Plötzlich ist die Facebook-Seite der AfD Kreis Unna mit über 5800 Fans down. Ein verärgerter Administrator hat den Stecker gezogen. Ex-Kreissprecher Michael Schild setzt seinen Nachfolger unter Druck.

Kreis Unna

, 04.09.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Aus einem Ventil für Wutbürger ist plötzlich die Luft entwichen: Die reichweitenstarke Facebook-Seite „AfD Kreisverband Unna“, die in Spitzenzeiten über 6000 Facebook-Fans aufwies und zuletzt noch rund 5800, ist überraschend aus dem Internet verschwunden. Ausgerechnet kurz vor der Kommunalwahl ist die für die Partei wichtige Werbefläche nicht mehr aufrufbar.

An Facebook liegt es nicht

Der plötzliche Lockdown liegt aber nicht daran, dass Facebook die Plattform wegen der dort nicht seltenen verbalen Entgleisungen in den Kommentarspalten gesperrt hätte.

Die AfD hat sich sozusagen selbst abgeschaltet: Michael Schild aus Fröndenberg, kürzlich zurückgetretener AfD-Kreissprecher und Administrator der Facebookseite, hat nach eigenen Angaben den Stecker gezogen.

Schild teilt auf der Seite seit Jahren verschiedene Beiträge, die unter anderem von AfD-Verbänden, von AfD-Landes- und Bundespolitikern sowie von diversen Medien und Blogs stammen. Die Inhalte sind meist typische Reizthemen, zum Beispiel zur Flüchtlings- und Klimapolitik.

In den Kommentarspalten geht es oft hoch her – das reicht von typischen Rechtspopulisten-Vokabeln wie „Systempresse“ und „Merkel-Diktatur“ bis hin zu rassistischen Beleidigungen und gewaltverherrlichenden Aufrufen. Eine Moderation, die eine hohe politische Diskussionskultur pflegt, ist nicht zu erkennen. Stimmungsmache gegen Migranten, Muslime und politisch Andersdenkende ist verbreitet.

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Tiefpunkt der Diskussionskultur

Eines von vielen gut dokumentierten Beispielen für solche Grenzüberschreitungen stammt aus dem Herbst 2019: Auf der Seite „AfD Kreisverband Unna“ wird ein Artikel von „welt.de“ geteilt, den die Zeitung mit einem Foto von Donald Trump und der Überschrift „Donald Trump verspottet Greta Thunberg“ versehen hat. Ein Administrator moderiert den Beitrag an: „Verspottet reicht nicht...“ Das stachelt dann Fans der Seite an, über die Klimaaktivistin herzuziehen. Silvio G. schreibt: „Wenn das Balg tobt, machen wir alles richtig !!!! Sperrt die in eine geschlossene Psychiatrie. Trump wird mir immer sympathischer.“ Jürgen N. schreibt: „Irgendwann wird Einer kommen und die Greta so richtig durchnudeln... Nötig hätte sie das.. Heißt ja nicht umsonst die Sch... ausm Hirn f....“ Und Jürgen B. ergänzt: „Was Labert Greta Hackfresse für ein Müll“. Der Beitrag von Jürgen N. wird später von Facebook gelöscht, weil er gegen die Facebook-Gemeinschaftsstandards verstößt.

Ausfall eines rechtspopulistischen Senders

Daumen hoch: AfD-Kritiker können über den Ausfall eines lautstarken rechtspopulistischen Senders triumphieren. Aber welchen Sinn es ergibt, die bei den Anhängern erfolgreiche Facebook-Seite mitten im Wahlkampf auszublenden, erschließt sich für Außenstehende zunächst nicht. Ex-Kreissprecher Schild führte die Seite wie einen offiziellen Facebook-Auftritt der Partei, beruft sich aber darauf, dass er sie als privates Projekt betreut habe und dass es seine alleinige Entscheidung war, sie vom Netz zu nehmen. Er sei aber bereit, die Seite dem neuen Vorstand zu übertragen, wenn die „Rahmenbedingungen stimmen“.

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Faustpfand gegen Flügel-Sympathisanten

Damit deutet Schild an, dass er das Passwort der Fanseite nun als eine Art Faustpfand im parteiinternen Machtkampf in den Händen hält. Im Kreisverband tobt ein Richtungsstreit: auf der einen Seite die sogenannten gemäßigten, das heißt weniger radikalen Kräfte aus Anhängern des Bundesvorsitzenden Jörg Meuthen – dazu wird Schild gezählt. Und auf der anderen Seite Sympathisanten des als rechtsradikal eingestuften „Flügels“, darunter der neue Kreissprecher Peter Knepper und die Eheleute Hans-Otto und Brigitte Dinse aus Schwerte. Schild will offenbar verhindern, dass die Facebook-Seite künftig von denen administriert wird, die mit Flügel-Gründer und Rechtsaußen Björn Höcke auf Fotos posieren.

Ex-Kreissprecher Michael Schild deutet an, dass er das Passwort der Fanseite nun als eine Art Faustpfand im parteiinternen Machtkampf in den Händen hält.

Ex-Kreissprecher Michael Schild deutet an, dass er das Passwort der Fanseite nun als eine Art Faustpfand im parteiinternen Machtkampf in den Händen hält. © Stefan Milk/Archiv

Ärger über Einfluss von Flügel-Leuten

Schild war als Kreissprecher aus Verärgerung darüber zurückgetreten, dass er bei der Aufstellung der achtköpfigen Reserveliste für den Kreistag überraschend durchfiel; statt Schild auf Platz 2 wählten die Mitglieder Ulrich Lehmann aus Kamen. Zur Nummer 1 wurde Peter Knepper, zur Nummer 3 Brigitte Dinse.

Später kassierte der Bezirksvorstand, dem Schild ebenso wie dem NRW-Landesvorstand angehört, die Reserveliste ein – mutmaßlich wegen einer parteischädigenden Nähe der Spitzenleute zum inzwischen offiziell aufgelösten „Flügel“. Ohne gültige Reserveliste ist ein Einzug der AfD in den Unnaer Kreistag nun unwahrscheinlich. Daneben kandidiert die AfD noch für die Stadträte in Kamen, Schwerte und Lünen.

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Kreissprecher Peter Knepper schweigt

Ob die Facebookseite in der Versenkung bleibt oder noch eine Auferstehung erlebt, bleibt abzuwarten. Der neue Kreissprecher Peter Knepper, der auch für den Kamener Stadtrat kandidiert, schweigt zu der Angelegenheit. Er ließ sowohl eine schriftliche Anfrage als auch mehrere Anrufe unbeantwortet.

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