Eine große Lkw-Kontrolle führte die Kreispolizei Unna am Mittwoch an der A2 durch. Es ging vor allem darum, ob die Fahrer ihre Pausen einhalten. Doch manchmal haben sie gar keine Wahl.

Kreis Unna

, 15.07.2020, 17:08 Uhr / Lesedauer: 4 min

Sie dürfen den angehängten Wohnwagen nicht mitnehmen“, erklärt die Polizistin dem Fahrer auf Englisch – zum wiederholten Mal. Der will es nicht einsehen. Der Wohnwagen sei doch gar nicht so schwer.

Doch es geht nicht nur um den Wohnwagen, sondern um das Gesamtgewicht: Der Mann ist mit einem Autotransporter unterwegs, auf dessen Ladefläche ein zweiter Wohnwagen steht und an dem eben noch besagter Wohnwagen hängt – dabei hat der Fahrer nur die Führerscheinklasse B, darf also insgesamt nur 3,5 Tonnen bewegen.

Hätte der Mann einen Führerschein BE oder eine zusätzliche Lizenz, wäre es kein Problem. Blöd, dass sein Beifahrer gar keinen Führerschein besitzt und auch nicht weiterhelfen kann. So geht es für ihn am Mittwoch nicht weiter auf der A2, da bleiben die Polizisten bei der Kontrolle auf dem Parkplatz Kolberg kurz hinter dem Kamener Kreuz eisern.

Bei der Kontrolle an der A2 werden auch Bußgelder fällig

Oben drauf muss der Fahrer, der von England aus nach Polen unterwegs ist, 350 Euro Strafe zahlen. Er ist ohne die nötige Fahrerlaubnis unterwegs und dadurch handelt er sich eine Strafanzeige ein, wie Hauptkommissar Harry Schulz erklärt.

„Für ihn bricht gerade eine Welt zusammen“, sagt der erfahrene Polizist mit Blick auf den Mann, der gerade mit dem Kopf am Wohnwagen lehnt und die Situation einfach nicht begreifen will.

Ein Mann, der von Großbritannien nach Polen unterwegs ist, will zwei Wohnwagen transportieren, hat aber nur einen Führerschein der Klasse B. Der zweite Wohnwagen ist zu schwer, das gesamte Gefährt wiegt mehr als die erlaubten 3,5 Tonnen. Genau genommen handelt es sich hierbei um eine Straftat.

Ein Mann, der von Großbritannien nach Polen unterwegs ist, will zwei Wohnwagen transportieren, hat aber nur einen Führerschein der Klasse B. Der zweite Wohnwagen ist zu schwer, das gesamte Gefährt wiegt mehr als die erlaubten 3,5 Tonnen. Genau genommen handelt es sich hierbei um eine Straftat. © Claudia Pott

Schulz führt schon seit rund 40 Jahren solche Kontrollen durch und hat schon vieles miterlebt. Weil der Mann nicht in Deutschland wohne, müsse er die Strafe gleich vor Ort zahlen, erklärt Schulz. Theoretisch hätten die Beamten sogar das Recht, Wertgegenstände mitzunehmen, wenn der Mann nicht zahlen wollen würde oder könne. „Aber das ist mir noch nie passiert“, so Schulz.

Lkw-Kontrolle soll unnötige Unfälle auf Autobahnen verhindern

Generell wirken die Fahrer, die am Mittwoch auf der A2 in Richtung Hannover unterwegs sind und in die Kontrolle geraten, meist kooperativ und entspannt. Die Lkw-Kontrolle läuft am Mittwoch von 8 bis 16 Uhr. Ein Team zieht am laufenden Band Lkw aus dem Verkehr und auf den Parkplatz Kolberg bei Bönen.

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Dort warten die Kollegen der Kreispolizei Unna, Mitarbeiter des Zolls und des Landesamtes für Ausbildung, Fortbildung und Personalangelegenheiten (LAFP). Denn die großangelegte Lkw-Kontrolle dient nicht nur der Sicherheit auf den Autobahnen, sondern auch der Weiterbildung von Polizisten im Bereich Sozialvorschriften durch das LAFP.

