Sondengänger Andreas Steiner: „Ich werde ab und zu von Leuten angesprochen, die fragen, was ich da suche und ob ich das machen darf.“ © Carsten Fischer
Sondengänger Andreas Steiner

Münzen und Musketenkugeln: Fund auf Acker stellt Schatzsucher vor Rätsel

Schatzsucher Andreas Steiner findet viel Schrott, wenn er mit dem Metalldetektor loszieht. Aber sein jüngster Streifzug zwischen Unna und Kamen hat sich gelohnt: Fand er Spuren einer Schlacht?

Auf einem frisch gepflügten Acker irgendwo zwischen Unna und Kamen geht ein Mann in Tarnfleck-Kleidung langsam auf und ab. Andreas Steiner trägt einen Metalldetektor vor sich her und folgt mit starrem Blick einer unsichtbaren Linie. Mit der anderen Hand zieht der 50-Jährige einen Spaten hinter sich her.

Sondengang

Hilfe für die Archäologen

  • Einfach losziehen und Funde ausgraben ist illegal. Um sich „vom Raubgräber in einen wertvollen Helfer für die Archäologen zu verwandeln“, seien lediglich etwas Papierkram, einige Unterschriften, ein offenes Ohr beim Gespräch mit den Behörden und die Beachtung wichtiger Regeln erforderlich, heißt es in der Broschüre „Sondengänger und Archäologie“ des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe.
  • Das Denkmalschutzgesetz NRW schreibt in Paragraph 13 eine Erlaubnis zur Fundbergung vor. Damit soll der Schutz des ungestörten archäologischen Erbes im Boden gewährleistet sein. Sondengänger müssen ihre Erlaubnis vorweisen können – nicht nur gegenüber der Polizei.
  • Die Erlaubnis erteilt der Kreis (bei kreisfreien Städten die zuständige Bezirksregierung) für die Flächen, die begangen werden sollen. Mit der Erlaubnis sind Auflagen und Bedingungen verknüpft. Sie sollen dafür sorgen, dass die im Boden verborgenen Quellen für die Forschung nicht gefährdet werden.

Der merkwürdige Wanderer, unterwegs an einem sonnigen Septembermorgen, sucht nach Schätzen, die im Erdreich verborgen sind. Schätze, das sind für den ehrenamtlichen Mitarbeiter des westfälischen Amts für Bodendenkmalpflege alle Gegenstände mit wissenschaftlichem, materiellem oder ideellem Wert.

„Es ist nicht so, dass ich rausgehe und sofort was finde“, sagt der Unnaer mit der denkmalrechtlichen Lizenz zum Graben und Bergen. „Man geht Kilometer hin und zurück, und 95 Prozent der Funde sind nur Schrott: Eisenteile, Blechdosen, Geschirrreste. Aber irgendwann kommt der Moment, wo du ein gutes Signal hast und es kommt eine schöne Münze zum Vorschein.“

Nur auf gepflügten Äckern darf gesucht werden

Der 50-Jährige hat diesen Acker ausgewählt, weil dieser nach einem Fund von Musketenkugeln im vorigen Jahr vielversprechend erscheint und weil das Gelände die Bedingungen der Such-Erlaubnis erfüllt. Steiner darf nur auf gepflügten Äckern sondeln und nur so tief schürfen, wie der Pflug in den Boden eingedrungen ist.

Vor etwa fünf Jahren begann sich Steiner nach eigenen Worten für die Schatzsuche zu interessieren. Vorher hatte der Fertiggaragen-Monteur nur Muscheln am Meer gesucht. „In Holland am Strand im Urlaub habe ich Leute mit Sonden gesehen“, erzählt er.

Im Laufe der Zeit investierte der Unnaer eine vierstellige Summe in eine professionelle Ausrüstung und häufte technisches und historisches Wissen über die Schatzsuche an. Jede Suche sei mit Recherchen auf Fotos, in Geschichtsbüchern oder in Internetquellen verbunden.

Typische Pose beim Auf und Ab über das Suchgelände: „Wichtig ist, keine Unordnung zu hinterlassen“, sagt Andreas Steiner.
Typische Pose beim Auf und Ab über das Suchgelände: „Wichtig ist, keine Unordnung zu hinterlassen“, sagt Andreas Steiner. © Carsten Fischer © Carsten Fischer

Im heutigen Oberaden existierte einst ein Römerlager, im Seseke-Körne-Winkel eine bedeutende germanische Siedlung. Spuren, die damit im Zusammenhang stehen könnten, sind Steiner bei seinen diversen Streifzügen in den vergangenen zwei Jahren nicht verborgen geblieben. „Meine spektakulärsten Funde sind eine Münze aus der Zeit des römischen Kaisers Marcus Aurelius von 172 nach Christus und ein rund 3000 Jahre altes Bronzebeil, das etwa 15 mal zwei Zentimeter groß ist“, erzählt er.

