Lisa Sendker führt die Familientradition in der 100 Jahre alten Mühle an der Hammer Straße fort. Danach hatte es zunächst eigentlich nicht ausgesehen, weil sie auch schon für Fernsehsender arbeitete.

von Stefan Milk

06.06.2020, 18:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Nach dem Abitur im Jahr 2013, begann Lisa Sendker in Köln Medien- und Eventmanagement zu studieren. Sie arbeitete neben dem Studium schon bei einem Fernsehsender und konnte sich gut vorstellen, in dieser Branche zu bleiben. Dass es doch ganz anders kommen würde, zeichnete sich dann gegen Ende des Studiums ab.

Video
Müllermeisterin Lisa Sendker

„Meine Bachelorarbeit habe ich über Marketingstrategien für Getreideprodukte geschrieben“, erzählt die Müller-Tochter von der Hammer Straße schmunzelnd. „Ich hatte inzwischen festgestellt, dass die Organisationsstrukturen in einem großen Unternehmen wie einem Fernsehsender nicht das Richtige für mich sind“. Sie entschloss sich nach ihrem Bachelorabschluss, die Familientradition fortzuführen und Müllerin zu werden. So absolvierte sie in Stuttgart und in St. Gallen Ausbildungen zur Müllermeisterin und Technikerin und kehrte 2018 in den Betrieb ihrer Familie zurück.

„Mühlenbetrieb Sendker GmbH“ ist der korrekte Name des 100 Jahre alten Betriebes an der Hammer Straße.

„Mühlenbetrieb Sendker GmbH“ ist der korrekte Name des 100 Jahre alten Betriebes an der Hammer Straße. © Stefan Milk

Gedanken über die Zukunft des Unternehmens gemacht

Vater Dirk Sendker hatte sich schon gelegentlich Gedanken über die Zukunft des Unternehmens gemacht. Schließlich hatten beide Kinder Studien begonnen, die mit dem ehrbaren Müllerhandwerk rein gar nichts zu tun hatten. Seit der Rückkehr seiner Tochter muss sich der 57-Jährige diese Gedanken nicht mehr machen und das freut ihn sichtlich. Schließlich geht es auch um eine lange Familientradition. In diesem Jahr ist die Mühle 100 Jahre alt. Und die Tradition ist an vielen Stellen sichtbar. Auf dem Walzenboden stehen sechs Mahlstöcke, die über 60 Jahre alt sind und über Transmissionsriemen angetrieben werden. Trotz ihres Alters laufen diese mechanischen Wunderwerke klaglos und mahlen 5000 bis 6000 Tonnen Getreide im Jahr. Vorwiegend Roggen, Weizen und Dinkel aus regionaler Herkunft werden hier verarbeitet. „Dabei kann es bis zum fertigen Mehl bis zu vierzehn Mahlgänge, sogenannte Passagen geben“, erläutert Müllermeister Sendker.

In dieser gewaltigen Anlage wird das Mehl gesiebt.

In dieser gewaltigen Anlage wird das Mehl gesiebt. © Stefan Milk

Im deutlichen Kontrast zu den Mahlstöcken steht in einem anderen Teil der Mühle eine Anlage, in der Hochgeschwindigkeitskameras das Getreide scannen. Jedes einzelne Korn, das nicht den hohen Qualitätsansprüchen genügt, wird hier aussortiert. Das Ganze passiert mit extremer Geschwindigkeit und genauso großer Genauigkeit. Eindrucksvoller können Tradition und Moderne in einem Betrieb kaum zusammengehen.

Lisa Sendker bedient eine Maschine, die mit modernsten Hochgeschwindigkeitskameras das Getreide scannt und schadhafte Körner aussortiert.