Immanuel Noske vom Landesamt für Ausbildung, Fortbildung und Personalangelegenheiten (LAFP) ist ebenfalls vor Ort, denn die Kontrolle ist Teil eines dreiwöchigen Seminar für Polizisten.

Immanuel Noske vom Landesamt für Ausbildung, Fortbildung und Personalangelegenheiten (LAFP) ist ebenfalls vor Ort, denn die Kontrolle ist Teil eines dreiwöchigen Seminar für Polizisten. Noske überprüft mit einem Thermometer die Bremsen. Zeigt das Gerät bei einem Reifen eine deutlich niedrigere Temperatur an als bei den anderen, lässt das auf eine kaputte Bremse schließen. © Claudia Pott

Die Sozialvorschriften waren denn auch Schwerpunkt der Kontrolle am Mittwoch – die Beamten haben also besonders kontrolliert, ob die Lenk- und Ruhezeiten von den Fahrern eingehalten wurden. Wer sie nicht einhält, muss mit hohen Bußgeldern rechnen, erklärt Thomas Stoltefuß, Leiter des Verkehrsdienstes der Kreispolizei Unna. Denn die Nichteinhaltung kann zum Tod von Menschen führen. Wie verheerend es sein kann, wenn ein Lkw-Fahrer, der nicht erholt ist, am Steuer einschläft und zum Beispiel auf ein Stauende auffährt, muss die Polizei viel zu oft erleben.

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Fokus lag auf Lenk- und Ruhezeiten der Lkw-Fahrer

Bei der Kontrolle wurden die Fahrtenschreiber ausgelesen, die die meisten Lkw über 3,5 Tonnen an Bord haben. Sie zeichnen die Fahrzeiten elektronisch auf.

Ein Beamter kontrolliert den Reifen eines Lkw. Die Polizisten gehen sehr genau vor. Besteht der Verdacht, dass etwa die Bremsen nicht mehr in Schuss sind, muss das Fahrzeug von einer TÜV-Stelle kontrolliert werden oder darf gar nicht weiterfahren.

Ein Beamter kontrolliert den Reifen eines Lkw. Die Polizisten gehen sehr genau vor. Besteht der Verdacht, dass etwa die Bremsen nicht mehr in Schuss sind, muss das Fahrzeug von einer TÜV-Stelle kontrolliert werden oder darf gar nicht weiterfahren. © Claudia Pott

Bei Fahrzeugen, die 3,5 Tonnen nicht überschreiten, ist kein Fahrtenschreiber vorgeschrieben. Hier können die Fahrer die Lenkzeiten selbst aufschreiben – was freilich zum Schummeln verlockt, wie Hauptkommissar Immanuel Noske vom LAFP weiß. Noske leitet das dreiwöchige Seminar für die Polizisten und er interessiert sich nicht nur für die Fahrzeuge und die Fahrtenschreiber, sondern auch für die Menschen und ihre Geschichten.

„Da stecken auch immer Schicksale dahinter“, weiß er. Und häufig sind nicht die Fahrer die einzig Schuldigen. Das hat auch ein Fall am Mittwoch deutlich gezeigt.

Ein Fahrer sei ehrlich gewesen und habe den Beamten gesagt, dass er 14 Stunden am Stück gefahren sei.

Auch die Schicksale der Fahrer interessieren die Polizisten

In der Schlafkabine müsse er etwa vier Monate leben, weil er von Rumänien aus in die Niederlande und dann nach Belgien im Kreis fahre. Klimatisiert ist die Schlafkabine nicht, im Sommer knallen dort 30 Grad aufs Blech. Der Mann habe erzählt, dass er 1000 Euro im Monat verdiene, so Noske. Gerate er in eine Polizeikontrolle, würden ihm 100 Euro von seinem Gehalt abgezogen.

Zwei Polizistinnen erklären einer Fahrerin, dass ihr Fahrzeug eine nicht zufriedenstellende Heckmarkierung aufweist.

