Lebensmittel gefordert, Parolen skandiert

dzNovemberrevolution

Laute Umzüge durch Heeren bei der Novemberrevolution im Jahr 1918. Eine breite Mehrheit der Bergarbeiter begrüßte den Umsturz.

von Karl-Heinz Stoltefuß

Kamen

, 23.11.2018, 14:56 Uhr / Lesedauer: 2 min

Es wurden Verwünschungen gegen die frühere Ordnung und gegen die Kirche ausgestoßen“ schreibt der 1918 amtierende evangelische Pfarrer Friedrich Schulze über die Ereignisse der Revolution in Heeren-Werve. Von Kiel und Wilhelmshaven waren aufständische Matrosen nach Westfalen gekommen und gaben in vielen Städten den Anstoß zur Revolution.

Die Umsturzbewegung vollzog sich in fast allen Städten nach dem gleichen Muster. Sie begannen mit lärmenden Umzügen, der Befreiung von politischen Gefangenen sowie der Bildung von Arbeiter-Soldaten-Räten (ASR), die die militärische Gewalt und die Kontrolle über die Kommunalverwaltungen übernahmen. In Kamen erschienen am 9. November Abgesandte des Unnaer ASR. Der Umsturz vollzog sich sehr schnell. Am 11. November wehte bereits die rote Fahne auf dem Rathaus. Auch in Heeren-Werve wurden Umzüge durch die Gemeinde veranstaltet. Dabei wurden von Demonstranten Lebensmittel gefordert und Parolen skandiert. Der Gemeindevorsteher Friedrich Schulze Kump wurde abgesetzt. Es kam jedoch zu keinen nennenswerten Auseinandersetzungen. Eine breite Mehrheit der Bergarbeiter begrüßte den Umsturz. Sie wohnten in den Kolonien unter kläglichen Umständen. Die Löhne auf der Zeche waren unangemessen und es fehlte jegliche soziale Fürsorge. Bereits 1902 hatte sich ein SPD-Ortsverein gegründet.

Lebensmittel gefordert, Parolen skandiert

Die Häuser an der Langen Reihe entstanden bereits zurzeit der Zechenansiedlung 1887. Die Bewohner nahmen die widrigen Wohnverhältnisse gelassen. Alle erhofften sich von der Revolution eine Verbesserung.Archiv stoltefuß

Die Ereignisse der Revolution setzten sich in den folgenden Monaten fort. Heeren-Werve war auch betroffen, als am 1. April 1919 die Spartakisten im Ruhrgebiet zum Generalstreik aufriefen. Fast sämtliche Bergleute der Heerener Zeche Königsborn befolgten zunächst diesen Aufruf. In der Zechenchronik heißt es: „Wilde Streiks, Ausschreitungen und anderes brachten die Zeche zeitweise in Gefahr. Arbeiterräte wurden gebildet.“ Nach dem Ausrufen des Streiks antwortete die Reichsregierung mit dem Belagerungszustand, der am 3. April 1919 „verschärft“ über Heeren-Werve verhängt wurde. Die Truppen der Reichswehr waren auf dem von der Becke-Hof einquartiert. Die Stationierung der Versorgungswagen und der Feldküche erbrachte für die Bewohner einige Zusatzrationen an immer knapper werdenden Lebensmitteln. Die begleitende Fliegerstaffel lag unmittelbar an der Hammer Straße in Richtung Bönen. Von hieraus starteten und landeten, unter den staunenden Blicken vieler Dorfeinwohner, die Flieger ihre Einsätze. Der Belagerungszustand über Heeren-Werve wurde bereits am 10. April 1919 aufgehoben.

In den ersten Jahren nach der Revolution bestimmten politische Unruhen, Wohnungsnot und Versorgungsmängel das Leben der Bevölkerung. Lebensmittel waren weiterhin rationiert. Die großen Gärten in den Bergarbeitersiedlungen wurden jetzt intensiv genutzt. Viele schafften es, durch Anpachtung weiterer Flächen von Heeren-Werver Bauern, zum Selbstversorger zu werden. Felddiebstähle waren an der Tagesordnung. Zum Schutz vor Gewalttätigkeiten und Dieben stellte die Gemeindevertretung eine Sicherheitswehr mit 87 Männern auf. Es sollte bis 1924 dauern, dass sich die wirtschaftlichen Verhältnisse stabilisierten und die Lebensumstände der Arbeiter verbesserten.

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