In zehn Städten, darunter Kamen, haben Behörden Mietwohnungen der Altro-Mondo-Gruppe auf Mängel überprüft. Das Unternehmen wirft Bauministerin Ina Scharrenbach (CDU) eine politisch motivierte Aktion vor.

Kamen

, 17.09.2019, 17:24 Uhr / Lesedauer: 3 min

Defekte Aufzüge, mangelhafte Heizungen und drohende Versorgungsstopps: Solche Mieterbeschwerden über die Wohnungsunternehmen Altro Mondo und Degag gab es in den vergangenen Jahren nicht nur in Kamen, sondern auch in anderen Städten.

Bauministerin Ina Scharrenbach (CDU) hat das mutmaßliche schwarze Schaf der Wohnungsbranche nun ins Visier genommen – in Abstimmung mit Kommunen. In zehn Städten, darunter Kamen und Dortmund, schwärmten am Dienstag Kontrolleure im Rahmen einer städteübergreifenden Aktion aus, um Immobilien aus der Altro-Mondo- und Degag-Gruppe zu besichtigen. Gemeinden dürfen laut Gesetz insbesondere bei Anzeichen von Verwahrlosung regelmäßige Überprüfungen durchführen.

Allein in Kamen verwaltet Altro Mondo über 270 Wohnungen im Bereich Blumenstraße, Auf dem Spiek, Karl-Arnold-Straße und Erik-Nölting-Straße. Mitarbeiter aus den Fachbereichen Bauen, Soziales und Feuerwehr überprüften 20 Immobilien. Weitere Kontrollen örtlicher Behörden fanden nach Angaben des Ministeriums in Castrop-Rauxel, Dorsten, Dortmund, Duisburg, Hagen, Herne, Lemgo, Oerlinghausen und Wuppertal statt.

Diese Mängel hat die Stadt festgestellt

In Kamen stellten die Behördenmitarbeiter „vereinzelt Mängel an Rauchabzügen, Brandschutztüren sowie Aufzugsanlagen fest“, gab die Stadtverwaltung am Nachmittag bekannt. Die Stadt werde Degag/Altro Mondo auffordern, diese Mängel unverzüglich zu beheben. Bürgermeisterin Elke Kappen (SPD) erklärte: „Nachdem wir unsere Kontrollen im Wohnungsbestand der Degag/Altro Mondo im vergangenen Jahr deutlich verstärkt haben, sind wir froh darüber, dass bei der aktuellen Kontrolle keine nennenswerten sicherheitsrelevanten Mängel festgestellt wurden.“ Die Stadt lege großen Wert darauf, dass alle brandschutzrechtlichen Voraussetzungen erfüllt werden. Ein wichtiger Bestandteil von Wohnqualität sei darüber hinaus, dass die Aufzüge funktionieren.

Landesweite Kontrollen bei mutmaßlichem schwarzen Schaf der Wohnungsbranche

Die Wohnungsverwaltung Altro Mondo und die Immobiliengesellschaft Degag traten ab 2015 auf dem Kamener Wohnungsmarkt in Erscheinung – hier die Häuser Blumenstraße Nr. 6 (r.) und 7. © Stefan Milk

So begründet die Bauministerin die Kontrollen

Bauministerin Scharrenbach begründete die Aktion damit, dass es aus den beteiligten Kommunen ähnliche Schilderungen gibt: Defekte Aufzugsanlagen, defekte Heizungsanlagen/fehlende Warmwasserversorgung, Schimmelbefall und Abfallproblematik/Vermüllung.

Landesweite Kontrollen bei mutmaßlichem schwarzen Schaf der Wohnungsbranche

Ina Scharrenbach (CDU)

„Das ist kein Wohlverhalten eines Unternehmens.“
Ina Scharrenbach (CDU), Bauministerin aus Kamen

Wegen nicht bezahlter Versorgungsrechnungen drohten den Mieterinnen und Mietern zudem Wasser- und Wärmesperren.„Zahlungsrückstände für Wasser-, Abwasser-, Strom- und/oder Wärmeleistungen oder Maßnahmen zur Instandhaltung werden oftmals erst auf wiederholtes Tätigwerden von Behörden betrieben oder ausgeglichen. All das passiert auf dem Rücken von Mieterinnen und Mietern“, erklärte Scharrenbach.