Kugeln, Münzen, Medaille, Klappmesser

Für den aktuellen Sondengang auf dem Acker an der Stadtgrenze hat Steiner letztlich insgesamt 30 Stunden seiner Freizeit investiert. Einige Tage danach zieht er Bilanz: „Es hat sich gelohnt!“

Für Finderglück sorgen 15 Musketenkugeln, sechs Blei-Projektile, fünf Münzen (geprägt 1716, 1741, 1922 und 1942), eine Medaille von 1922, drei Knöpfe, ein Gewicht für einen Webstuhl und ein Klappmesser.

Ausbeute der jüngsten Schatzsuche (von links): Münze „III PFEN 1716 Stadt Soest“, Münze „1 Duit 1741 WEST FRISIA“, Münze „50 Reichspfennig 1922“, zwei Münzen „Deutsches Reich 10 Pfennige nach 1942“, Spendenmedaille „Nationale Flugspende 1912 Nürnberg“, drei Knöpfe, Gewicht für Webstuhl , Musketenkugeln, Blei-Projektile und Klappmesser.
Ausbeute der jüngsten Schatzsuche (von links): Münze „III PFEN 1716 Stadt Soest“, Münze „1 Duit 1741 WEST FRISIA“, Münze „50 Reichspfennig 1922“, zwei Münzen „Deutsches Reich 10 Pfennige nach 1942“, Spendenmedaille „Nationale Flugspende 1912 Nürnberg“, drei Knöpfe, Gewicht für Webstuhl , Musketenkugeln, Blei-Projektile und Klappmesser. © privat © privat

Die Relikte aus dem Acker wecken den Forschergeist und die Fantasie des Finders. Die Musketenkugeln könnten darauf hindeuten, dass dort einst Soldaten lagerten oder kämpften. Steiner vermutet, dass die Munition aus der Zeit des Siebenjährigen Krieges (1756 bis 1763) stammt, schließt aber einen Bezug zum 30-jährigen Krieg (1618 bis 1648) nicht aus.

Für den Siebenjährigen Krieg könnte sprechen, dass auch zwei der ausgegrabenen Münzen in diese Epoche passen. Im Juni/Juli 1761 standen sich französische und alliierte Truppen mit ihren Vorderlader-Gewehren im Raum Unna/Kamen gegenüber. Die Konfrontation der Großmächte gipfelte in die Schlacht bei Vellinghausen am 2. Juli 1761. Die Franzosen erlitten eine Niederlage gegen die Preußen und ihre Verbündeten.

Spendenmedaille aus dem Kaiserreich

In der heimischen Scholle ortete Steiner auch Relikte vom Vorabend des Ersten Weltkriegs. Die Medaille „Nationalflugspende“ aus dem Jahr 1912 erinnert an eine Sammelaktion, mit der Großadmiral Heinrich von Preußen auf Anregung des Flugpioniers August Euler die Entwicklung der Flugzeugindustrie im Kaiserreich vorantreiben wollte.

Alle relevanten Funde werden von Sondengänger Steiner dokumentiert und der Oberen Denkmalbehörde beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) gemeldet. Dies betreffe grob gesagt „alles, was älter ist als das Mittelalter“. Funde von besonderer wissenschaftlicher Bedeutung gehen laut LWL automatisch in das Eigentum des Landes NRW über. Alle übrigen Funde stehen jeweils zur Hälfte dem Finder und dem Grundstückseigentümer zu.

Die Ausbeute des jüngsten Sondengangs, vermutet Steiner, dürfte zwar die Landesarchäologen nicht besonders interessieren, stimmt aber den Schatzsucher selbst höchst zufrieden.

Handtasche und Schminkzeug

Gemeinsam haben fast alle Funde, dass die einstigen Besitzer schon lange nicht mehr leben. Umso erfreuter war Andreas Steiner, als er vor einiger Zeit eine Handtasche, spätes 20. Jahrhundert, ausgraben konnte. Darin befanden sich Schminkzeug, ein Fahrzeugschein und weitere Papiere. „Ich bin dann zu der angegebenen Adresse in Kamen gefahren und habe eine Frau angetroffen, die dachte, das wäre ein Scherz. Die Tasche wurde ihr vor 25 Jahren gestohlen.“

Über den Autor
Redaktion Kamen
Jahrgang 1973, aufgewachsen im Sauerland, wohnt in Holzwickede. Als Redakteur seit 2010 rund ums Kamener Kreuz unterwegs, seit 2001 beim Hellweger Anzeiger. Ab 1994 Journalistik- und Politik-Studium in Dortmund mit Auslandsstation in Tours/Frankreich und Volontariat bei den Ruhr Nachrichten in Dortmund, Lünen, Selm und Witten. Recherchiert gern investigativ, zum Beispiel beim Thema Schrottimmobilien. Lieblingssatz: Der beste Schutz für die liberale Demokratie ist die Pressefreiheit.
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Carsten Fischer

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