Zum Sommerfest mit Björn Höcke: AfD-Leute aus dem Kreis Unna posieren mit dem Politiker, der vom Verfassungsschutz als rechtsextremistische Führungsfigur bezeichnet wird. Kreissprecher Peter Knepper findet nichts dabei.

Kreis Unna

, 07.09.2020, 12:46 Uhr / Lesedauer: 3 min

Im Machtkampf bei der AfD im Kreis Unna wird diese Woche die nächste Runde eingeläutet. Die Mitglieder sind aufgerufen, einen neuen Kreissprecher zu wählen, nachdem Michael Schild, 59, aus Fröndenberg infolge seiner gescheiterten Kreistagskandidatur zurückgetreten war. Danach folgte bekanntlich ein beispielloses Drama: Die AfD schoss sich durch das Zurückziehen ihrer eigenen Reserveliste für den Kreistag selbst ins Knie.

Peter Knepper, 57, aus Kamen führt die AfD seitdem kommissarisch als Kreissprecher auf Abruf und hat sich jetzt erstmals öffentlich zu den Turbulenzen geäußert. Schild sei „heulend vom Pferd gefallen“ und habe „die Brocken hingeworfen“, nachdem er bei der Wahl für den Listenplatz 2 durchgefallen war, meint er. Am kommenden Donnerstag sollen die Mitglieder nun einen neuen Kreissprecher wählen sowie weitere Vorstandsämter besetzen, da unter anderem Gerd Sauer aus Schwerte ebenfalls zurücktrat. „Wir sind uns noch nicht einig, wie es jetzt weitergeht“, sagte Knepper am Sonntag im Telefongespräch mit der Redaktion – im Beisein von Kreisvize Ulrich Lehmann, 50, aus Kamen und dem als neuen Pressesprecher vorgestellten Hans-Otto Dinse, 69, aus Schwerte.

Nach dem Drama um die Reserveliste

Nach Schilds Rücktritt hatte der Bezirksvorstand, dem Schild angehört, die AfD-Reserveliste für den Unnaer Kreistag beim Wahlleiter zurückgezogen und damit einen möglichen Einzug der nationalradikalen Partei in das Parlament praktisch verhindert. Die Begründung: Die Liste stelle eine Gefahr für die AfD dar, weil einige Kandidaten darauf dem von Björn Höcke und Andreas Kalbitz begründeten, inzwischen offiziell aufgelösten rechtsradikalen „Flügel“ nahestehen. Die Rede war von „Hardcore-Flüglern“.

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Ein Kreissprecher auf Abruf

Peter Knepper, 57, steht ganz oben auf der angekreideten Reserveliste für den Kreistag, die nun nach gescheitertem Einspruch beim Landeswahlleiter nicht mehr zum Zuge kommen wird. Knepper weist ebenso wie Dinse die Einstufung „Hardcore-Flügler“ zurück und antwortet auf die Frage, wie er seine politische Einstellung bezeichnen würde: „Liberal-konservativ“. Der ehemalige Bergmann, der 2012 in den vorzeitigen Ruhestand ging, gehört der IGBCE an und trat 2018 der AfD bei. Was ihn dazu bewog? „Der permanente Rechtsbruch von CDU und SPD, die nicht zur Verantwortung gezogen werden“, sagt er unter Rückgriff auf die umstrittene These, dass der massive Flüchtlingszuzug ab 2015 illegal gewesen sein soll. Über Knepper und dem ehemaligen AfD-Vorstand Sauer ist dokumentiert, dass sie bei Facebook das Foto einer Flüchtlingsrettung durch die türkische Küstenwache im Mittelmeer spöttisch kommentierten.

Die AfD steht vor der Nachwahl des Vorstands – hier Kreisvize Ulrich Lehmann, Kreissprecher Peter Knepper und Pressesprecher  Hans-Otto Dinse (v.l.).

Die AfD steht vor der Nachwahl des Vorstands – hier Kreisvize Ulrich Lehmann, Kreissprecher Peter Knepper und Pressesprecher Hans-Otto Dinse (v.l.). © privat

Treffen mit Björn Höcke bei „patriotischem Sommerfest“

Wie er zur „Flügel“-Galionsfigur Björn Höcke steht, ist Knepper nicht zu entlocken. Fotos zeigen, dass Knepper trotz der Einstufung Höckes durch den Verfassungsschutz als „rechtsextremistische Führungsperson“ keinen Grund sieht, auf Abstand zu gehen. Gemeinsam mit seiner Frau Sabine sowie den Eheleuten Brigitte und Hans-Otto Dinse besuchte Knepper am 22. August das „6. Patriotische Sommerfest“ der AfD Kreis Northeim, wo laut Ankündigung AfD-Mandatsträger aus mindestens acht Bundesländern erwartet wurden. Nach dem Treffen postete Hans-Otto Dinse bei Facebook Fotos, auf denen die vier Gäste aus dem Kreis Unna in einer Runde mit Björn Höcke zusammenstehen. Sabine Knepper, 51, kandidiert ebenso wie ihr Mann Peter für den Kreistag und den Kamener Stadtrat. Brigitte und Hans Otto-Dinse kandidieren für den Kreistag – mangels Reserveliste als Direktkandidaten.