Lisa Sendker bedient eine Maschine, die mit modernsten Hochgeschwindigkeitskameras das Getreide scannt und schadhafte Körner aussortiert. © Stefan Milk

Eine Menge neue Ideen mit ins Unternehmen gebracht

Dass auch die junge Müllermeisterin eine Menge neue Ideen mit ins Unternehmen gebracht hat, stört Dirk Sendker überhaupt nicht. Im Gegenteil: „Das ist gut so. Auch wir sind in einem ständigen Strukturwandel und müssen uns den Gegebenheiten anpassen.“

Da ist es nur konsequent, dass Lisa Sendker nicht nur neue Produkte entwickelt, sondern auch neue Vermarktungswege erschließt: „Ich habe eigene Brotbackmischungen entwickelt. Das Brot aus dem Glas gibt es in vier Varianten. Man muss nur die Zutaten in eine Schüssel umfüllen, Wasser dazu geben, Rühren und die Masse wieder in das Glas füllen, das man vorher etwas eingefettet hat. Dann wird das Brot im Glas gebacken. Das Glas kann man immer wieder benutzen, ich biete die Mischung auch in Tüten zum Nachfüllen an.“ Seit einem Monat vermarktet die 26-Jährige ihre Produkte im eigenen Online-Shop „brotstoff.de“.

Lisa Sendker hat neben ihrer Arbeit als Müllermeisterin noch einen Online-Shop eröffnet, in dem sie auch ausgefallene Backmischungen anbietet, die sie selbst entwickelt hat.

Lisa Sendker hat neben ihrer Arbeit als Müllermeisterin noch einen Online-Shop eröffnet, in dem sie auch ausgefallene Backmischungen anbietet, die sie selbst entwickelt hat. © Stefan Milk

Mischungen aus heimischen Rohstoffen kommen gut an

Sie hat ordentlich zu tun, ihre Mischungen aus heimischen Rohstoffen kommen gut an. Das liegt vielleicht nicht nur an der Qualität, sondern auch an den witzigen Namen, die sie haben. „Lieblingsknifte“ und „Grüezi ausm Pott“ sind zwei der Brotmischungen. Letztere heißt so, weil neben hiesigem Getreide auch Schweizer Ruchmehl verarbeitet ist, das die Müllermeisterin während ihrer Zeit in St. Gallen kennenlernte.

Keinen Zweifel lässt sie daran, dass ihre Hauptaufgabe im klassischen Mühlenbetrieb liegt: „Der Online-Shop ist mein Nebengewerbe. Die Produkte werden hier in der Mühle hergestellt. Kommissionieren und Versenden mache ich im Moment noch allein. Wenn es sich gut entwickelt, werden wir für diesen Bereich vielleicht Mitarbeiter brauchen.“

Mitarbeiter Dariusz Chlopas stapelt frisch gefüllte Mehlsäcke.

Mitarbeiter Dariusz Chlopas stapelt frisch gefüllte Mehlsäcke. © Stefan Milk

Erste Müllermeisterin in der 100-jährigen Betriebsgeschichte

Dass es sich gut entwickeln wird, ist sehr wahrscheinlich. Lisa Sendker vermittelt den Eindruck, dass sie ihren Beruf wirklich liebt. Dass sie als Müllermeisterin in einer Männerdomäne arbeitet und damit die erste in der 100-jährigen Unternehmensgeschichte ist, ist für sie nebensächlich.

Viel wichtiger ist es, den Betrieb weiterzuentwickeln: „Ich habe noch viele Ideen und die Arbeit macht mir großen Spaß.“ Es war offensichtlich die richtige Entscheidung, sich beruflich nicht um Medien, sondern um Mehl zu kümmern.

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Sicherheit in Kamen/Bergkamen
Bodycams für den Ordnungsdienst: Sieht man die Körperkameras bald in Kamen oder Bergkamen?
Hellweger Anzeiger Ferienaktion „FZ Holidays“
Mini-Kamen einmal anders: „Die Kinder macht es glücklich, mal andere Gesichter zu sehen“
Hellweger Anzeiger AWO-Arbeitskreis
Spendebereitschaft in Kamen bleibt hoch: Hilfsgüter sind gut in Rumänien angekommen