Warum schafft es die Freiwillige Feuerwehr insbesondere nachts nicht, ihre Schutzziele zu erreichen? Wir haben ein Feuerwehrmitglied gefragt, das anonym erzählt: von fehlender Motivation und Anerkennung sowie Kameraden, die sich bei Meldungen wie „Heimrauchmelder ausgelöst“ nachts nicht aufraffen können.

Kamen

, 26.07.2018, 18:10 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Feuerwehr hat das sogenannte Schutzziel, innerhalb von acht Minuten mit mindestens neun Leuten und innerhalb von 13 Minuten mit mindestens 16 Leuten am Einsatzort zu sein. Warum klappt das nachts nur selten?

Grundsätzlich ist es für die Feuerwehr ein Problem, wenn ihre Mitglieder tagsüber in anderen Städten arbeiten und nicht in Kamen ausrücken können. Ebenso sind nicht alle Arbeitgeber bereit, Feuerwehrleute im Einsatzfall freizustellen, damit möglichst viel Personal an der Einsatzstelle ist.

Hier geht es aber um die Nachtzeiten. Wo sind die Feuerwehrleute nachts, wenn ein Alarm kommt?

Zuhause in Kamen! Und deshalb stellt sich dann aber die Frage, warum in der Zeit von 0 bis 6 Uhr nur 18 Prozent des Schutzzieles erreicht werden. Tatsächlich rücken Löschfahrzeuge teilweise nicht mit der vollen Besatzung aus. Es wird gewartet, dass noch Kameraden kommen, aber oftmals vergeblich. Warum? Weil zu wenige Kameraden erschienen sind.

Warum ist das so?

Wenn nachts ein Alarm kommt, gucken möglicherweise einige Kameraden zu Hause auf ihren Melder und sehen: „Heimrauchmelder ausgelöst“ oder „Brandmeldeanlage ausgelöst“. Sie wissen aus Erfahrung, dass in den meisten Fällen ein technischer Defekt, eine Fehlbedienung oder ähnliches vorliegt und bleiben liegen.

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Was ist davon zu halten, wenn Feuerkameraden nachts lieber liegen bleiben, statt zur Wache zum Einsatz zu fahren?

Das einzig Freiwillige in der Freiwilligen Feuerwehr ist der Eintritt und der Austritt, der Dienst ist Pflicht. Von Feuerwehrleuten erwartet man, dass sie sich auch um 1 Uhr nachts aus dem Bett pellen. Wenn es ein Fehlalarm war, dann sind sie nach einer halben oder Dreiviertelstunde wieder zu Hause.

Was geschieht, wenn zu wenig Feuerwehrleute nach einem Alarm auf der Wache erscheinen?

Wenn das Löschfahrzeug nach einem Alarm in der Fahrzeughalle noch auf weitere Kräfte wartet, diese aber nicht kommen, muss es unterbesetzt ausrücken. Dann fehlen schnell drei, vier Minuten; also es fehlt Personal und Zeit. Ein Löschzug hat 22 Leute, und die Stärke wird für den kritischen Wohnungsbrand auch gebraucht.

Warum?

Besonders wichtig ist dabei, dass für die im Feuer eingesetzten Kameraden andere draußen stehen und sofort eingreifen können, sollte es zu einem Notfall kommen. Für zwei Leute, die ins Feuer gehen, müssen sich zwei andere bereithalten. Es ist eine ganz andere Lage, ob ein Papiercontainer oder ein Auto brennt; aber wenn bei dem angenommenen „kritischen Wohnungsbrand“ zu wenig Kräfte an der Einsatzstelle sind, und eventuell der Rettungstrupp fehlt, dann ist das ein hohes Risiko für die im Feuer bei der Brandbekämpfung eingesetzten Kräfte. Zum Glück ist bisher nichts passiert.

Dass nicht sofort genug Feuerwehrleute losfahren, hat aber doch viele Gründe...

Veränderungen in der Berufswelt, Familiengründung und vieles andere mehr...

Was halten Sie davon, wenn das hauptamtliche Personal aufgestockt werden soll?

Natürlich ist es gut, dass die Feuerwehr mehr hauptamtliches Personal bekommen soll. Sieben Stellen mehr werden im neuen Brandschutzbedarfsplan gefordert. Das wird den Bürger rund 530.000 Euro kosten – löst aber nicht das gesamte Problem.

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Was sollte noch gemacht werden?

Die Arbeitgeber in Kamen anschreiben: Guten Tag, Firma Vahle, hallo Firma Ikea, wir haben ein Problem. Arbeiten bei Ihnen freiwillige Feuerwehrleute und würden Sie diese vielleicht für Einsätze in Kamen während der Arbeitszeit freistellen? Dafür kann sogar eine Auszeichnung des Landesfeuerwehrverbandes verliehen werden.

Wenn es stimmt, dass einigen Feuerwehrleuten nachts die Motivation fehlt, was kann helfen?

Auch über eine finanzielle Vergütung kann nachgedacht werden, so wie es Städte im Sauerland praktizieren.

Wie riskant ist es eigentlich, wenn die Feuerwehr das Schutzziel nicht erreicht?

Es entspricht der Lebenserfahrung, dass mit der Entstehung eines Feuers jederzeit gerechnet werden muss. Aber es entspricht auch der Lebenserfahrung, dass es irgendwann mal daneben geht. Hoffentlich dauert dieser Zeitraum noch lange an.

Manche Bürger beschweren sich über zu viel Tatütata, und Feuerwehrleute beklagen oft zu wenig Anerkennung. Fühlen Sie sich von Bürgern überhaupt bei der Arbeit als Feuerwehrmitglied geschätzt?

Feuerwehr ist ein Knochenjob geworden. Viel Fachwissen muss in zahlreichen Lehrgängen erworben werden; hohe Motivation, viel Idealismus und Engagement, die Unterstützung durch die Familie ist unerlässlich. Ein Dankeschön von den Bürgern bekommt man selten. Die Arbeit der Feuerwehr, der Freiwilligen Feuerwehr, wird als selbstverständlich hingenommen. Feuerwehr ist Mädchen für alles. Dass die Freiwillige Feuerwehr das alles freiwillig und zu jeder Tages- und Nachtzeit macht, 365 Tage im Jahr hilft, egal bei welchem Wetter, das wird zu oft übersehen.

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