Petra Reski schreibt seit mehreren Jahrzehnten über die Mafia. Ausgangspunkt dafür war eine Fahrt nach Corleone, als sie erst 20 Jahre alt war. © Paul Schirnhofer
Petra Reski

Mafia unter uns: „Man glaubt hier immer noch, dass Mafiosi in Blutrache verstrickt sind“

Petra Reski legt ein neues Buch vor, das nicht über die Mafia handelt. Sie sagt zur aktuellen Mafia-Diskussion: Viel Geld aus der italienischen „Entführungs-Industrie“ wird hier reingewaschen.

Die Mafia in Deutschland. Die Mafia unter uns. Selten zuvor wie in diesen Tagen waren jene Verbrecherorganisationen, die unter diesen Namen zusammengefasst sind, Thema in Deutschland. Wie die neapolitanische Camorra oder die kalabrische Ndrangheta – Berichte in überregionalen Zeitungen, Reportagen im Fernsehen über üble Machenschaften der Kriminellen, deren Aktivitäten längst auch Ostdeutschland erreicht haben.

Petra Reski, Autorin mit Kamener Wurzeln, berichtete bei einer Videokonferenz über ihre Recherchen zum Thema Mafia.
Petra Reski, Autorin mit Kamener Wurzeln, berichtete jetzt bei einer Videokonferenz über ihre Recherchen zum Thema Mafia. © Shobha © Shobha

Reski meldet sich per Videokonferenz aus Venedig

Für Petra Reski, Autorin mit Kamener Wurzeln, ist das nicht neu. Bereits 1989 schrieb Petra Reski zum ersten Mal über die Mafia, als sie als Journalistin nach Sizilien reiste. „Die Medien haben sich damals nicht gerade um die Berichte gerissen“, so die 62-jährige Wahl-Venezianerin, als sie sich jetzt per Videokonferenz aus Venedig zu dem Thema in Kamen meldete. „Es hat wenig Widerhall gegeben“, sagte sie vor etwa 80 Teilnehmern eines Gesprächsabends, den der Rotary Club Kamen organisierte.

Jetzt legt sie ein neues Buch vor, in dem indes die Mafia nicht die Hauptrolle spielt. Es heißt „Als ich einmal in den Canal Grande fiel“, handelt über ihre Wahl-Heimat Venedig und erscheint in der kommenden Woche im Droemer Verlag.

Petra Reski, hier in der Freiherr-von-Stein-Schule in Bergkamen, bei einer Lesung. © Stefan Milk © Stefan Milk

Unsichtbares Band, das Reski zur Mafia führt

Dass sich Reski seit ihrer Jugend für die Mafia interessiert, hat mit ihrer eigenen Lebensgeschichte zu tun. Als ihr Vater starb und die Mutter nach Auffassung der Familie nicht lange genug trauerte, wurde diese verstoßen. Reski litt unter einem „amoralischen Familismus“, wie sie sagt. Ein Prinzip, das auch die Sozialstruktur der Mafia prägt; ein unsichtbares Band als Verknüpfung beider Welten; Reskis eigener und jener der Mafia.

Reski verband beide Welten, als sie mit 20 Jahren in ihrem R4 von Kamen nach Corleone binnen vier Tagen fuhr, ihr erster Italien-Aufenthalt. Sie erlebte dabei nichts von der Mafia-Folklore, die sie erwartet hatte. Aber sie recherchierte tiefer und tiefer – und wurde die Mafia-Expertin, die sie heute ist. 2010 veröffentlichte sie das Buch „Von Kamen nach Corleone“. Darin beschrieb sie, wie gut sich die Mafia in Deutschland eingerichtet hat und wie die Politik diese Tatsache ignoriert.

Geschäfte in Deutschland bleiben unbehelligt

Nichts daran hat sich geändert, so ihre Analyse der aktuellen Situation. Die Mafia schätze an Deutschland die Stabilität, den Wohlstand und die Tatsache, noch immer unterschätzt zu werden. „Während die deutsche Öffentlichkeit immer noch glaubt, dass die Mafiosi sich vor allem in Blutrache verstricken, handeln die Bosse mit Bitcoins und Aktienbeteiligungen. Und können ihr Glück nicht fassen, in Deutschland so unbehelligt ihre Geschäfte machen zu können, weil die Gesetze ihnen so gesonnen sind.“

Geschäfte machen heißt vor allem: Geldwäsche über Restaurants und Pizzerien, aber auch über immer mehr mittelständische Betriebe, die aufgekauft werden, um das illegale Geld zurück in den regulären Finanzkreislauf zu bringen und in Italien zu reinvestieren – beispielsweise in Hotels. Das heißt aber auch: In Deutschland den Ball flach halten, keine Gewaltverbrechen, um den Ermittlungsdruck gering zu halten.

Die Entführungs-Industrie der Mafia

Das Geld, so Reski, stamme unter anderem aus dem Drogenhandel und der „Entführungs-Industrie“ in Italien, Summen die nach Schätzungen von Beobachtern jährlich dreistellige Milliardenbeträge erreichen. Für ihr Buch über die Mafia in Deutschland, so Reski, habe sie etliche Interviews geführt und musste später selbst Gerichtsverfahren durchmachen, weil gegen ihre Behauptungen mit einstweiligen Verfügungen vorgegangen wurde. Einige Passagen in einem ihrer Bücher sind deswegen geschwärzt. Es gebe keine Mafia in Deutschland, es gebe hier keine Geldwäsche, habe es ihr gegenüber oftmals gelautet. Aber sie wollte immer darüber schreiben, „was hier wirklich abgeht“.

Seit 30 Jahren leben im Mafia-Land

Seit 30 Jahren wohnt Reski nun in Italien, mitten im Mafia-Land. Und fühlt sich nicht durch ihre kritische Arbeit bedroht. Tatsächlich nicht, sagt sie. Nicht in Italien und nicht in Venedig, wo sie bewundert werde für ihren Einsatz. Bedroht worden sie sie vielmehr in Deutschland. Dort, wo die Mafia ist – unter uns.

Über den Autor
Redaktion Kamen
Jahrgang 1968, aufgewachsen in mehreren Heimaten in der Spannbreite zwischen Nettelkamp (290 Einwohner) und Berlin (3,5 Mio. Einwohner). Mit 15 Jahren erste Texte für den Lokalsport, noch vor dem Führerschein-Alter ab 1985 als freier Mitarbeiter radelnd unterwegs für Holzwickede, Fröndenberg und Unna. Ab 1990 Volontariat, dann Redakteur der Mantelredaktion und nebenbei Studium der Journalistik in Dortmund. Seit 2001 in Kamen. Immer im Such- und Erzählmodus für spannende Geschichten.
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Carsten Janecke
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