Das Patriotische Sommerfest der AfD Kreis Northeim mit Gästen auch aus dem Kreis Unna fand am 22. August in Niedersachsen statt.

Das Patriotische Sommerfest der AfD Kreis Northeim mit Gästen auch aus dem Kreis Unna fand am 22. August in Niedersachsen statt – in der Mitte Björn Höcke. © Stefan Milk

Bloß eine Wurst gegessen

Auf die Frage nach Gesprächen, die er bei dem Sommerfest führte und ob der Machtkampf bei der AfD Kreis Unna ein Thema war, antwortet Knepper: „Das war eine private Veranstaltung. Wem ich wo was erzählt habe, ist meine Privatsache. Man hat eine Wurst gegessen und Fotos gemacht, fertig.“ Ebenfalls beim Sommerfest dabei laut Dinses Fotos: der Bundestagsabgeordnete Stephan Brandner, der wegen provokanter und menschenverachtender Sprüche als Vorsitzender des Rechtsausschusses abgewählt worden war. Und auch der ultrarechte AfD-Politiker Theo Gottschalk aus Kerpen. Der Mitbegründer der „Juden in der AfD“ wurde wegen eines Chats mit Nationalsozialismus relativierenden Inhalten mit einem Parteiausschlussverfahren konfrontiert.

Keine Distanzierung von Höcke

War bei dem Treffen nur die Bratwust braun? Björn Höcke verbreitet bekanntlich Verschwörungsmythen wie den „Volkstod durch Bevölkerungsaustausch“, pflegt eine an die Nazis erinnernde Rhetorik und empfiehlt eine Politik der „wohltemperierten Grausamkeit“. Was Kreissprecher Knepper von solchen Aussagen hält, sagt er nicht. Dafür spricht Hans-Otto Dinse. „Wir stehen zu unseren Parteifreunden, so lange wie sie sich an das Grundgesetz halten. Es gibt nichts, wovon wir uns distanzieren müssen.“

„Die Positionen des ‚Flügel‘ sind nicht mit dem Grundgesetz vereinbar“, sagte Thomas Haldenwang, Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz, Anfang 2020.

„Die Positionen des ‚Flügel‘ sind nicht mit dem Grundgesetz vereinbar“, sagte Thomas Haldenwang, Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz, Anfang 2020. © dpa

Thomas Haldenwang, Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz, sieht das anders. „Die Positionen des ‚Flügel‘ sind nicht mit dem Grundgesetz vereinbar“, sagte er im März bei der Bekanntgabe der Einstufung des „Flügel“ als „gesichert rechtsextremistische Bestrebung“. Der Verfassungsschutz-Chef warnte vor geistigen Brandstiftern, die Feindbilder aufbauten, und Rechtsextremismus, Antisemitismus, Islamfeindlichkeit und Rassismus.

Gern gesehene Gäste

AfD-Vertreter aus dem Kreis Unna in vertrauter Runde beim Klassentreffen mit Björn Höcke: Solche Bilder könnten aus Sicht weniger radikaler Kräfte in der AfD gefährlich sein. Grenzt sich die Partei nicht klar von Rechtsextremen ab, könnte dies als Steilvorlage für den Verfassungsschutz dienen, nicht nur den „Flügel“, sondern die gesamte Partei als rechtsextremistische Bestrebung einzustufen. Das wollen Höcke-Gegner wie Bundessprecher Jörg Meuthen verhindern, und ebenso Michael Schild, der noch stellvertretender Landesvorsitzender ist und dessen Zukunft im Kreisverband vor der Vorstandsnachwahl ungewiss ist. Auf die Fotos angesprochen, sagt Schild, er wundere sich, wer beim patriotischen Sommerfest zu den „gern gesehenen Gästen“ gehöre.

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Knepper und Dinse nehmen Schild seine Distanzierung vom Flügel nicht ab. Schließlich habe auch Schild seinerzeit die Gründungsresolution des „Flügel“ mit unterschrieben. Sie werfen Schild vor, sich „grob parteischädigend“ zu verhalten, weil er jüngst den reichweitenstarken AfD-Facebookauftritt vom Netz nahm. Der Machtkampf bei den Rechtspopulisten und die Erosion des Vorstands dauert an. Am Montag wurde bekannt, dass auch die Vorstandsmitglieder Holger Sitter und Stephan Gorski ihren Rücktritt erklärt haben sollen.

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