Die Ministerin erhebt schwere Vorwürfe gegen die Wohnungsverwalter und -eigentümer: „Das ist kein Wohlverhalten eines Unternehmens und solche Unternehmen belasten massiv das Vertrauensverhältnis zwischen Vermieter und Mieter und schädigen das Gesamtbild der Wohnungswirtschaft. Das wollen wir in Nordrhein-Westfalen nicht.“

Das sagt Altro Mondo zu den Vorwürfen

Altro Mondo bestritt die von der Ministerin aufgelisteten Missstände auf Anfrage nicht. In einer Stellungnahme verwies das Unternehmen auf Investitionen in einer Gesamthöhe von rund 60 Millionen Euro, die in den vergangenen fünf Jahren in den Wohnungsbestand an den kontrollierten Standorten geflossen seien.

Trotzdem ließen sich Mängel nie ganz ausschließen. Bei Bekanntwerden würden „Abhilfemaßnahmen eingeleitet“, heißt es in der Stellungnahme. Falls die aktuellen Kontrollen Mängel ergäben, werde Altro Mondo sie beseitigen. Erste Rückmeldungen hätten ergeben, dass gravierende Mängel nicht aufgedeckt werden konnten. Das Unternehmen kündigte den Aufbau eines weiteren Standorts in NRW mit 30 Mitarbeitern an, „um näher an den Bedürfnissen der Mieter zu sein“.

„Sollten die Kontrollen ergeben, dass Mängel existieren, wird Altro Mondo diese beseitigen und selbstverständlich weiter mit den Behörden zusammenarbeiten.“
Altro Mondo

Altro Mondo: „Kontrollen offenkundig rein politisch motiviert“

Dem Ministerium lagen zunächst keine Ergebnisse der Kontrollen vor. Altro Mondo wurde von den Kontrollen überrascht und kritisierte sie als „offenkundig rein politisch motiviert“. Anders sei es nicht zu erklären, dass die Landesregierung niemals den Kontakt zu Altro Mondo oder den Eigentümern der Objekte gesucht habe. Diese stünden jederzeit für einen Dialog bereit.

Seit vier Jahren auf dem Kamener Wohnungsmarkt aktiv

Die Wohnungsverwaltung Altro Mondo und die Immobiliengesellschaft Deutsche Grundbesitz AG (Degag) erschienen ab Anfang 2015 auf dem Kamener Wohnungsmarkt. Mindestens 270 Wohnungen aus dem Bestand der Elad-Gruppe gingen in den Besitz der im Raum Hannover angesiedelten Immobiliengruppe über. Das Geschäftsmodell: Geld bei Anlegern einsammeln und Immobilien durch spekulative Genussrechte finanzieren. Geworben wird mit vergleichsweise hohen Renditen.

Renovierungsarbeiten, Runder Tisch und offene Rechnung

Die neuen Eigentümer begannen ab 2015 an mehreren Wohnblocks mit Renovierungsarbeiten innen und außen. Als sich Mieterbeschwerden unter anderem wegen defekter Aufzüge und schlechter Erreichbarkeit von Ansprechpartnern häuften, kam es im Dezember 2016 zu einer Demonstration von 100 Mietern. Anfang 2017 sicherte ein Vertreter von Altro Mondo bei einem Treffen mit dem Bürgermeister Verbesserungen beim Mieterdialog zu und kündigte weitere „umfangreiche Instandsetzungsarbeiten“ an. In einem Wohnblock auf dem Spiek drohte der Energieversorger Innogy Ende 2017 einen Wärme-Versorgungsstopp an, weil Rechnungen offen geblieben waren. Altro Mondo wendete den Stopp ab.

Zuletzt blieb es vergleichsweise ruhig um die Kamener Wohnungsbestände. Altro Mondo hat Vorwürfe von Mietern in der Vergangenheit immer wieder zurück gewiesen und beteuert, sich zügig gekümmert zu haben. Allen Beteuerungen zum Trotz knöpft sich jetzt Bauministerin Scharrenbach das Unternehmen vor.

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