Löcher in der Fassade, morsche Holzbalken und überall tropfendes Wasser. Das Haus an der Kirchstraße bietet beim Rundgang abenteuerliche Anblicke. Die Eigentümerin zeigt, wie baufällig es ist.

Kamen

, 03.03.2020, 14:45 Uhr / Lesedauer: 3 min

Ein beißender Geruch von Schimmel und Moder legt sich auf die Atemwege, wenn man das Fachwerkhaus an der Kirchstraße 10 betritt.

Jenes Haus, das in den vergangenen Jahren Gegenstand eines jahrelangen juristischen Streits war, bei dem die Stadtverwaltung nun eine Niederlage erlitt. Sie muss der Eigentümerin die jahrelang verweigerte Abrissgenehmigung erteilen, wie das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen am 10. Dezember urteilte.

Das Haus, das als Abrisshaus veräußert wurde, war erst nach dem Erwerb unter Denkmalschutz gestellt worden, ohne dass zuvor ersichtlich war, dass es sich um ein schützenswertes Haus handeln könnte, so die Richter. Der Erhalt des Hauses, beziffert mit Investitionskosten von ca 600.000 Euro, sei wirtschaftlich nicht zumutbar.

Löcher in Fassade, morsche Holzbalken und überall tropfendes Wasser. Das Haus an der Kirchstraße bietet beim Rundgang abenteuerliche Anblicke. Die Eigentümerin zeigt, wie baufällig es ist.

Reichlich Unrat rechts und links des Flures, der durch den Altbau führt. Von dort aus geht es in diverse Anbauten und in die Obergeschosse. © Marcel Drawe

„Wollen Sie das dieser Familie noch weiter antun?

Wie es in dem alten Haus, das in der Häuserzeile zwischen Stadtbücherei und Verbraucherzentrale steht, im Inneren aussieht, zeigen nun die Eigentümer unserer Redaktion.

Die Kamenerin will nach der jahrelangen Belastung durch das Gerichtsverfahren namentlich ungenannt bleiben. Sie will aber zeigen, wie schlecht es um das Haus steht und warum Denkmalschutz hier nicht mehr möglich ist. „Das Haus lebt“, sagt sie mit Verweis auf die Schimmelkulturen. Und auf Wasser, das die Wände hinunter läuft und auf Tauben, die sich im teils offen liegenden Dachstuhl eingenistet haben.

