafte Zeitpunkt, an dem die Entscheidung fiel, den Standort in 1a-Lage am Kamener Kreuz aufzugeben. Es war der Zeitpunkt, an dem beschlossen wurde, die beiden Werksbereiche westlich und östlich der Henry-Everling-Straße zu schließen, die Logistik stillzulegen und den Servicebereich für Ersatzteile stillzulegen. Auf einem Areal von ca. 85.000 Quadratmetern.

Nach dem Aus für Kettler: Die schmerzhafte Chronik des Niedergangs

So kannte man den Standort an der Henry-Everling-Straße. In dem Gebäude wurden über Jahrzehnte Gartenmöbel und Fitnessgeräte produziert. © Stefan Milk

Die Einschnitte in Kamen retten das Gesamtunternehmen nicht

Doch die Einschnitte in Kamen konnten auch das Gesamtunternehmen letztlich nicht retten. Der Niedergang setzte sich von Jahr zu Jahr fort. Ein Zeitraum, der sich nunmehr auf mindestens 15 Jahre erstreckt, als das Unternehmen im Jahr 2004 zunehmend in Schwierigkeiten geriet. Hier die Chronik der wechselvollen Kettler-Geschichte:

2004, Mai: Kettler arbeitet an einem Beschäftigungspakt, um die noch 270 Arbeitsplätze von einst mehr als 400 in Kamen zu erhalten. 2005 wird der Pakt geschlossen.

2006, Januar: Erstes Signal der Krise: Das Kettler-Werk startet mit Kurzarbeit ins neue Jahr.

2006, März: Betriebsversammlung in der Stadthalle. Die Geschäftsführung verkündet, dass der Produktionsstandort Kamen schließen soll. 254 Mitarbeiter sind dort noch beschäftigt.

2006, Juni: Die Mitarbeiter erfahren die gute Nachricht über den 8-Uhr-Aushang im Werk: Kamen bleibt zunächst als Produktionsstandort erhalten.

2006, Dezember: Die Geschäftsleitung verschiebt die zum Jahresende geplanten Entlassungen im Unternehmen.

2009, Januar: Das Gutachten der Unternehmensberatung „Wieselhuber und Partner“ liegt vor. Es sieht die Streichung des Standorts Kamen vor.

2009, April: Geschäftsführung, Gewerkschaften und Betriebsräte nehmen die Verhandlungen auf.

Nach dem Aus für Kettler: Die schmerzhafte Chronik des Niedergangs

Einzig verbleibender Kettler-Standort war bis zuletzt das Outlet im Gewerbegebiet Zollpost. Ob hier die Schließung bevorsteht, steht noch nicht fest: Die Markenrechte liegen bei der Kettler Holding, die keine Insolvenz angemeldet hat. Es ist möglich, dass es auch in Zukunft Produkte mit dem Namen „Kettler“ geben wird. © Stefan Milk

2009, Mai: Gesamtbetriebsversammlung in der Stadthalle Werl: Die Geschäftsleitung verkündet, dass 296 der 1300 Stellen abgebaut werden sollen, auch der Standort Kamen wird wieder infrage gestellt. Dort gibt es zu dem Zeitpunkt noch 191 Mitarbeiter.

2010: Aufgabe des Produktionsstandorts Kamen, Erhalt des Kettler-Service-Centers mit 75 Mitarbeitern, Umbau der Produktionshallen zum Zentrallager, insgesamt 110 Mitarbeiter, ebenso Auszeichnung beim „Plus X Award“, dem weltgrößten Wettbewerb für Technologie, Sport und Lifestyle: Kettler wird nach 2009 wieder zur „innovativsten Marke“ des Jahres gekürt. Die Krise scheint überwunden.

2011: Aufgabe des Kettler-Shops auf dem Werksgelände an der Henry-Everling-Straße und Eröffnung des neuen Shops im Gewerbegebiet Zollpost.

2012: Noch ein Erfolg: Drei Kettler Freizeitmöbel als „Bestes Produkt des Jahres 2012“ mit dem „Plus X-Award“ ausgezeichnet.

2013: Stabile Situation am Standort an der Henry-Everling-Straße, leichte Steigerung der Beschäftigungszahl auf 115.

2014: „German Design Award 2014“ für den Crosstrainer „Racer S“, mit dem das Training über eine spezielle App zu steuern ist.

2015, Juni: Kettler meldet Insolvenz an. Zum vorläufigen Sachwalter wird Dr. Christoph Schulte-Kaubrügger bestellt. In Kamen gibt es jetzt noch etwa 100 Beschäftigte. Im Gesamtunternehmen stehen etwa 400 Arbeitsplätze zur Disposition.

Nach dem Aus für Kettler: Die schmerzhafte Chronik des Niedergangs

220 Kettler-Mitarbeiter hatten sich am 22. März 2006 in der Stadthalle Kamen versammelt. „Eine emotionale Versammlung“, wie anschließend berichtet wurde. Zwischenrufe erzürnter Mitarbeiter hätten gelautet: „Ich kann mir jetzt schon kein Kettler-Fahrrad mehr leisten. Ich kauf es bei Aldi, nicht, weil ich das will, sondern weil ich es nicht anders kann!“ © Milk

2015, August: Es verdichten sich die Hinweise, dass der Standort Kamen geschlossen wird.

2015, Oktober: Kettler verkündet, die Stadt bis Frühjahr 2017 zu verlassen. 198 Arbeitsplätze im Gesamtunternehmen sollen gestrichen werden.

2016, Januar: Das Land NRW sichert die Finanzierung. Der Entschluss fällt im Bürgschaftsausschuss. Das Finanzierungskonsortium besteht aus der Sparkasse Hochsauerlandkreis und der NRW-Bank.

2016, März: Bei der Betriebsversammlung in der Stadthalle Werl wird die Belegschaft auf die neue Zukunft eingeschworen. 750 von 950 Mitarbeiter bleiben, der Standort Kamen wird aufgegeben. Aus dem Firmennamen verschwindet der Vorname des Firmengründers.

2017, April. Bewegung auf dem ehemaligen Kettler-Gelände an der Henry-Everling-Straße, das teilweise an den Logistikpark-Betreiber P3 veräußert wurde. Auf dem Grundstück östlich der Henry-Everling-Straße lässt er die ersten Bagger vorfahren. Mit dem Abriss der voluminösen Hallen verschwindet ein Stück Firmengeschichte aus dem Stadtgebiet.

2017, Oktober: Der Kettler-Rückzug auf den Restflächen in Kamen wird umgesetzt. Er betrifft die Werke I und II östlich und westlich der Henry-Everling-Straße. 50 Kräfte im Service-Bereich sind bisher noch im Werk II verblieben, während das Werk I noch abgerissen wird. Die 50 Mitarbeiter ziehen in die Verwaltung nach Ense-Parsit um.

2018, März: Der Bertelsmann-Konzern wird mit seiner Logistik-Tochter Arvato SCM Solutions der erste Mieter im neuen Logistikpark im Kamener Süden.

2019, September: Es gibt einen neuen Hoffnungsschimmer für Kettler außerhalb Kamens. Die nach dem Firmengründer benannte Heinz-Kettler-Stiftung verlängert ein dem Unternehmen gewährtes Darlehen.

2019, Oktober: Das langjährige Bangen um Kettler findet ein bitteres Ende. Auf der Betriebsversammlung in Ense-Bremen wird das Aus verkündet.

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