Zwei Polizistinnen erklären einer Fahrerin, dass ihr Fahrzeug eine nicht zufriedenstellende Heckmarkierung aufweist. © Claudia Pott

Mit dem Wissen, unter welchem Druck der Fahrer steht und wie er von seinem Arbeitgeber behandelt wird, ist für Noske in solchen Fällen eher der Ansatz, an die Unternehmen heranzutreten statt den Fahrer mit einem hohen Bußgeld um eineinhalb Monatsgehälter zu bringen. „Aber nur sofern das gerechtfertigt ist“, sagt Noske.

Gründe dafür, dass Unternehmen riskieren, dass die Fahrer die Lenk- und Pausenzeiten nicht einhalten, weil sie schlicht zu wenig Zeit für die Aufträge haben, seien einerseits Gewinnoptimierung oder die drohende Insolvenz. „Das sind zwei Gründe für die Misere auf unseren Autobahnen“, so Noske.

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Polizisten müssen bei der Kontrolle sehr genau vorgehen

Wie hoch die Strafen sind und wie in den Einzelfällen entschieden wird, gehört zu dem, was er seinen Schülern in dem dreiwöchigen Seminar beibringt. Wer die Prüfung nicht bestehe, dem wird davon abgeraten, solche Kontrollen durchzuführen. Denn wer etwa einen Lkw fälschlicherweise aus dem Verkehr zieht, kann eine Klage des Unternehmens provozieren. Denn die machten durch solche Ausfälle hohe Verluste, erklärt Noske.

Auf dem Parkplatz Kolberg an der A2 in Richtung Hannover ist am Mittwoch viel los. Der Grund: Umfangreiche LKW-Kontrollen der Kreispolizeibehörde Unna, gemeinsam mit dem Landesamt für Ausbildung, Fortbildung und Personalangelegenheiten (LAFP) sowie dem Zoll.

Auf dem Parkplatz Kolberg an der A2 in Richtung Hannover ist am Mittwoch viel los. Der Grund: Umfangreiche Lkw-Kontrollen der Kreispolizeibehörde Unna, gemeinsam mit dem Landesamt für Ausbildung, Fortbildung und Personalangelegenheiten (LAFP) sowie dem Zoll. © Claudia Pott

Die Polizisten schauen bei der Kontrolle also sehr genau hin, besprechen sich mit ihren Kollegen und schicken die Fahrzeuge wenn nötig direkt zum TÜV, damit dort zum Beispiel die Bremsen überprüft werden.

Die Fahrer lassen die Kontrolle augenscheinlich geduldig über sich ergehen. Eine Fahrerin, die auf dem Weg nach Bad Oeynhausen ist, zeigt sich verständnisvoll. „Die machen ja auch nur ihre Arbeit und es ist ja zum Schutze aller.“

Und auch der Pole mit seinen zwei Wohnwagen findet am Ende sein Lachen wieder. Er hat einen Freund erreicht, der einen entsprechenden Führerschein hat und sein Wohnwagen-Konstrukt nach Polen fahren wird, während er selbst sich an das Steuer des Autos seines Freundes setzen wird. „Ich habe Geld verloren, aber jetzt kann ich lachen. So etwas habe ich wirklich noch nie erlebt!“

KREISPOLIZEI UNNA

ERGEBNIS DER LKW-KONTROLLE

  • Bei der Lkw-Kontrolle an der A2 auf dem Parkplatz Kolberg kontrollierte die Polizei gemeinsam mit dem LAFP und dem Zoll insgesamt 49 Lkw, fast bei jedem zweiten Fahrzeug stellten die Beamten Beanstandungen fest.
  • Die Bilanz: Zwölf Ordnungswidrigkeiten, eine Anzeige wegen Fahrens ohne Fahrerlaubnis, vier Sicherheitsleistungen, fünf Untersagungen der Weiterfahrt, eine Blutprobe (Fahrer stand unter dem Einfluss von Amphetaminen), vier Verwarnungsgelder.
  • Zu den Besonderheiten zählte, dass ein transportierter, ausgebrannter Porsche Cayenne ohne entwertete Originalpapiere auf dem Weg ins Ausland war. Es besteht laut Polizei der Anfangsverdacht der missbräuchlichen Weiterverwendung der Originalfahrgestellnummer.
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