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Das Haus an der Kirchstraße

Löcher in der Fassade, morsche Holzbalken und überall tropfendes Wasser. Das Haus an der Kirchstraße bietet beim Rundgang abenteuerliche Anblicke. Die Eigentümerin zeigt, wie baufällig es ist.
03.03.2020
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Ein beißender Geruch von Schimmel und Moder legt sich auf die Atemwege, wenn man das Fachwerkhaus an der Kirchstraße 10 betritt.© Marcel Drawe
Vermoderte Holzbalken aus dem Ständerwerk des Fachwerkhauses. Das Gefache ist teilweise gemauert, teilweise mit Zement ausgefüllt.© Marcel Drawe
Die Wand, die sich schon rund nach außen wölbt, wirkt nicht gerade standsicher. Akute Einsturzgefahr besteht aber offenbar nicht. © Marcel Drawe
Schon im Flur wird deutlich, in welchem Zustand das Haus an der Kirchstraße ist. Auf den Tapeten wachsen Schimmelkulturen, die Decken und Wände sind nass.© Marcel Drawe
Alte Balken, die vom Denkmalamt als schutzwürdig eingestuft wurden.© Marcel Drawe
Zahlreiche Elemente aus unterschiedlicher Zeit sind in die Fachwerkfassade gebaut worden.© Marcel Drawe
Der Blick auf das Hinterhaus.© Marcel Drawe
Der Garten ist verwildert.© Marcel Drawe
Wie es in dem alten Haus, das in der Häuserzeile zwischen Stadtbücherei und Verbraucherzentrale steht, im Inneren aussieht, zeigen nun die Eigentümer unserer Redaktion.© Marcel Drawe
Nach einem Gewirr von Gängen dann ein erster Raum, der tatsächlich bewohnbar erscheint. Bis vor zehn Jahren hat dort ein älterer Herr gewohnt. © Marcel Drawe
Im Zwischengeschoss sind die Decken niedrig.© Marcel Drawe
Neben dem Wohnzimmer ein Raum, in dem man den Kopf noch mehr einziehen muss. Auf Knien rutschend, so könnte man hier leben.© Marcel Drawe
Eine Art innerer Abbruch hat schon stattgefunden.© Marcel Drawe
In einigen Räumen ist die Decke durchbrochen, hinauf zum Dachboden, wo der Blick an den schrägen Dachbalken hängen bleibt.© Marcel Drawe
Aus dem unfertigen Mauerwerk ragen Ziegel, Latten und Balken. Es wirkt wie ein Abbruchhaus im Abbruchhaus. © Marcel Drawe
Aus dem Dachboden wächst ein Raum (links), der aus dem niedrigen Zwischengeschoss hochgemauert wurde.© Marcel Drawe
Auch auf dem Dachboden ist nur Verfall zu sehen.© Marcel Drawe
Die Decken des Flurs, total durchfeuchtet. Tapetenfetzen, von schwarzbraunem Schimmel durchsetzt, hängen wie Bartflechten von den Wänden.© Marcel Drawe
Aus dem Fenster ist das Nachbargebäude zu sehen.© Marcel Drawe
​Ein früherer Nachbar an der Kirchstraße nutzte das Haus, um allerlei Ausgemustertes – bis hin zum Unrat – abzustellen.© Marcel Drawe
Vorbei geht es an einem Durcheinander von ausgemusterten Wäscheständern, alten Farbeimern, ausgetrockneten Silikontuben, die dem Durchgang einen Müllhaldencharakter verleihen.© Marcel Drawe
Unwirtlicher Eingangsbereich des Hauses an der Kirchstraße.© Marcel Drawe

Das Verfahren, das sich über vier Jahre zog, habe immer mehr auf die Gemütslage gedrückt, je länger es gedauert habe. „Wir waren total am Ende.“ Das hätte auch der Richter der sechsten Gerichtskammer in der ca. fünfstündigen Verhandlung in Gelsenkirchen erkannt. Seine Frage an die Vertreter der Stadt sei gewesen: „Wollen Sie das der Familie noch weiter antun? Wer von Ihnen würde 600.000 Euro in dieses Gebäude investieren?“

Löcher in Fassade, morsche Holzbalken und überall tropfendes Wasser. Das Haus an der Kirchstraße bietet beim Rundgang abenteuerliche Anblicke. Die Eigentümerin zeigt, wie baufällig es ist.

Schöner Ausblick an der Kirchstraße: Das Fenster zum Nachbarhaus ist zugemauert. © Marcel Drawe

Tapetenfetzen, die sich von den Wänden lösen

Die wirtschaftliche Zumutbarkeit, dieses Gebäude zu erhalten, war ein entscheidender Grund, warum die Eigentümerin den Prozess gewonnen hat. Wer schon einige Meter durch den Flur gegangen ist, erahnt warum, auch wenn er kein Baufachmann ist oder in Denkmalschutzfragen geschult.

Die Decken des Flurs, total durchfeuchtet. Tapetenfetzen, von schwarzbraunem Schimmel durchsetzt, hängen wie Bartflechten von den Wänden. Wie Totholz wirkende Balken bröckeln, wenn man sie leicht berührt. „Seit zehn Jahren steht das Haus leer. Seitdem verfällt es Stück für Stück“, sagt die Kamenerin, die an der Stelle einen Neubau plant. Als vor etwa fünf Jahren bekannt wurde, dass das Haus verkauft werden soll, „erschien uns das wie ein Glücksgriff“. Weil die Familie in der Nähe wohnte und der Ort sehr vertraut war.

Der Glücksgriff erwies sich dann als Fehlgriff, der sie vielmehr ins Pech zog. Die Abrissgenehmigung, um die sie am 28. Dezember 2015 bat, blieb aus. Dann der Schock: Am 7. März 2017 trug die Stadt Kamen das Fachwerkhaus in die Denkmalliste ein.

Löcher in Fassade, morsche Holzbalken und überall tropfendes Wasser. Das Haus an der Kirchstraße bietet beim Rundgang abenteuerliche Anblicke. Die Eigentümerin zeigt, wie baufällig es ist.

