Renate Gaffron war nicht erfolgreich in ihren Bemühungen, einen Termin für eine Corona-Schutzimpfung zu bekommen. Die 85-jährige Kamenerin kam zwar schon am Vormittag durch, wurde aber gebeten, sich später noch einmal zu melden. © Stefan Milk
Coronavirus in Kamen

Mega-Chaos bei der Impfterminvergabe: „Ein Witz! Das ist zum Scheitern verurteilt!“

Verzweiflung pur bei älteren Menschen aus Kamen, die sich um einen Impftermin bemühen. Wer durchkommt, hat nur scheinbar Glück. Denn am anderen Ende der Leitung heißt es: „Wir sind noch nicht so weit.“

Renate Gaffron fiel ein Stein vom Herzen, als sie endlich aus der Warteschleife zur Impfterminvergabe weiter verbunden wurde. „Ich war richtig happy, als endlich jemand dran war“, sagt die 85-Jährige.

Doch die Freude währte nur kurz. „Der Mann fragte nach meiner Postleitzahl und sagte dann: Tut mir leid, der Kreis Unna ist noch nicht soweit.“ Renate Gaffron, die auch für ihren Lebensgefährten Wolfgang Böcker (81) einen Termin ausmachen wollte, ist entsetzt. Ihr Erlebnis ist kein Einzelfall.

Die Impftermin-Vergabe für über 80-Jährige am Montagmorgen gestaltet sich als einziges Chaos. Zahlreiche Leser melden sich in der Redaktion. „Ein Witz! Das ist zum Scheitern verurteilt!“, sagte eine Kamener Bürgerin, die für ihre 89-jährigen Schwiegereltern weder online noch telefonisch durchkam.

Renate Gaffron mit dem Anschreiben der Stadt Kamen. Nach 13 Stunden vergeblichen Versuchen war sie am Montagabend erfolgreich bei der Buchung zweier Impftermine.
Renate Gaffron mit dem Anschreiben der Stadt Kamen. Nach 13 Stunden vergeblichen Versuchen war sie am Montagabend erfolgreich bei der Buchung zweier Impftermine. © Stefan Milk © Stefan Milk

Bereits ab 8 Uhr am Telefon und dann in der Warteschleife

Renate Gaffron sitzt bereits um 8 Uhr am Telefon. Die Kamenerin freut sich, als sie nach einer halben Stunde einen Ansprechpartner hat. „Versuchen Sie es zu einer späteren Zeit“, hieß es dann. „Dann war nur noch besetzt, irgendwann war der Akku des Telefons leer“, berichtet sie aufgeregt. „Ich war so in Rage, das ist sehr enttäuschend.“

Auf das Internet kann sie nicht zugreifen, sie hat auch niemanden, der das für sie tun kann.

Das hätte an dem Morgen auch nichts genutzt. Auch online geht bei der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL), die Kamen abdeckt, zeitweise nichts. „Es ist ein unerwarteter Fehler aufgetreten“, erscheint auf der Anmeldeseite, nachdem Nutzer ihre E-Mail-Adresse und ihre Handynummer eingegeben haben.

Gaffron ist erst einmal einkaufen gegangen. „Ich bin innerlich so nervös, weil ich endlich diesen Termin haben möchte“, sagte sie.

„Online-Buchung“ derzeit nicht möglich. Das zeigte die Homepage der Website „116117“ auch noch am Nachmittag an. © Janecke, Carsten © Janecke, Carsten

Auch online ein Verwirrspiel mit einem unbekannten Code

Ein ähnliches Bild in Heeren-Werve, wo Dr. Eberhard Bischof es zunächst online versucht. „Da war ein Feld mit zwölf Ziffern, die ich ausfüllen sollte. Ich hatte aber nur sechs übers Handy bekommen“, berichtet der 82-jährige frühere Apotheker verzweifelt. „Das passt nicht und dann geht das auch nicht.“

Als er dann auf das Telefon zurückgreift, geht sein Anruf nach einer Stunde Wartezeit tatsächlich durch.

Dort aber die ernüchternde Information: „Das funktioniert im Moment noch nicht. Rufen sie am Nachmittag noch einmal an.“

Bischof berichtet, unter welcher Anspannung er stand, schließlich müsse man auch das Alter berücksichtigen. „Ich war so nervös, da ist mir zuerst die Postleitzahl nicht mehr eingefallen.“ Für ihn ist die Methode, mit denen die über 80-Jährigen Impftermine erhalten soll, „die schlechteste, die man hätte wählen können. Das ist frustrierend. Warum gab es im Anschreiben nicht gleich einen Terminvorschlag!“ Jetzt sei bei vielen die Angst groß, dass man bei der Terminvergabe leer ausgehe.

Die Internetseite der KVWL zeigte sich zunächst als unzuverlässig und anfällig für Fehler. Auch Tage nach dem Vergabestart für Impftermine in NRW verzweifeln Senioren daran, einen Termin zu bekommen. © Carsten Fischer © Carsten Fischer

Technische Pannen und eine kompliziertes Verfahren

Technische Pannen, eine schwierige Methode, die viele ältere Menschen überfordert, aber nicht nur diese. „Selbst Angehörige blicken da nicht durch“, berichtet eine Kamener Bürgerin, die im Gesundheitswesen beschäftigt ist und weiß, dass es für viele Senioren an den Rand der Belastbarkeit geht.

Sie selbst hat es mehrere Stunden online und telefonisch versucht. „Es gibt ein kurzes Signal, dann bricht die Leitung ab.“ Sie kann nicht verstehen, warum das Verfahren so schlecht vorbereitet wurde. „Das kann doch nicht sein. Das ist ärgerlich, das macht mich sprachlos!“

Über den Autor
Redaktion Kamen
Jahrgang 1968, aufgewachsen in mehreren Heimaten in der Spannbreite zwischen Nettelkamp (290 Einwohner) und Berlin (3,5 Mio. Einwohner). Mit 15 Jahren erste Texte für den Lokalsport, noch vor dem Führerschein-Alter ab 1985 als freier Mitarbeiter radelnd unterwegs für Holzwickede, Fröndenberg und Unna. Ab 1990 Volontariat, dann Redakteur der Mantelredaktion und nebenbei Studium der Journalistik in Dortmund. Seit 2001 in Kamen. Immer im Such- und Erzählmodus für spannende Geschichten.
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Carsten Janecke

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