Vermoderte Holzbalken aus dem Ständerwerk des Fachwerkhauses. Das Gefache ist teilweise gemauert, teilweise mit Zement ausgefüllt. © Marcel Drawe

Ziegelsteine, die sich aus der Wand lösen: Würfelbruch

Ein früherer Nachbar an der Kirchstraße nutzte das Haus, um allerlei Ausgemustertes – bis hin zum Unrat – abzustellen. Vorbei geht es an einem Durcheinander von ausgemusterten Wäscheständern, alten Farbeimern, ausgetrockneten Silikontuben, die dem Durchgang einen Müllhaldencharakter verleihen.

Das ist freilich für Fragen des Denkmalschutzes nicht relevant – der bauliche Zustand umso mehr: Linker Hand ist ein großes Loch in der Ziegelsteinwand, das den Blick frei gibt in den Garten. „Das ist sogenannter Würfelbruch“, so die Eigentümerin. „Die Ziegelsteine haben sich aus der Wand gelöst. Ein untrügliches Zeichen, dass dieses Haus am Ende ist.“

In der Tat: Die Wand, die sich schon rund nach außen wölbt, wirkt nicht gerade standsicher. Akute Einsturzgefahr besteht aber offenbar nicht. Denn jetzt geht es die Treppe hinauf ins Zwischengeschoss. Vorsichtig, Schritt für Schritt. Sicher wirkt das nicht.

Löcher in Fassade, morsche Holzbalken und überall tropfendes Wasser. Das Haus an der Kirchstraße bietet beim Rundgang abenteuerliche Anblicke. Die Eigentümerin zeigt, wie baufällig es ist.

Ein Raum, der noch bewohnbar erscheint. Das holzvertäfelte Zimmer befindet sich im Zwischengeschoss mit sehr niedrigen Decken. © Marcel Drawe

Niedrige Decken: Man kann nur gebückt gehen

Es wird interessant dort oben. Die Deckenhöhe, vielleicht 1,60 Meter hoch, ist so niedrig, dass man nur gebückt gehen kann. Nach einem Gewirr von Gängen dann ein erster Raum, der tatsächlich bewohnbar erscheint. Bis vor zehn Jahren hat dort ein älterer Herr gewohnt. Aus dem holzvertäfelten Wohnzimmer fällt der Blick hinunter in den rückwärtig gelegenen Garten, der wie ein Urwald aussieht. Neben dem Wohnzimmer ein Raum, in dem man den Kopf noch mehr einziehen muss. Auf Knien rutschend, so könnte man hier leben.

Löcher in Fassade, morsche Holzbalken und überall tropfendes Wasser. Das Haus an der Kirchstraße bietet beim Rundgang abenteuerliche Anblicke. Die Eigentümerin zeigt, wie baufällig es ist.

In der Kammer neben dem Wohnzimmer ist aufrechtes Stehen nicht möglich. Wer aus dem Fenster gucken möchte, muss sich setzen. © Marcel Drawe

Aus unfertigem Mauerwerk ragen Ziegel, Latten und Balken

Das wollten nicht alle Bewohner, die dort zuletzt lebten. In einigen Räumen ist die Decke durchbrochen, hinauf zum Dachboden, wo der Blick an den schrägen Dachbalken hängen bleibt.

Ein Ende haben die Durchbrucharbeiten nie gefunden. Aus dem unfertigen Mauerwerk ragen Ziegel, Latten und Balken. Es wirkt wie ein Abbruchhaus im Abbruchhaus. Ein Ende gefunden hat immerhin nun die Ungewissheit, wie es an dem Standort weiter geht. Der Abriss ist nicht mehr fern.

Löcher in Fassade, morsche Holzbalken und überall tropfendes Wasser. Das Haus an der Kirchstraße bietet beim Rundgang abenteuerliche Anblicke. Die Eigentümerin zeigt, wie baufällig es ist.

Brachialer Ausbruch aus dem Zwischengeschoss mit den niedrigen Decken. Weil man dort nicht aufrecht stehen konnte, gab es einen nie vollendeten Durchbruch zum Dachboden. © Marcel Drawe

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